Interview

Konsum statt Gedenken?

Christoph Hentschel im Gespräch mit Ilse Jacob
|    Ausgabe vom 11. Mai 2018
Kundgebung während der Eröffnungsfeierlichkeiten am 2. Mai (Foto: Ilse Jacob)
Kundgebung während der Eröffnungsfeierlichkeiten am 2. Mai (Foto: Ilse Jacob)

UZ: 2009 hat der CDU-geführte Senat das Stadthaus, die ehemalige Polizeizentrale für Norddeutschland, an die Quantum verkauft. Quantum verpflichtete sich, dort eine 750 Quadratmeter große Gedenkstätte einzurichten. Was ist daraus geworden?

Ilse Jacob: Aus diesen vielen Quadratmetern sind inzwischen 70 Quadratmeter geworden. Auf denen soll nun einerseits an diejenigen erinnert werden, die die Polizei in Hamburg geführt haben, und an diejenigen, die hier in diesem Haus als Gefangene der Gestapo misshandelt worden sind. Neben der Gestapo gab es auch andere Abteilungen der Polizei, die in die Verbrechen des Naziregimes verwickelt waren. Die Geschichte der Polizei muss dargestellt werden, denn die war mit allen ihren Abteilungen wichtig für das Funktionieren der Naziherrschaft gewesen. Dafür sind jetzt noch 70 Quadratmeter vorgesehen, ein „Dreiklang“ aus Buchhandlung, Café und Ausstellung soll hier entstehen. Das heißt, für die wirkliche Ausstellung bleiben jetzt 13 Meter Wandfläche. Unter diesen Umständen kann keine würdige Gedenkstätte entstehen, wie es mal im Kaufvertrag hieß.

UZ: Die VVN-BdA Hamburg kritisiert das. Was ist euer Gegenvorschlag?

Ilse Jacob: Im Stadthaus gibt es große Flächen, die noch nicht vermietet oder verpachtet sind, und die würden sich für eine würdige Gedenkstätte eignen. Aber wir werden immer nur vertröstet mit dem Satz: Da verhandeln wir noch.

UZ: Der Senat hat sich ja mit dem Verkauf alle Einflussmöglichkeiten selber genommen und schweigt dazu. Mit dieser Mini-Gedenkstätte würde ja auch die erste privatisierte Gedenkstätte entstehen.

Ilse Jacob: Ja, das stimmt, aber man darf das Gedenken an die Opfer der Nazibarbarei nicht einem privaten Investor überlassen, der das dann in ein feudales Einkaufszentrum mit lauter Luxusgeschäften eingliedert. Ich finde, die Stadt ist verpflichtet, selber solche Gedenkstätten einzurichten. Das ist ja in anderen Städten auch getan worden, wie zum Beispiel Köln, München, Münster oder Berlin. Der Hamburger Senat hat eine Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass an diesen Teil der Hamburgischen Geschichte in angemessener Weise erinnert wird.

UZ: Wie steht Quantum dazu? Gibt es dort Reaktionen auf euren Protest?

Ilse Jacob: Ich habe nur mal in der „Hamburger Morgenpost“ gelesen, dass Quantum versucht hätte, diese Verpflichtung an jemand anderes weiterzuverkaufen und dass es ihnen nicht gelungen sei. Aber inzwischen ist eine ärztliche Vereinigung Mitbesitzer des Stadthauses geworden.
Der Senat hat immerhin einen Beirat einberufen, der beraten soll, wie man mit diesem kleinen Raum gut umgehen soll und nicht, wie denn wirklich eine geeignete Ausstellung aussehen müsste.

UZ: Das Stadthaus ist 1943 zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut worden. Seit wann wird versucht, die Rolle dieses Gebäudes und die der Polizei aufzuarbeiten und dort eine Gedenkstätte einzurichten?

Ilse Jacob: Das Stadthaus war nach dem Krieg der Sitz der Baubehörde. Innerhalb der Behörde gab es von Seiten der Gewerkschaft ÖTV Bestrebungen eine Gedenkstätte einzurichten. Das ist aber auf keine Gegenliebe gestoßen. Das Einzige, was erreicht werden konnte, war, dass die ÖTV auf eigene Kosten Ende 1981 eine Gedenktafel anbringen konnte. Daneben gibt es seit Jahrzehnten immer wieder Veranstaltungen der VVN-BdA und auch der DKP zum Stadthaus.
Die Diskussion, was jetzt mit diesem Haus wird, setzte 2009 ein, als der Verkauf an Quantum anstand.

UZ: Am 2. Mai war die offizielle Eröffnung der Luxusmeile im Stadthaus. Ihr habt es euch nicht nehmen lassen, dem Spektakel beizuwohnen und an die Vergangenheit des neuen Konsumtempels zu erinnern. Wie war es?

Ilse Jacob: Das war eine richtig gute Veranstaltung. Die Initiative „Gedenk­ort Stadthaus“ hatte zu dieser Kundgebung aufgerufen. Esther Bejarano begrüßte die Anwesenden und erklärte, es müsse eigentlich selbstverständlich sein, dass die Stadt Hamburg selbst eine würdige Gedenkstätte an diesem zentralen Ort des Naziterrors schafft.
Das „Hamburger Abendblatt“ hat heute morgen berichtet, weil die Stadt einen runden Tisch zur Gestaltung der Gedenkstätte gebildet hätte, sei der Protest leiser geworden. Das stimmt natürlich nicht. Mehr als 350 Menschen unterstützten z. B. Wolfgang Kopitzsch, den Vorsitzenden des „Arbeitskreises ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten“, und Cornelia Kerth, Bundessprecherin der VVN-BdA, als sie erklärten, sie würden den Kampf um ein würdiges Gedenken weiterführen. Dann wurden Texte aus den Erinnerungen von Lucie Suhling vorgelesen. Sie erzählt, was ihr Mann Cuddl und sie selbst im Stadthaus Furchtbares erlebt haben. Rednerinnen aus England, den Niederlanden und Polen unterstützten unsere Forderung „Konsum statt Gedenken? Niemals!“

UZ: Gab es bis jetzt Reaktionen von der Stadt Hamburg oder von Quantum?

Ilse Jacob: Von der Stadt Hamburg insofern, dass sie versucht haben das Ganze umzuinterpretieren. Was jetzt da aufgestellt worden ist, sei ja nur was Vorläufiges und der Beirat soll entscheiden, was noch zu machen ist, als ob noch alles offen wäre. Es wurde jetzt als Geschichtsort bezeichnet und nicht mehr als Gedenkstätte. Das klingt ja schon mal viel kleiner.
Von Quantum kam nichts, keine Stellungnahme, kein Garnichts. Aber wir werden nicht aufgeben.
Wir veranstalten auch weiterhin jeden Freitag von 17 bis 18 Uhr am Stadthaus unsere Mahnwache „Konsum statt Gedenken? Niemals!“


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Leserbrief zu Artikel »Konsum statt Gedenken?«, UZ vom 11. Mai 2018





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