Ohne Partei weder Gedanke noch Tat

Warum Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht heute nötiger sind denn je
Von Dietmar Dath
|    Ausgabe vom 11. Januar 2019

Neulich lernte ich in Berlin einen gebildeten, linken Amerikaner kennen, der mir eine Theorie erzählte, die er sich hatte einfallen lassen: Die von Präsident Trump angekündigte Mauer sei nicht nur eine Vorrichtung zur Abwehr unerwünschter Zuwanderung, sondern auch Signal der Verschärfung des Klassenkampfes nach innen. Außerdem stelle der quasimilitärisch organisierte Einsatz von Tränengas gegen Unerwünschte an der Grenze zu Mexiko ein Vorzeichen künftiger innenpolitischer Gangartverschärfungen dar. Ich erwiderte: äußerer und innerer Militarismus, so nannte das Karl Liebknecht. Wahrscheinlich könnte man über den Zusammenhang zwischen einerseits dem in den USA gesetzlich festgeschriebenen Verbot, das Militär auf dem eigenen Staatsgebiet als Ordnungsmacht einzusetzen, und andererseits der Nationalgarde und der

Karl Liebknecht

Karl Liebknecht

( Michael Sammler)

bürgerkriegstauglich hochgerüsteten Polizei dort Überlegungen anstellen, die denen Liebknechts übers stehende Heer, Reserve, Landsturm, Polizei und Klassenjustiz glichen. Ich hielt die Bemerkung für wenig originell. Aber der Amerikaner fragte nach: „Karl Liebknecht, war das nicht ein Freund von Friedrich Engels?“
Dieser Engels ist, wie Marx, jemand, den ein linker gebildeter Amerikaner kennt. An den Universitäten der USA wird Marx oft zitiert, Engels seltener, aber auch. Der Amerikaner ließ sich gern aufklären: Derjenige Liebknecht, an den er dachte, sei Wilhelm gewesen, ich aber meinte dessen Sohn Karl, einen der Mitbegründer der KPD, zusammen mit Rosa Luxemburg (die der Amerikaner nur dem Namen nach kannte). Beide wurden ermordet, von Freikorps, wie es sie in Amerika unterm Namen „militias“ heute noch gibt. Der Mann, der das alles nicht wusste, ist kein Ahnungsloser. Er hat über Sozialgeschichte und Befreiungskämpfe publiziert und Vorträge gehalten. Aber obwohl er sogar Deutsch versteht und liest, kannte er Karl Liebknecht nicht und wusste also auch nichts von dem Text aus dem Jahr 1910, an den ich dachte, in dem dieser Liebknecht unter anderem starke Worte gegen die Abscheulichkeiten des „Landsknechtsübermuts“ fand, der ihn dann rund zehn Jahre später das Leben kosten sollte.
Im selben Text stehen Sätze, die fürchterlich aktuell sind und mit jedem Update einschlägiger Nachrichtenseiten im Internet aktueller werden, beziehe man sie nun auf Nahost oder auf das Schwarze Meer, auf die Bundeswehr so gut wie aufs Militär der USA: „Der äußere wie der innere Militarismus ist ein Werkzeug in den Händen der herrschenden Klassen für die Interessen der herrschenden Klassen. Er ist die festeste Schutzwehr und das wirksamste Unterdrückungs- und Ausbeutungsinstrument der herrschenden Klassen. Er gibt diesen die Möglichkeit, auch gegen den Willen der großen Mehrheit des Volkes wenigstens für geraume Zeit ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten, und ist ein Hindernis der friedlich-organischen Fortentwicklung der Gesellschaft. Er ist eine immer unerträglichere wirtschaftliche, politische und moralische Last für die Masse des Volkes und eine Gefährdung des Völkerfriedens. Wenn er auch zur Ausbildung einer terroristischen Autokratie neigt, so ist er an sich nicht Selbstzweck, sondern nur die Schutz-und-Trutz-Erscheinungsform aller ausbeutenden und unterdrückenden Mächte, die Reaktion und der Kapitalismus in Waffen. Er birgt in sich selbst zahlreiche Widersprüche. Seine Interessen und Bedürfnisse stehen vielfach im Gegensatz zu den unmittelbaren Profitinteressen des Kapitalismus, dem er doch in letzter Linie zu dienen bestimmt ist. Wichtige Entwicklungstendenzen des Kapitalismus selbst wirken zur Untergrabung seiner Voraussetzungen. Dieser dialektische Zersetzungsprozess geht neben dem allgemeinen dialektischen Zersetzungsprozess des Kapitalismus einher, und der allgemeine Kampf gegen den Kapitalismus und gegen alle Reaktion trifft auch den Militarismus mit. Dennoch ist bei seiner besonderen Gefährlichkeit eine spezialisierte und besonders energische Bekämpfung eine Lebensnotwendigkeit für das Proletariat.“ Mein neuer Bekannter aus Amerika klagte über die politische Schwäche der US-amerikanischen Linken. Bedrückt ließ er mich wissen: „Die schlimmste Ironie ist, dass wir ausgerechnet auf Donald Trump warten mussten, damit unsere Truppen aus Syrien abziehen, auch wenn das ein widersprüchlicher Vorgang ist und etwa der Türkei mehr Handlungsspielraum für Verbrechen verschafft. Barack Obama, dem so viele Hoffnungen der Linken galten, verschärfte 2009 die Drohnenkriegsführung wie kein Präsident vor ihm.“
Über die Gründe für die Schwäche der amerikanischen Linken äußerte der Klagende interessante Vermutungen: Korrumpierung von Teilen der nicht herrschenden Klassen durch direkte und indirekte Teilhabe an Sklaverei wie Landraub, Unterdrückung und Vernichtung der Ureinwohnerschaft, erfolgreiche Anwendung der Strategie „Teile und herrsche“ seitens der Mächtigen wider ethnisch verschiedene Gruppen nicht nur des Industrieproletariats, politische Fehler der Demokratischen Partei schließlich. Als ich nach der Stellung dieser Organisation zum Sozialismus fragte, weil aus ihren Reihen in letzter Zeit prosozialistische Töne zu hören sind, sagte er, er kenne in seiner Heimat nur Linke, die den Sozialismus als Staatenverbund wie als Parteigedanken für einen Irrweg, bestenfalls einen Umweg zurück zu einem allenfalls leicht sozialdemokratisch gefärbten Linksliberalismus hielten. Diesen Linksliberalismus nennen manche seiner Landsleute derzeit „demokratischen Sozialismus“, um ihn von der älteren westlichen Sozialdemokratie abzusetzen. Er wies mich auf ein soeben erschienenes, in den USA breit diskutiertes Buch hin, das eine Abrechnung mit dieser älteren westlichen Sozialdemokratie darstellt: „Leftism reinvented“, also deutsch so etwas wie: „Die Linke neu erfunden“, wobei „Leftism“ sprachlich streng nicht mit „Die Linke“ wiederzugeben wäre, sondern mit einem hässlichen Wort wie „Linksismus“.
Neu erfunden werden muss dieses Ding nach Ansicht der Autorin Stephanie L. Mudge, die an der University of California in Davis Soziologie lehrt, weil die Sozialdemokratie des Westens in den Neunzigern plötzlich angefangen habe, den falschen Experten zuzuhören und zum Neoliberalismus überzulaufen.

Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg

( Michael Sammler)

Das Hühnchen, das Frau Mudge hier mit der schwedischen und deutschen Sozialdemokratie, der amerikanischen Democratic Party und der britischen Labour Party zu rupfen hat, kräht einigermaßen richtig. Erstaunlich an Mudges immerhin fünfhundert Seiten umfassender Recherchefleißarbeit aber sind die blinden Flecken und toten Winkel darin, die alles betreffen, was eben nicht „Linksismus“ ist, sondern die reale Geschichte von sozialen Trägerinnen und Trägern sozialistischer Ideen, von Bewegungen und Parteien links der keynesianischen Sozialdemokratie.
Im Namensverzeichnis von Mudges Buch, das immerhin den Anspruch erhebt, die Vorgeschichte seines Gegenstandes bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert zurückzuverfolgen, kommt so zwar Wilhelm Liebknecht vor (der im Buch als Teilnehmer an der Anschubphase der deutschen Sozialdemokratie gewürdigt wird), aber weder sein Sohn Karl noch Rosa Luxemburg.
Sehr merkwürdig: Hier haben wir also eine Sozialhistorikerin vor uns, die offenbar ehrlich davon überzeugt ist, dass es linker Kritik und Politik heute unter anderem darum gehen muss, die jüngere Sozialdemokratie für ihren Sozialraub und ihre bestenfalls zweideutige Haltung im Kriegsfragen zur Verantwortung zu ziehen. Aber dieselbe Sozialhistorikerin ignoriert in Gestalt von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg just diejenigen beiden Menschen, die mehr als irgendwer sonst dagegen unternommen haben, dass die SPD so ekelhaft verkommt.
Warum ist das so? Es könnte damit zu tun haben, dass Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht es beim Anprangern des moralischen und politischen Zusammenbuchs der SPD nicht haben bewenden lassen. Stattdessen riefen sie in Gestalt der „Gruppe Internationale“, später des Spartakusbundes, mit anderen zunächst ein Organisationszentrum des antimilitaristischen und antirevisionistischen Widerstandes gegen den SPD-Verrat ins Leben, arbeiteten dann mit einer Abspaltung jener kompromittierten SPD namens „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (USPD) zusammen und beteiligten sich schließlich an der Gründung der KPD. Der linke Flügel des Antikommunismus, soweit es so etwas gibt, zitiert bekanntlich bis heute Luxemburg mit kritischen Sätzen gegen Lenin und dessen Parteikonzeption, in denen sie für robusteren, freieren innersozialistischen Streit eintritt als die junge, von innen wie außen tödlich bedrohte Sowjetunion zuließ. Was man jedoch lieber nicht zitiert, ist etwa der glasklare Gedanke: „Das deutsche Proletariat braucht heute an seiner Spitze eine sozialistische Partei, die der großen Stunde gewachsen ist.“ Dieser Satz wurde veröffentlicht am 3. Dezember 1918 in der „Roten Fahne“, Überschrift: „Die ‚unreife‘ Masse“. Die Anführungszeichen in der Überschrift sollten davor warnen, dass sich eine Führung, die taktiert, paktiert und versagt, auf den mangelnden Reifegrad der von ihr schlecht angeleiteten Masse herausreden könnte – eine Warnung, die nichts von ihrem Wert verloren hat. Diejenigen, die aus Rosa Luxemburg im Nachhinein eine bürgerliche Liberale im roten Kostüm machen wollen, können kaum ertragen, daran erinnert zu werden, wo sie wirklich stand, nachzulesen in einem Fragment aus der Zeit ihrer Auseinandersetzung mit der russischen Revolution: „Worauf es ankommt, ist, das eigentliche Problem dieser Periode zu begreifen. Dieses Problem heißt: Diktatur des Proletariats, Verwirklichung des Sozialismus.“
Im selben Schaffensabschnitt benannte sie „das Bleibende“ an der Politik der Bolschewiki: ihrer Überzeugung nach die Bereitschaft, der genannten revolutionären Aufgabe nicht auszuweichen, anders als der westliche „Leftism“ der Herren Karl Kautsky und Konsorten. „In diesem Sinne“, schrieb sie, „gehört die Zukunft überall dem ‚Bolschewismus‘.“
Den Text, in dem das steht, hat sie nicht vollendet, aber um das, was diese Worte meinen, für Deutschland nicht zu verpassen, nahm sie teil an der Reichskonferenz des Spartakusbundes Ende Dezember 1918, der dann zum konstituierenden Parteitag der KPD wurde. Auf dieser Veranstaltung sprach Liebknecht über die leider trübe jüngste Geschichte der USPD, um den Grund für die eigene Parteigründung offenzulegen, und Rosa Luxemburg legte das Programm der neuen Organisation dar. Damit vollzog sich in diesen beiden außergewöhnlichen Menschen an einem historischen Scheitelpunkt die sozialistische Ideengeschichte als Bewegungsgeschichte und darüber hinaus diese Bewegungsgeschichte als Parteigeschichte – genau die Art Praxis der Theorie und Theorie der Praxis also, die den Marxismus von allen anderen Ansätzen zum besseren Leben unterscheidet, weil er ein Vermögen von historischen Gelegenheiten zu Vergleichen und Unterscheidungen bereitstellt.
So können wir seither Fragen stellen wie: Was unterscheidet die Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit von der USPD, was die DKP von der KPD, was die Gelbwesten in Frankreich von der Tea Party in den USA? Solche Fragen sind die Erkenntniswege zum Verstehen der Lage; dagegen sieht das Verfahren, den Kurs einer gekauften, demoralisierten und zerfahrenen Sozialdemokratie an den Therapievorschlägen von John Maynard Keynes zu messen, sehr alt aus.
Man mag darum trauern, dass im November 1918 die KPD als Kristallisationskern noch nicht vorhanden war, was den sozialdemokratischen Verbrechern Ebert, Scheidemann und Noske die Erstickung der Revolution erleichterte. Aber umso deutlicher sieht man im Rückblick, dass die perspektivische Voraussetzung für richtige Analysen selbst parteiloser Intelligenz, erst recht aber für richtiges Handeln das ist, was Luxemburg und Liebknecht mitschufen: Eine sozialistische Partei, die nicht nur den großen, sondern auch den kleinen, nicht nur den kurzen und revolutionären, sondern auch den langen und mühseligen Stunden gewachsen ist.


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Leserbrief zu Artikel »Ohne Partei weder Gedanke noch Tat«, UZ vom 11. Januar 2019





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