DKP
Themen: DKP Frauen
Interview

In die Offensive und nie allein

Christoph Hentschel im Gespräch mit Heidi Hummler
|    Ausgabe vom 2. März 2018

UZ: Wie bist du zur KPD gekommen?

Heidi Hummler: Ich bin in Rheinsberg bei Heilbronn geboren und in Heilbronn aufgewachsen bis zum fürchterlichen Luftangriff im Dezember 1944. Wir sind dann zu meinen Großeltern nach Boxberg in Baden. Ich musste die Schule in Heilbronn abbrechen. In Boxberg habe ich bis zum Kriegsende Kämpfe miterlebt.
Bei den ersten Wahlen in der Bundesrepublik begann sich meine Mutter, die davor völlig unpolitisch war, für Politik zu interessieren – aus Schreck, was die Nazis alles getan haben. Sie hat dann alle Versammlungen der verschiedenen Parteien in Boxberg besucht. Die KPD wollte auch eine Versammlung veranstalten. Es gab aber keine Kommunisten in Boxberg und da hat sich meine Mutter gemeldet und sagte, alle Parteien sollten die Möglichkeit haben zu sprechen, und erklärte sich bereit die Einladungsflugblätter für die KPD in Boxberg zu verteilen. Ich habe dann gesagt, ich ziehe aus! Bei einer Kommunistin bleibe ich nicht. Dann kamen Kommunisten aus Stuttgart, ehemalige KZler, und diskutierten mit meiner Mutter und mir. Fakt ist, dass meine Mutter und ich gleichzeitig in die KPD eingetreten sind.
Weil es in Boxberg keine Arbeit für mich gab, meinte der KPD-Landtagsabgeordnete Julius Schätzle zu mir, wenn ich die Höhere Handelsschule mit der Mittleren Reife abschließe, dann könnte ich bei ihm in der KPD-Landesleitung in Stuttgart arbeiten. 1950 bin ich dann nach Stuttgart gezogen.

UZ: Was waren deine ersten Erfahrungen in Stuttgart? Du hast doch dort auch deinen Mann kennengelernt.

Heidi Hummler: Weil ich alleine in Stuttgart war, haben Julius und vor allem Gertrud Strohbach, KPD-Bundestagsabgeordnete, mich dann bemuttert und bevatert. Die sagten, das Mädle, die kann net nur unter uns alte Leut sein, die muss zur Jugend. Dann haben sie mich zur FDJ geschickt.
Am Königsbau in Stuttgart hing ein großes Transparent mit „Kampf dem Kommunismus“ und die FDJ beschloss dieses Transparent zu entfernen und es wurde ein Plan ausgearbeitet. Möglichst spät wollte man mit Hämmern und Seilen das Transparent entfernen. Ich sollte das Seil unter meinem Anorak zum Königsbau bringen. Um nicht aufzufallen, sollte ich mit einem Genossen ein Liebespaar spielen. Es hieß dann, der Genosse Heinz Hummler spielt mit dir das Liebespaar. Ich kannte ihn davor noch garnicht. Dann haben wir ein Liebespaar gespielt, bevor wir eins waren.

UZ: Welche Aufgaben hattest du zu dieser Zeit?

Heidi Hummler: Die KPD-Landesleitung hat mich als Instrukteurin die Mobilisierung zu den 3. Weltfestspielen vorbereiten lassen. Wir mussten illegal über die innerdeutsche Grenze. Auf dem Rückweg von den Weltfestspielen musste ich miterleben, wie BRD-Grenzer auf uns schossen. Ich bin verhaftet und mit 20 Genossen eingesperrt worden. Ich war fünf Wochen im Gefängnis in Bamberg ohne Anwalt, ohne Haftbefehl. Meine Genossen haben dann einen Hungerstreik begonnen. Ich habe mich dem angeschlossen, aber nur einen Tag gefastet, weil mich dann der KPD-Bundestagsabgeordnete Rudolf Kohl im Gefängnis besuchte und dann klar wurde, dass ich noch minderjährig war und sie gegen sämtliche Gesetze verstoßen hatten. Dann wurden wir Hals über Kopf freigelassen und die ganze Sache vertuscht. Später beim Prozess wurden nur die Genossen verurteilt, die beim Grenzübertritt verletzt wurden. Ich stand zwar in der Anklageschrift, wurde aber während der ganzen Verhandlung nicht ein einziges Mal erwähnt.
Wir haben damals den Fehler gemacht, dass wir so was zu wenig thematisiert haben. Wir haben uns gedacht, das ist halt der Klassengegner. Wir hätten mehr publik machen müssen, dass sie sich wie ihre Vorgänger, die Nazis, verhielten.

UZ: Und nach der Haft?

Heidi Hummler: Nachdem ich aus der Haft entlassen worden war, habe ich wieder für die KPD-Landesleitung gearbeitet. Im Zuge der „Ohne-mich“-Bewegungen gegen die Remilitarisierung der BRD bin ich mit Heinz und den Genossen nach Essen zur Friedenskarawane gefahren. Im Sonderzug nach Essen, der aus München kam, habe ich Philipp Müller am Stuttgarter Hauptbahnhof kennen gelernt. Ein lustiger, netter und gut aussehender Bayer. Mit dem habe ich geflirtet. In Essen habe ich dann gesehen, wie Polizisten ihn auf den Wagen geworfen haben. Auf der Rückfahrt hörte ich dann, dass „Fips“ tot war.

UZ: Du hast mit Philipp Müller geflirtet und warst aber mit Heinz zusammen?

Heidi Hummler: Na ja, wenn sich Jugendliche halt kennen lernen, da macht man seine Späße, so von Abteil zu Abteil. Der Zug wurde ja auch immer voller, da stiegen noch später welche zu und dann war …

UZ: … Party?

Heidi Hummler: Ja, so würden das heute die jungen Leute sagen!

UZ: Die KPD wurde dann 1956 widerrechtlich verboten. Wie hast du darauf reagiert?

Heidi Hummler: Ich habe mich in anderen Organisationen verankert. Ich war in der Gewerkschaft und bei den Naturfreunden, die in Stuttgart und Umgebung eine größere Rolle spielten. Ich wurde zuerst zur Kindergruppenleiterin und dann zur Jugendgruppenleiterin gewählt. Heinz war Betriebsrat. Und dann haben wir immer Kandidaturen gehabt. Nach dem KPD-Verbot gab es in Baden-Württemberg bei der ersten Wahl die Demokratische Linke, später die Deutsche Friedensunion.
Wir waren in Fünfergruppen organisiert und trafen uns heimlich. Das Überängstliche kam noch aus der Nazizeit. Aus meiner Gruppe waren dann alle bei den Naturfreunden aktiv und angesehen, aber immer auch bekannt als Kommunisten. Ich erinnere mich an keine Zeit, wo wir nicht verankert waren.
Der Vorteil von Stuttgart als Großstadt war, dass die ganzen Friedensaktionen gegen den Vietnamkrieg hier stattfanden. Da waren die ganzen linken Jugendgruppierungen und bei den Studenten veränderte sich der SDS vom sozialdemokratischen Studentenbund zum praktisch marxistischen.

UZ: Wie habt ihr es geschafft als illegale Organisation an die Jugend- und Studentengruppen ran zu kommen?

Heidi Hummler: Bei Heinz und mir war es klar, dass wir Kommunisten sind. Heinz hat immer für die Demokratische Linke und später für die Deutsche Friedensunion kandidiert. Dort wurde immer gesagt, dass er Kommunist ist. Zudem wurde sein Vater im 3. Reich hingerichtet. Da war der Name Hummler eh als Widerstandskämpfer bekannt.
Niemand konnte behaupten, Kommunisten unterwandern die Naturfreunde oder die Gewerkschaft, weil wir verankert waren. Es kamen mal Leute auf mich zu und meinten, uns geht es nichts an, was Sie machen, aber wenn Sie etwas zu verstecken haben, dann geben Sie es uns. Ich habe ihnen dann meine Schreibmaschine aus der KPD-Landesleitung gegeben.

UZ: Wie kam der Gedanke einer legalen Partei auf?

Heidi Hummler: Wir hatten dann wilde Streiks in Baden-Württemberg. Alles drängte danach, eine legale Kommunistische Partei musste her. Heinz war im Sekretariat der illegalen KPD hier in Stuttgart. Dann gab es die Information, es steht was bevor. Wir wussten aber noch nicht was.
Dann gab es die Orientierung, Schritte hin zur Legalität zu unternehmen. Wir begannen Leute anzusprechen, Sympathisanten zu werben, Unterschriften zu sammeln und Initiativen für die Wiederzulassung der KPD zu gründen. Wir haben nicht gesagt, wir wollen die Neukonstituierung der DKP, sondern es muss eigentlich die KPD wieder legal werden.

UZ: Wann wurde es für euch klar, es kommt keine legale KPD, sondern der Kampf geht jetzt darum, eine Partei neu zu kostituieren?

Heidi Hummler: Ich bin immer noch der Meinung, man muss heute noch um die Legalität der KPD kämpfen, aber wir fanden es notwendig, dass es eine legale Kommunistische Partei gibt, die offiziell nicht verboten ist und nicht im Untergrund arbeiten muss. Unsere Devise war: Immer in die Offensive und nie allein.


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Leserbrief zu Artikel »In die Offensive und nie allein«, UZ vom 2. März 2018





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