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Erneut Streik bei Halberg Guss
Von Stefan Kühner
|    Ausgabe vom 28. September 2018
Streik bei Halberg Guss in Saarbrücken (19. September 2018). (Foto: Die Linke Saarland)
Streik bei Halberg Guss in Saarbrücken (19. September 2018). (Foto: Die Linke Saarland)

Die 700 Beschäftigten des Auto-Zulieferers Neue Halberg Guss (NHG) folgten Anfang letzter Woche erneut einem Aufruf der IG Metall und traten in einen eintägigen Streik, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Bernd Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Leipzig, erklärt warum: „Die Wiederaufnahme des Streiks und die erneut hohe Beteiligung zeigen der Geschäftsleitung und dem Eigentümer Prevent, dass die Beschäftigten es ernst meinen und nicht nachlassen, bis ihre Forderungen nach einem Sozialtarifvertrag erfüllt sind.“ Und IGM-Sekretär Thomas Arnold ergänzt: Zwei Botschaften gehen von dieser Demo aus.  An die Geschäftsleitung: „Wir sind jederzeit wieder kampfbereit.“ Und an die Halberg-Kunden: „Wir wollen produzieren und euch rechtzeitig beliefern.“ Einen Tag später treten auch 600 Kollegen von Halberg in Saarbrücken in den Streik.
Die lokale „Saarbrücker Zeitung“ zeigt Verständnis für den Kampf der Kollegen von Halberg Guss. „Die Kundgebung gab den Gefühlen Raum: der Angst, der Unsicherheit, dem Unmut und der Wut auf die Prevent-Gruppe, die Mitte Januar die Gießerei übernommen hat. Seither geht bei den 1 500 Beschäftigten in Saarbrücken und vor allem bei den 700 Beschäftigten in Leipzig die Angst um. Das Leipziger Werk soll vollständig geschlossen und in Saarbrücken sollen 300 Beschäftigte rausgeschmissen werden. Dagegen standen die Halberg-Kolleginnen und -Kollegen vom 14. Juni bis Ende Juli im Streik. Sie wollen zumindest einen anständigen Sozialplan und ordentliche Abfindungen. Die Verhandlungen darüber scheiterten, ebenso die Schlichtung.
Die deutschen Automobilbauer stehen gewaltig unter Druck. Manipulationen bei der Abgasreinigung, vor allem bei Dieselfahrzeugen, drohen die Profite merklich zu schmälern. Zusätzlich erfordert der Trend zur Elektro-Mobilität und zum „autonomen Fahren“ Kapital für Entwicklungsprojekte. In den Konzernzentralen versucht man, den Druck auf die Belegschaften und die Zulieferer abzuwälzen. Letztere geben diesen in einer Kettenreaktion dann unmittelbar an die eigenen Belegschaften weiter. Häufig sind diese Zulieferfirmen mittelständige Unternehmen, die unter anderem zum Mittel der Tarifflucht greifen. Das heißt, dass die Beschäftigten plötzlich ohne Tarifvertrag dastehen. Die Geschäftsleitungen verweigern Tariferhöhungen, verlangen Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder fordern unentgeltliche Mehrarbeit.
Die Belegschaftsvertretungen im Mittelstand haben oftmals nicht die Rückendeckung gewerkschaftlich gut organisierter Belegschaften wie bei VW, Daimler oder BMW. In allen Teilen der Republik kämpfen sie aber trotzdem mit Hilfe der IG Metall um ihre Tarifverträge.
Wenn die Zulieferfirmen nicht spuren, drohen die Konzerne, keine Folgeaufträge mehr zu vergeben. Im Fall von Prevent waren dies nicht bloße Drohungen, sondern harte Realität. Bereits 2016 hatten sich Unternehmen der Prevent-Gruppe mit VW angelegt und Lieferungen von speziellen Teilen verweigert, um mehr Geld zu bekommen. In mehreren VW-Werken standen damals die Bänder still. Prevent und VW hatten sich nach hartem Streit nochmals geeinigt. Nach Medienberichten hat VW Anfang April alle Verträge mit Prevent gecancelt.
Die Auslagerung von Komponenten in der Automobil-Industrie ist kein neues Phänomen. Das Statistikportal statista zeigt auf, dass der Wertschöpfungsanteil in der Automobilindustrie von 56 Prozent im Jahr 1985 auf 82 Prozent im Jahr 2015 gestiegen ist. Das heißt, der größte Teil der Fahrzeuge wird nicht bei VW, Daimler, BMW gebaut, sondern bei den Zulieferern. Diese übernehmen die Verantwortung nicht nur für kleine Einzelteile, sondern auch für hochkomplexe Komponenten. Der Hersteller Hella entwickelt und liefert zum Beispiel die kompletten Lichtlösungen von Fahrzeugen. Frontleuchten und Rückleuchten werden als fertige Module „just in Time“ an die Bänder des Automobil-Herstellers geliefert. Das macht die Automobilhersteller abhängig von ihren Zulieferfirmen. Kommen vom Zulieferer die Komponenten nicht rechtzeitig an die Bänder, stehen diese still.
Einige Zulieferer bilden, nicht zuletzt auf Grund des Drucks der Einkäufer der Auto-Konzerne, allerdings ebenfalls Firmen-Kartelle, um ihre eigenen Kosten zu senken und ihre Verhandlungsposition zu stärken. Einer dieser Zulieferer ist Prevent. Das Unternehmen kaufte in den vergangenen Jahren nach und nach Zulieferfirmen aus der Automobilzuliefer-Branche. Teilweise haben diese aufgekauften Firmen gleiche oder ähnliche Produkte. Hier ergeben sich dann sogenannte Synergieeffekte, die für die Beschäftigten fatal werden können.
Anlässlich des Konflikts von VW und Prevent schrieb „Spiegel Online“ von einem Kampf „David gegen Goliath.“ Die Beschäftigten konnten und können sich über diese Kämpfe von verschiedenen Konzernen nicht freuen. Sie sind auch nicht die „lachenden Dritten“, sondern immer wieder die Verlierer. Auf ihren Rücken werden die Profitkämpfe zwischen den Automobil-Konzernen und ihren Zulieferern ausgetragen.
„Die Prevent-Gruppe darf ihre Unternehmensstrategie nicht auf dem Rücken und zu Lasten der Beschäftigten durchsetzen“, meint Bernd Kruppa. Er zieht auch die Konzernführung von VW zur Verantwortung. „Was die Beschäftigten bei Halberg brauchen, ist ein tragfähiges Unternehmenskonzept, das die Zukunft aller Arbeitsplätze sichert.“
Deshalb steht auch die DKP Saarbrücken solidarisch an der Seite der Halberger und fordert: „Keine Standortschließungen – keine Entlassungen! Arbeitsplatzgarantien!“


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Leserbrief zu Artikel »Druck wird durchgereicht«, UZ vom 28. September 2018





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