Irrsinn mit Methode

Arnold Schölzel über die Biowaffen-Forschung der USA und Deutschlands
|    Ausgabe vom 19. Oktober 2018

Arnold Schölzel ist stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung „junge welt“.

Arnold Schölzel ist stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung „junge welt“.

Der Appetit kommt beim Essen. Siehe das mit Panzer- und Truppenverschickung nach Norwegen nun anlaufende NATO-Manöver „Trident-Juncture“. Am 10. Oktober teilt die FAZ per Kurzmeldung mit: „Das größte Herbstmanöver der NATO seit Ende des Ost-West-Konflikts wächst weiter.“ An der Übung, die vom 25. Oktober bis zum 7. November stattfindet, „werden nun rund 50 000 Soldaten teilnehmen“. Das reicht, um nahtlos den Ost-West-Konflikt weiterzuführen.
So werden aus angekündigten 40000 NATO-Soldaten, die Krieg gegen Russland trainieren, innerhalb von Tagen 50000. Die angeblich zu keinem Schuss zu gebrauchende Bundeswehr stellt davon 10 000 und Donald Trump, der doch die NATO überhaupt nicht mag, schickt den Flugzeugträger „Harry S. Truman“ plus Begleitschiffen.
Es ist Irrsinn mit Methode einschließlich gefährlichem Blödsinn. Das „Bayern-SDI“ des Markus Söder besagt, was nicht nur an bayerischen Kaminen in München, der Stadt der sieben Dax-Konzerne, geträumt wird: Die deutschen Eichen sollen wieder in den Himmel wachsen. Unübertroffen aber bleibt bei Irrsinn mit wissenschaftlicher Methode „Mordamerika“ (Peter Hacks). Am 5. Oktober berichtete der Leiter des FAZ-Ressorts „Natur und Wissenschaft“, der Biologe Joachim Müller-Jung, von einem US-Forschungsprogramm, das an die 50er Jahre erinnert. Damals wurde die CIA zeitweilig verdächtigt, missliebigen Staaten gefräßige Kartoffelkäfer auf die Knollenäcker zu schicken. Das war am Ausgang der Dampfmaschinenära, heute ist alles High-Tech. Müller-Jung legt das anhand einer Charakteristik der „Darpa“ dar. Die sei „wissenschaftlicher Arm des amerikanischen Verteidigungsministeriums, ebenso berühmt wie berüchtigt für ihren radikalen Innovationsgeist“. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek komme bei ihr „schon mal ins Schwärmen“. Für die CDU-Politikerin stand die Darpa nämlich Pate, als sie die „neue Hundert-Millionen-Euro-‚Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen’“ per Kabinettsbeschluss im August auf den Weg brachte. Müller-Jung: „Wo die Darpa mit ihrem prallen Dollarsäckel sät, schießen große Ideen und technische Revolutionen wie Pilze aus dem Boden. So jedenfalls die Legende.“ Das klingt im Petagon-Umfeld schlecht und ist es auch, wie der Autor zeigt.
Die Darpa hat nämlich ein Forschungsprogramm mit 27 Millionen US-Dollar ausgestattet, das den Titel „Insect Allies“ – „Insekten als Verbündete“ trägt. Angeblich geht es es um „Gegenmaßnahmen für den Fall natürlicher und technisch erzeugter Gefahren für die Nahrungsversorgung und die amerikanische Landwirtschaft“. Also Landesverteidigung gegen Bioangriffe? Deutsche und französische Wissenschaftler sagen nun in der angesehenen US-Zeitschrift „Science“: Stimmt nicht. Es gehe Darpa um Entwicklung eigener Biowaffen. Müller-Jung zitiert Silja Vöneky, Ko-Direktorin am Institut für Öffentliches Recht der Universität Freiburg: „Wir sagen nicht, dass die Darpa derzeit gegen die Biowaffen-Konvention verstößt“, aber den öffentlich zugänglichen Dokumente nach sei das Forschungsprogramm ein Versuch, offensive biologische Agenzien zu entwickeln. Konkret geht es um im Labor erzeugte Viren, die schnell durch Insekten verbreitet werden und die am Ende das Genmaterial von Nutzpflanzen manipulieren sollen. Durch den Biss der infizierten Insekten – wie Kleinzikaden, Schild- und Blattläuse –, so Müller-Jung, „werden auf breiter Fläche die Pflanzen gentechnisch buchstäblich umprogrammiert“. Dem Darpa-Buchstaben nach geht es um Schutz von Getreidefeldern, daran haben die Kritiker aber Zweifel: Insbesondere die Verwendung von Insekten als Überträgern der Fremdgene wecke ihr Misstrauen. Klassisches Versprühen reiche aus. Es handele sich vielmehr „um eine ganz neue Klasse von Biowaffen“.
Noch haben, so schließt der Artikel, die Experimente nicht begonnen, die Darpa treibe solche Entwicklungen aber „ohne jede öffentliche oder biopolitische Debatte“ voran. Debatte ist von Pentagon, NATO oder SDI-Söder auch etwas viel verlangt.


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Leserbrief zu Artikel »Irrsinn mit Methode«, UZ vom 19. Oktober 2018





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