Das Urprinzip

Dialektik in den Frühphasen der griechischen, indischen und chinesischen Philosophie
Von Hannes Fellner
|    Ausgabe vom 23. März 2018

Jeder Mensch verfügt über ein unmittelbares Weltverständnis, mittels dessen er die unzähligen Eindrücke, die auf ihn einströmen, zu einem Bild zusammenfügt, in welchem er sich selbst einen Platz zuweist und an dem er sein Handeln orientiert. Diese spontane „Jedermannsphilosophie“ (Gramsci) ist mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger umfassend, mehr oder weniger stimmig. Dennoch reflektieren sich in ihr implizit die von Immanuel Kant (1724–1804) formulierten Grundfragen der Philosophie: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
Was in der „Jedermannsphilosophie“ spontan und unsystematisch aufscheint, wird in der Philosophie als systematischer Erkenntnisart bewusst ver- und ausgearbeitet. So richtet sie sich „nicht so sehr auf die durch Einzelwissenschaften untersuchten Gegenstände der Erkenntnis […], als vielmehr auf die Bedingungen und die Struktur ihres geordneten Zusammenhangs, auf die Weise ihrer Gegebenheit im Erkennen, auf ihre Bedeutung für den Menschen und damit letztlich auf die theoretische und praktische Orientierung des Menschen in der Welt. Die Philosophie fragt also nach dem Wesen des einzelnen Seienden und der Welt als Ganzer, nach der Wahrheit und den Formen des Denkens und nach dem Sinn des Lebens und dem Ziel des Handelns. Im Unterschied zu anderen Weltanschauungsformen (wie Mythos, Religion, und das, was man heute ‚Esoterik‘ nennt) unterwirft sie ihre Theoreme und Argumentationen rationalen Kriterien, denen gemäß sie allgemein nachvollziehbar und im besten Falle als zwingend sollen erwiesen werden können.“[1]
Die sozioökonomischen Grundlagen, die zur Entstehung der Philosophie in diesem Sinne führen konnten, sind gesellschaftliche Verhältnisse, in deren komplexen Produktionsweisen und Vergesellschaftungsstrukturen die individuelle und gesellschaftliche Praxis ein gewisses Maß an verstandesmäßiger Durchdringung erfährt. Und zwar in der Weise, dass diese analysiert, in Zusammenhänge gegliedert und durch Zielentwürfe gesteuert werden (müssen). Die Ursprünge der Philosophie sind in diesen frühen Phasen mit den Vorläufern der Wissenschaft verschränkt. Rationale und systematische Erklärung der Welt, der Gesellschaft und des Menschen aus sich heraus ohne Zuhilfenahme außerweltlicher mythischer oder religiöser Instanzen und die praktische Anwendung dieser Erkenntnisse im Alltäglichen waren der Antrieb der ersten Philosophierenden.
Auch wenn in jeder menschlichen Gesellschaft zu jeder Epoche philosophische Fragen gestellt wurden und werden, waren – wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise – die sozioökonomischen Bedingungen für die Ausbildung der Grundlagen systematischer Philosophie etwa um die Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung in drei unterschiedlichen Weltgegenden reif. Dies waren Griechenland, Indien und China.
In Griechenland vollzieht sich mit den homerischen Epen (etwa 8. Jh. vor unserer Zeitrechnung), aber insbesondere mit den darauffolgenden Lehrdichtungen Hesiods (um das 7. Jh. v. u. Z.) ein Umbruch, welcher den Beginn einer vom mythologisch-religiös geprägten Weltbild getrennten philosophischen Einstellung markiert. Von hier führt der Weg über die vorsokratischen Denker zu den ersten systematischen Philosophien von Platon (um 427–347 v. u. Z.) und Aristoteles (384–322 v. u. Z.), die – größtenteils vermittelt über die islamische Welt – den Weg der westlichen Philosophie entscheidend prägen sollten.
Philosophische Überlegungen in Indien beginnen mit der Abfassung der sogenannten Upanischaden (wörtlich das „Sich-in-der-Nähe-Niedersetzen“, gemeint ist die Nähe zu einem Lehrer) im 8. Jh. v. u. Z. Diese zunächst mit den ältesten religiösen Werken Indiens, den Vedas (wörtlich „Wissen“), verbundenen Schriften entwickeln sich nach und nach im Zeichen philosophischer Fragen. Die Upanischaden stehen am Beginn einer eigenständigen indischen Philosophietradition, welche in einer Vielzahl hinduistischer und buddhistischer Denkschulen bis in die Neuzeit nachwirkt.
Die Tradition chinesischer Philosophie setzt mit dem Yìjing, dem „Buch der Wandlungen“, ein, das ursprünglich eine Art Orakel-Handbuch war, um das 6. Jh. v. u. Z. (während der Zhou-Dynastie) aber philosophische Deutungen erfuhr. In der darauffolgenden Zeit entstehen die philosophischen Schulen, die über die Jahrhunderte bis heute Einfluss auf das chinesische Denken haben: Der Daoismus, dessen Gründung Laozi („alter Meister“, um das 6. Jh. v. u. Z.) zugeschrieben wird; der von Konfuzius (Kongzi „Meister Kong“, 551–479 v. u. Z.) gegründete und von Mencius (Mèngzi „Meister Meng“, um 372–289 v. u. Z.) ausgelegte Konfuzianismus; der von Micius (Mòzi „Meister Mo“, 468-ca. 391 v. u. Z.) etablierte Mohismus; und der sogenannte Legalismus (Fajia) des Hán Fei (280–233 v. u. Z.).
Während der Begriff Dialektik für aus einander widersprechenden Elementen bestehende Strukturen und Vorgänge in der Natur, der Gesellschaft und dem Denken erst zweihundert Jahre alt ist, ist die Philosophie seit ihren Ursprüngen von dialektischen Problemstellungen durchzogen. „Seit den Anfängen der Philosophie antwortet die Ausarbeitung von Formen dialektischen Denkens auf den Grundwiderspruch in unserer Erfahrung, dass wir, um überhaupt denken zu können, Identitäten (Identität/Unterschied) festhalten müssen, und dass wir zugleich dauernd die Veränderung des als identisch Gedachten, also Nicht-Identität, erleben. Wie also Veränderung (und d. h. auch Zeit, Tätigkeit, Geschichte) begriffen werden könne, ist die Frage, aus der die Theorie der Dialektik entspringt.“[2]
In der westlichen Philosophie war es zuerst Heraklit (um 520 v. u. Z. – um 460 v. u. Z.), der auf das Problem der inneren Gegensätzlichkeit bzw. des Selbstwiderspruchs in ein und derselben Sache, in ein und demselben Prozess, in ein und derselben Struktur hingewiesen hat. In seinen bedauerlicherweise nur in Fragmenten erhaltenen und meist kurz-prägnanten Sätzen werden die Problemstellungen der Dialektik das erste Mal philosophisch erschlossen.
Relativ bekannt sind Heraklits Flussfragmente: „Denen, die in dieselben Flüsse hineinsteigen, strömen immer neue Gewässer zu.“ (B 12a). „In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht.“ (B 49a). „Es ist unmöglich, zweimal in denselben Fluss hineinzusteigen.“ (B91) Diese Sätze verweisen darauf, dass, wie – Platon es umschrieb – sich alles verändert und nichts bleibt, wie es ist. Es fließt immer wieder neues Wasser im Fluss und er ändert mit der Zeit seinen Lauf, damit ist er nicht derselbe. Auch verändert sich der Mensch, welcher in den Fluss steigt, im Laufe der Zeit physisch und psychisch, damit ist er nicht derselbe. Aber dennoch ist der Fluss derselbe Fluss und der Mensch derselbe Mensch.
So war Heraklit prägend für den weiteren Verlauf der dialektischen Philosophie in Europa, sodass Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie sagen konnte: „Hier sehen wir Land; es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen.“[3]
Die Formulierung von Problemen der Dialektik findet sich in ganz ähnlicher Weise auch in den frühen Phasen der chinesischen und indischen Philosophie. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich bemerkenswerte Übereinstimmungen. So noch einmal Heraklit:
„Zusammensetzungen sind Ganzes und Nichtganzes, Einträchtig-Zwieträchtiges, Einstimmend-Missstimmendes, und allem Eins und aus Einem Alles.“ (B 10)
„Ein und dasselbe ist Lebendiges und Totes und Wachendes und Schlafendes und Junges und Altes; denn dies schlägt um und ist jenes, und jenes wiederum schlägt um und ist dies.“ (B 88)
„Das Wider-einander-Stehende zusammenstimmend und aus dem Unstimmigen die schönste Harmonie.“ (B 8)
Bei Laozi liest man:
„Wie Sein und Nichtsein sich wechselseitig erzeugen, Schweres und Leichtes einander vollenden, Länge und Kürze sich gegenseitig ermessen, Hohes und Tiefes sich einander zuneigen, Ton und Stimme miteinander harmonieren, Davor und Danach sich wechselseitig folgen.“ (Dàodéjing 2)
„Partielles schlägt wechselseitig um in Ganzes, Gebogenes in Gerades, Leere in Fülle, Altes in Neues.“ (Dàodéjing 22)
Und im Brhadaranyaka bzw. Isa-Upanischad heißt es:
„Es (das Eine, das Urprinzip) ist eine Einheit, in welcher die Gegensätze miteinander verschränkt sind. Das Eine ist aufgespalten in Gegensätze.“ (BA-U 1.4.3)
„Es bewegt sich, es bewegt sich nicht; es ist fern, und es ist doch nah; es ist innerhalb von allem, und es ist doch außerhalb von allem.“ (Isa-U 5)
In Ansätzen deuten sich in diesen Formulierungen der in Entstehung begriffenen unterschiedlichen Philosophietraditionen die vier in sich zusammenhängenden Komplexe der Grundzüge und Prinzipien der Dialektik an, die nach Hans Heinz Holz immer wieder einzeln oder kombiniert die Problemgeschichte der Dialektik durchziehen: 1. Totalität – Gesamtzusammenhang – universeller Zusammenhang; 2. Eigenbewegung – Veränderung – Entwicklung vermittels Negation; 3. Diskontinuität – Sprung – Übergang von Quantität in Qualität; 4. Identität und Nicht-Identität – Widerspruch – Einheit und Kampf der Gegensätze.
Dieser Umstand ist von mehrfacher Relevanz. Da die Philosophie „ihre Zeit in Gedanken gefasst“ ist (Hegel), erschließen sich durch das Verständnis vergangener philosophischer Systeme die Gedankenwelten verschiedener Epochen und Weltgegenden. So werden (zusammen mit der Analyse jeweiliger sozio-ökonomischer Formationen und Vergesellschaftungsformen) die Weltverhältnisse des Menschen in verschiedenen Epochen und Weltgegenden nachvollziehbar und lässt sich das Allgemeine und Universale dieser Weltverhältnisse zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gesellschaften generalisieren und aufeinander beziehen. Dies trägt einerseits zum besseren Verständnis von Geschichte und unterschiedlichen Gesellschaften untereinander bei und offenbart andererseits den rationalen Kern wie auch die universal logischen und dialektischen Konstanten des menschlichen Weltverhältnisses.
Im Marxismus als „Philosophie der Praxis“ (Gramsci), d. h. wissenschaftliche Weltanschauung, in welcher sich die Einheit von Theorie und Praxis in der Praxis realisieren sollte, muss nicht nur allgemein das humanistische und fortschrittliche Erbe der gesamten Menschheit im dreifachen dialektischen Sinne aufgehoben (also negiert, bewahrt, auf eine höhere Stufe gebracht) werden. Der Marxismus als „Philosophie der Praxis“ steht insbesondere in einem Fortsetzungsverhältnis zu dialektischen philosophischen Modellen, da ihm die Philosophiegeschichte nicht ein Steinbruch, sondern integrales Moment seines geschichtlichen Selbstverständnisses ist. Die dialektische Aufhebung und damit Aktualisierung von Problemen und Problemlösungsstrategien der Philosophiegeschichte für Herausforderungen, die sich hier und jetzt stellen, sind ein wesentlicher Bestandteil marxistischer Philosophie.
Die Grundlage hierfür hat wie kein anderer Hans Heinz Holz ausgearbeitet, der aus der Philosophie als nie versiegender „Quelle und Bestandteil des Marxismus“ (Lenin)[4] nicht nur immer frisches Wasser geschöpft und dessen systemisch-methodologischen Theorie-Praxis-Gehalt grundlegend durchdrungen hat, sondern ihm – ihn als offenes System verstehend – Zeit seines Lebens immer wieder produktiv neue philosophische Denk- und Werkzeuge erschlossen hat. Davon zeugen seine Hauptwerke „Weltentwurf und Reflexion“[5] sowie „Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie“[6], die nicht zufällig seine umfassende fünfbändige „Problemgeschichte der Dialektik von der Antike bis zur Gegenwart“[7] als Unterbau haben.
Die Erschließung und das Verständnis der Geschichte der Philosophie wie insbesondere ihrer dialektischen Traditionslinien sind, so hat Hans Heinz Holz gezeigt, unerlässlich für marxistische Philosophie. Ihre Ausarbeitung als „Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs“ (Engels) erfordert daher die aktive wissenschaftliche Aneignung der Dialektik als „Algebra der Revolution“ (Alexander I. Herzen, 1812–1870), denn nur so wird die „Philosophie im Proletariat ihre materiellen [und] das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen“ (Marx) finden.

1     Hans Heinz Holz. 1997. Das Feld der Philosophie. Köln: Dinter, S. 19.
2    Hans Heinz Holz. 2011. Problemgeschichte der Dialektik von der Antike bis zur Gegenwart. Band 3: Neuzeit 1. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 19.
3    Hegel, Georg Wilhelm Friedrich. 1986. Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I. Werke 18. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 320.
4    Siehe hierzu Hannes Fellner. 2016. Anmerkungen zu Lenins „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“. Einheit und Widerspruch – Theoretisches und Diskussionsorgan der Partei der Arbeit Österreichs 4: 32–42. (parteiderarbeit.at/wp-content/uploads/2014/11/EuW_4_kern.pdf)
5    Hans Heinz Holz. 2005. Weltentwurf und Reflexion. Versuch einer Grundlegung der Dialektik. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler.
6    Hans Heinz Holz. 2010–11. Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie (3 Bd.). Berlin: Aurora.
7    Hans Heinz Holz. 2010. Dialektik: Problemgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart (5. Bd.). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Hannes Fellner ist Mitglied der österreichischen Partei der Arbeit, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für dialektische Philosophie sowie Redaktionsmitglied der von ihr herausgegebenen und Hans Heinz Holz gewidmeten Zeitschrift „Aufhebung“ (www.dialektische-philosophie.org)


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