Marijke liest Krimis

Dauerregen im Kopf

In „Beton Rouge“ wird Scheiße immer von oben nach unten durchgereicht
Von Bee
|    Ausgabe vom 19. Januar 2018

Simone Buchholz
„Beton Rouge“
Suhrkamp Verlag
kart., 227 Seiten, 14,95 Euro

Hamburg im Regen. Eine junge Frau liegt verdreht auf der Fahrbahn. Die Haare, ein See um ihren Kopf, Blut fließt aus ihrer Seite, das Fahrrad liegt auf dem Grünstreifen. Chastity Riley, Staatsanwältin auf dem Abstellgleis, spricht mit einem Streifenpolizisten. Fahrerflucht. Der Mond sieht aus, als wäre ihm schlecht.
Ich weiß nicht warum Chastity auf dem Abstellgleis gelandet ist und ärgere mich schon nach zweieinhalb Seiten, dass „Beton Rouge“ mein erster Krimi von Simone Buchholz ist. Da habe ich einiges nachzuholen, will ich ihre Heldin besser kennenlernen. Jetzt aber lese ich den siebten Fall. Der, gelinde gesagt, absonderlich beginnt.
Am Morgen nach der Fahrerflucht steht vor dem Gebäude des größten Hamburger Zeitschriftenverlages ein Käfig. Darin ein Mann, nackt und offensichtlich misshandelt. Auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen gehen die Verlagsleute daran vorbei. Gaffend, spuckend. Es ist ihr Personalchef. Das ganze Szenario hat etwas Mittelalterliches und wiederholt sich drei Tage später. Diesmal hockt der Verlagsleiter drin. Riley wird mit den Ermittlungen betraut. Kommissar Ivo Stepanovic gehört zur funky Spezialistentruppe vom LKA 44. Zuständig für alles Unübliche, Rätselhafte. Ein fast gutaussehender und extrem undurchsichtiger Typ. Mit dem wird sie zusammenarbeiten.
Simone Buchholz wählt eine für einen Krimi ungewöhnliche Erzählposition. Ihre Heldin Chastity Riley. Ihr Ton ist ruppig und direkt. Lakonisch, schnoddrig, kein Wort zu viel. Sehr norddeutsch hält sie alle auf Distanz. Sie raucht, säuft, schläft schon mal mit einer Kneipenbekanntschaft und ähnelt damit Doris Gerckes „Bella Block“. Nur, dass Chas sich mit Gefühlen, besonders ihren eigenen, nicht auskennt. Was sie leicht schwermütig macht und dennoch ziemlich schroff wirken lässt. Möwen greifen mir ans Herz. Ein paar Freunde geben ihrem Leben das bisschen Halt, das sie braucht. Sind aber zur Zeit nicht sonderlich hilfreich, haben gerade selbst nicht unerhebliche Probleme. In Rileys Welt gerät einiges ins Wanken. Ein Barhocker ist auch nur ein Rollator. Stepanovic ist sozusagen ihr Spiegelbild. Wie das Wetter auf St. Pauli, das ihr Innenleben spiegelt. Er: „Ich komme nicht aus der Gegenwart heraus.“ Sie: „Ich komme nicht mal dann einen Moment ran, wenn ich gerade drinstecke. Ich bin immer weg von allem.“
Zunächst sieht für beide alles nach einem Racheakt der Beschäftigten aus. Gründe genug hätten sie. Seit Jahren löst eine Entlassungswelle die andere ab, werden Redakteure durch prekär arbeitende, „Freie“ ersetzt, weitere Syn­ergieeffekte gesucht, die die Belegschaft selber finden soll. Die Bosse stopfen sich derweil die Taschen voll. Und die nächste Runde ist gerade eingeläutet worden. Doch dann stellt sich heraus, die beiden „Opfer“ verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, zu der auch der Vorstandsvorsitzende gehört. Der alsbald spurlos verschwindet.
Riley und Stepanovic erkunden Kindheit und Jugend der drei in einer der Kaderschmieden der selbsternannten Eliten. Hier wissen schon die Jungs, dass ihre ökonomische Besserstellung Macht verleiht. Die sie weidlich ausüben. Die Anderen lernen ihre eigenen Interessen nicht zu kennen. Sie werden versuchen durch Leistung ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Was schiefgehen muss. Scheiße wird immer von oben nach unten durchgereicht. Das kennt Riley gut. Sie ist meist die, die sie entgegennehmen muss. Den eh schon Privilegierten helfen in der Internatszeit geschlossenen Freundschaften auf der Karriereleiter Sprosse um Sprosse nach oben.
Was wie eine persönliche Rachegeschichte daherkommt ist in Chastitys Augen Ausdruck des modernen Raubtierkapitalismus. Sie weiß, diese Gesellschaftsordnung bedeutet nicht nur ungebremste Profitmaximierung und Ausbeutung. Sie produziert auch Wohlstandsverwahrlosung. Eine Bourgeoisie, die glaubt sich alles herausnehmen zu können und damit nicht falsch liegt. Und sie muss erleben, dass die Wut deren Opfer sich in dem Versuch entlädt, es ihren Schindern gleichzutun. Sie rächen sich, sie kämpfen nicht.
Simone Buchholz schreibt knapp, prägnant und immer auf den Punkt. Sie erzeugt Sprachbilder, die ebenso präzise wie poetisch sind. Sie bilden einen guten Kontrast zum unterkühlt trockenen Humor der Dialoge. Sie verehrt Raymond Chandler, würde gerne ihren Figuren etwas von seinen mitgeben. Den viel zu früh gestorbenen Jakob Arjouni bewundert sie deshalb für seinen Frankfurter Detektiv Kayankaya. In „Beton Rouge“ ist die Staatsanwältin Chastity Riley eine würdige Nachfolgerin von Philip Marlowe.

Simone Buchholz
„Beton Rouge“
Suhrkamp Verlag
kart., 227 Seiten, 14,95 Euro


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