Stahlarbeiter sind stinksauer

Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie im Leerlauf – Konzerne spielen auf Zeit
Von Willi Hendricks
|    Ausgabe vom 1. März 2019
In der vierten Verhandlung für die Stahlindustrie im Nordwesten haben die Arbeitgeber ein Angebot präsentiert, das die IG Metall als „nicht ausreichend“ bewertet. (Foto: Thomas Range)
In der vierten Verhandlung für die Stahlindustrie im Nordwesten haben die Arbeitgeber ein Angebot präsentiert, das die IG Metall als „nicht ausreichend“ bewertet. (Foto: Thomas Range)

Die Tarifverhandlungen zwischen der IG Metall und den Stahlkonzernen sind ohne greifbares Ergebnis in die fünfte Woche gegangen. Bereits in der ersten Runde, am 10. Januar, wurde die Verhandlung nach zwei Stunden vertagt. Am 27. Februar (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) ging es in die fünfte Verhandlungsrunde.
Die Forderungen der Gewerkschaft zielen auf merkliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen von 72 000 Beschäftigten in der nordwestdeutschen Eisen- und Stahlindustrie:
H 6 Prozent mehr Lohn und Gehalt ab 1. Januar 2019 (für 12 Monate)
H 1 800 Euro zusätzliche tarifliche Urlaubsvergütung. Sie kann in freie Zeit umgewandelt werden.
H Erhöhung der Ausbildungsvergütungen
H 600 Euro zusätzliche Urlaubsvergütung für die Auszubildenden
Die Gewerkschaft begründet die Forderungen mit der guten wirtschaftlichen Lage der Stahlindustrie. Preise, Umsätze und Erlöse sind nach „einem Einbruch in den drei Jahren deutlich gestiegen“. Der Verhandlungsführer und Bezirksleiter der IG Metall in NRW, Knut Giesler, machte klar: „Viele Konzerne haben in den letzten Wochen Rekordergebnisse vermeldet. Mit Stahl wird endlich wieder gutes Geld verdient. An dieser guten Entwicklung sind nun auch die Beschäftigten zu beteiligen.“
Mehrere Jahre übten Gewerkschaft und Stahlarbeiter Enthaltsamkeit, oft viel zu nachgiebig den Konzernbossen gegenüber. In der Regel wurde die Drohung mit Verlust von Arbeitsplätzen bei „überhöhten Forderungen“ angeführt. Auch trotz steigender Profite. Daher spricht es Hohn, dass erst in der vierten Verhandlungsrunde am 18. Februar die Stahlbosse ein derartig mickriges Angebot unterbreiteten, dass es den Verhandlungsführern der IG Metall die Zornesröte ins Gesicht trieb: 2,5 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von 27 Monaten. Statt der geforderten 1 800 Euro Urlaubsgeld nur 600 Euro. Aber keinen Cent für die Auszubildenden.
Für Dieter Lieske, Mitglied der IG-Metall-Verhandlungskommission und 1. Bevollmächtigte der IG Metall Duisburg, ist dieses Angebot „nichts Verhandelbares“. Die Stahlarbeiter seien stinksauer, es könne durchaus zu Unruhe in den Belegschaften kommen.
Noch im Januar räumten die Arbeitgeber zwar die gute wirtschaftliche Entwicklung ein, warnten jedoch vor künftigen Risiken durch einen neuen Einbruch. IG Metall und Arbeitgeber seien in den Verhandlungen „sehr weit auseinander“, befand der Verhandlungsführer der Stahlkonzerne und Chef von Thyssen-Krupp Steel, Andreas Goss. Er sehe angesichts der Forderung der IG Metall „kein Ufer“ für eine Einigung.
Ein Abschluss des Unternehmerangebotes käme einer Kapitulation gleich; von einer Verbesserung des Lebensniveaus gar nicht erst zu sprechen. Mit der fortdauernden Inflation geht der Reallohnverlust einher. Konzerne feiern Rekorde, doch die Werktätigen gehen leer aus. Was Wunder, dass immer mehr Vollbeschäftigte selbst bei Eisen und Stahl einen Nebenjob suchen, um mit ihren Familien über die Runden zu kommen. Auf diese bedrohliche Entwicklung hatte die Hans-Böckler-Stiftung schon im Dezember 2011 in einer beachtenswerten Analyse aufmerksam gemacht. Verschlechterte Arbeitsbedingungen, Reallohnverluste und weitere Einschränkung der Lebensqualität sind nicht länger hinnehmbar.


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