Ostfront

Klaus Wagener zur Aufrüstung gegen Russland
|    Ausgabe vom 11. Mai 2018

Der Russe steht wieder vor der Tür. Nein, nicht nur vor der Tür. Er hockt auch in jedem Computer, in jedem Smartphone. Es gibt praktisch keine Schurkerei, zu der der Russe nicht fähig ist. Von der Manipulation der US-Präsidentschaftswahl und der sozialen Medien über die Vergiftung eines Ex-Spions und einem Giftgasanschlag in Syrien bis hin zum Krieg in der Ukraine und der Annexion der Krim ist alles dabei. Und diesmal hat der Russe auch einen Namen: Wladimir Putin.
Unter Aufbietung aller Kräfte wird sich der freie Westen dieser furchtbaren Bedrohung aus dem Osten entgegenwerfen. Es gilt, die Länder Osteuropas vor der „russischen Aggression“ zu schützen. Raketenabwehrschirme werden errichtet. Spezialeinsatzkräfte, Panzer, Haubitzen und Truppen werden an die Ostfront geworfen, Kommandostäbe errichtet, Straßen, Brücken, Unterführungen „kriegstauglich“ verstärkt und verbreitert, damit die Räder rollen können. Für den Sieg. Diesmal stehen „wir“ schon zu Anfang kurz vor Leningrad und Stalingrad, diesmal könnte es klappen – mit dem „Ami“ im Rücken.
Wir leben in postfaktischen Zeiten. Oder anders formuliert: Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Es ist nicht mehr nötig, Beweise vorzulegen, nicht einmal mehr gefälschte. Es reicht die nackte Behauptung. Je weiter sich die imperiale Lebenswirklichkeit von den Bedürfnissen der Menschen entfernt, umso größer und häufiger die Lügen. Warum in aller Welt sollte die russische Führung ein Interesse an der Ermordung Sergej und Julia Skripals haben? Oder warum sollte der syrische Präsident Baschar al-Assad einen Giftgasangriff auf eine Region durchführen lassen, die er binnen Tagen ohnehin zurückerobert hat? Egal, die Raketen fliegen, auch wenn nicht einmal feststeht, ob es überhaupt einen Giftgasangriff gegeben hat. Ironischerweise auch auf ein Gebäude, in dem angeblich Giftgas produziert wurde. Das hätte katastrophale Folgen gehabt, wenn die Propaganda gestimmt hätte.
Von ähnlicher Qualität ist die Behauptung, Russland hätte Eroberungsgelüste in Bezug auf Osteuropa. Nachdem der „Freie Westen“ mithilfe von Mördern und Faschisten die gewählte Regierung in Kiew aus dem Amt geputscht hatte, blieb der EU kaum eine andere Wahl, als die bankrotten Putschisten an den Finanztropf zu hängen. Fortan sah sich Osteuropa und das gesamte Baltikum unmittelbar durch den Einmarsch des Russen bedroht. Mit der Behauptung, vom Russen bedroht zu werden, ist seit der Truman-Doktrin von 1947 auf einfache Art viel Geld zu machen.
Das gilt natürlich auch für die militärisch-industriellen Komplexe des „Freien Westens“. Die gigantische Kriegsmaschine USA braucht Feinde wie die Luft zum Atmen. Ähnliches gilt für die deutsche und europäische Kriegsindustrie. Das US-Imperium schwächelt. Da wittern die europäischen Militaristen Morgenluft.
Es soll aufgerüstet werden. Die Groko in Deutschland will nahezu eine Verdoppelung der Rüstungsausgaben. Das ist ihre wichtigste Aufgabe. Auf dem Nato-Gipfel 2002 in Prag wurde das „2-Prozent-Ziel“ beschlossen. Ein willkürlicher, bürokratischer Akt soll nun als Basis für eine europäische Hochrüstung herhalten. Und dazu erscheint der Russe als Feindbild immer noch geeigneter als al-Kaida. Zumal letztere momentan nicht gerade auf der Gewinnerstraße sind. Allerdings ist Russland eine Atommacht. Eine sehr reale.
Es geht um den Versuch, militärischer Kumpan des Imperiums zu werden, es irgendwann zu beerben. Dieser Versuch ist gleichermaßen gefährlich wie dumm. 2001 hat Wladimir Putin im Deutschen Bundestag eine Zusammenarbeit Russlands mit Deutschland und Europa vorgeschlagen. Der deutsche Imperialismus hat dieses Angebot eines der rohstoffreichsten Länder der Erde ausgeschlagen und sich für atlantische Nibelungentreue zum US-Imperium entschieden. Möglicherweise eine seiner großen Fehlentscheidungen. Das schicksalhafte Treuebekenntnis, auch im Untergang, ist den Deutschen schon mehrfach mächtig auf die Füße gefallen. Das tödlichste Mal, vor über 70 Jahren, ist noch in „guter“ Erinnerung.


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Leserbrief zu »Ostfront«, UZ vom 11. Mai 2018





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