Deutsche Bank beginnt ein Schrumpfprogramm

Späte Konsequenz aus der Finanzkrise – Aktienhandel wird aufgegeben, Dividende gestrichen
Von Lucas Zeise
|    Ausgabe vom 12. Juli 2019

Zwölf Jahre nach Beginn der großen Finanzkrise fängt endlich auch die Deutsche Bank aktiv mit dem Schrumpfen an. Der Aufsichtsrat der Bank tagte am vergangenen Sonntag und beschloss, 18 000 Arbeitsplätze zu streichen, das Investmentbanking mit weniger Kapital zu unterlegen, den Aktienhandel und die Emissionsbegleitung von Aktien bis auf ein Minimum ganz zu beenden, einen Großteil der Aktiva (Kredite und Derivate) in nominaler Höhe von 74 Mrd. Euro in eine „Bad Bank“ auszulagern, die Dividende für die Geschäftsjahre 2019 und 2020 zu streichen und aus dem Geschäft mit Staatsanleihen auszusteigen. Im Wertpapierhandel will sich die Bank auf das Geschäft mit Unternehmensanleihen und Devisen konzentrieren. Es bleibt das traditionelle Bankgeschäft mit Unternehmen (vor allem Kredite) und den „Privatkunden“ sowie die Vermögensverwaltung. Dass es sich bei der Operation um eine gezielte Schrumpfung handelt, wird auch daran deutlich, dass die Deutsche Bank ohne Kapitalerhöhung auskommen will, obwohl das Kürzungsprogramm in den kommenden dreieinhalb Jahren zunächst 7,4 Mrd. Extrakosten verursachen dürfte.
Die Finanzkrise mit ihrem Höhepunkt der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 war Ausdruck dafür, dass der Finanzsektor, verglichen mit der realen Wert- und Mehrwertproduktion der Weltwirtschaft, ins Riesenhafte gewachsen war. In der Krise verschwanden dann einige Banken. Fast immer wurden sie von der Konkurrenz geschluckt. Spektakulär war der Untergang von drei der fünf großen Investmentbanken (der Welt oder auch der Wall Street), in Deutschland der der Dresdner Bank und der WestLB. Die meisten Banken in aller Welt wurden von den Regierungen durch Garantien, Kredite und/oder direkte Kapitalbeteiligungen gestützt oder auch mit Zuschüssen verkauft, um sie vor der Pleite zu bewahren. Die eigentlich fällige drastische Schrumpfung des Finanzsektors wurde so abgemildert. Weil in der Nachkrisenzeit der Kreditbedarf der Unternehmen mäßig blieb, bestand die rationale Strategie der Bankvorstände darin, die aus der Finanzkrise verbliebenen Schäden abzuwickeln, das Geschäftsvolumen zu reduzieren, aber angesichts des weiter steigenden Reichtums der Reichen die Vermögensverwaltung zu verstärken.
Die Deutsche Bank beginnt den Schrumpfungsprozess im Ernst erst jetzt. Vor und in der Krise war die Deutsche Bank eine der stärksten weltweit, vor allem im Bereich Devisenhandel und Anleihen. Bei der Konstruktion von Wertpapieren aus US-amerikanischen Hypotheken, deren rasanter Wertverlust zum unmittelbaren Anlass für die Krise wurde, war die Bank ganz vorn mit dabei. Tatsächlich war die Deutsche Bank von der Krise selbst kaum und eher indirekt betroffen. Sie hatte die giftigen Hypothekenpapiere vorwiegend verkauft, nicht gekauft, und wurde als Gläubigerin der Pleiteunternehmen Hypo Real Estate, Lehman Brothers und vor allem AIG durch die Stützungsprogramme entschädigt. Der Ärger kam erst später, als die Deutsche Bank von den US-Behörden wegen ihrer führenden Rolle mehr als andere Banken mit hohen Strafen belegt wurde. Im Ergebnis wurde sie damit aus dem ohnehin kleiner werdenden Spekulationsgeschäft in den USA und weltweit zurückgedrängt. Sie ist heute, nach Jahren des erzwungenen Rückzugs aus dem Investmentbanking, immer noch überdimensioniert, aber ertragsschwächer als vergleichbar große britische, französische, spanische und Schweizer Banken. Ihr Überleben sichert der deutsche Staat.


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