DKP
Themen: DKP
Interview

Mit dem Buchstaben vorn

UZ im Gespräch mit Hannes Stütz
|    Ausgabe vom 22. Dezember 2017

Hannes Stütz, Kabarettist, Liedermacher, Autor. Von ihm stammt unter anderem das bekannteste Ostermarschlied „Unser Marsch ist eine gute Sache“.  In den 70er- und 80er-Jahren hatte er großen Anteil an der erfolgreichen Kulturarbeit der DKP.

Hannes Stütz, Kabarettist, Liedermacher, Autor. Von ihm stammt unter anderem das bekannteste Ostermarschlied „Unser Marsch ist eine gute Sache“. In den 70er- und 80er-Jahren hatte er großen Anteil an der erfolgreichen Kulturarbeit der DKP.

( UZ-Archiv)

UZ: Hannes, du warst Mitglied im „Bundesausschuss zur Neukonstituierung einer Kommunistischen Partei“. Welche Funktion hattest du in der illegalen KPD und wie wurdest du über das Vorhaben, die DKP aus der Taufe zu heben, informiert?

Hannes Stütz: Ich war damals im Gruppenvorstand in München, in einer sehr großen Gruppe, die sich im Laufe der 60er Jahre verdrei- und vervierfacht hat. Wir waren am Schluss über 50 Mitglieder und haben die Gruppen dann aufgeteilt, hatten einzelne Gruppen. Da war ich im Vorstand, das war sozusagen meine Funktion in der Partei.
Unsere Leitung wurde von der Zentrale angeleitet. Da kam dann jemand bzw. wir haben uns dann irgendwo, meistens in Österreich, für ein Wochenende getroffen, oder für einen langen Nachmittag plus Abend.
Und dann hat man diskutiert, das heißt, erst kam die Einschätzung von oben, dann wurde lebhaft diskutiert. Bei diesen Treffen, die, sagen wir mal, zwei Mal im Jahr mindestens stattfanden, war natürlich nie die Rede von solchen Gedanken einer Neukonstituierung. Das war ja auch was total Neues, Ungewöhnliches – das konnte man ja beim besten Willen nicht demokratisch austragen, sonst wäre die Sache von Anfang an im Eimer gewesen.

UZ: Und wie hast du dann davon erfahren?

Hannes Stütz: Ich habe irgendwann von irgendjemand ein Zettelchen bzw. eine Nachricht zugesteckt bekommen. Auf dem stand, ich solle mich doch dort und dort mal einfinden. Das war 1968 in Frankfurt/Main auf irgendeinem Parkplatz. Damals war ich pünktlicher als heute, weil da ging es immer um Minuten. Dort traf ich dann zwei Genossen, von denen ich einen kannte. Derjenige, den ich vorher nicht kannte, war Karl-Heinz Nötzel.
Die beiden Genossen haben mich erst mal schwören lassen, dass ich nichts verlauten lasse von dem, was ich dann gefragt wurde. Und dann haben die Genossen mich informiert über die Absichten der Neukonstituierung und gefragt a) Was hältst du davon? und b) Wärst du bereit, mit zu unterschreiben? So, das war meine Rolle.

UZ: Bis zu welchem Zeitpunkt durftest du nicht darüber reden?

Hannes Stütz: Bis zum Tage der Konstituierung, dann auch wieder in Frankfurt/Main.
Ja, und bis dahin durfte und konnte ich nicht reden. Also auch nicht zu den nächsten Genossen, auch nicht zu meinen Leitungsgenossen in München oder meiner Freundin oder wem immer, das war tabu.

UZ: Und was hast du gesagt zu der Frage: Wie stehst du zur Neukonstituierung der Kommunistischen Partei?

Hannes Stütz: Es ging mir blitzschnell vieles durch den Kopf. Das war so, wo sich in wenigen Sekunden alles ballt. Ich war mir in dem Moment völlig klar, wie ungewöhnlich der Schritt ist. Es war mir völlig klar, dass sowas mir zumindest nicht bekannt war, a) aus der Geschichte der KPD sowieso nicht, aber auch nicht – wenn ich mal kurz Revue passieren hab lassen – anderer kommunistischer Parteien. Wenn die mal verboten waren, dann hat man die und die Formationen gegründet, aber irgendwas von einer Neukonstituierung ist mir nicht in den Sinn gekommen. Aber trotz des Bewusstseins dieser Ungewöhnlichkeit habe ich spontan und mit Hurra gesagt, ja, ich bin dabei.

UZ: Was waren deine Gründe, was hast du mit einer möglichen Neukonstituierung verbunden?

Hannes Stütz: Die Gründe waren einfach. Ich war ja nun in den 60er Jahren sehr viel unterwegs, auf vielen Bühnen und vielen, vielen Großveranstaltungen und habe viele, viele Diskussionen geführt, und es ging mir wachsend auf den Senkel, dass wir als Kommunisten überall dabei waren – und zwar nicht ganz hinten –, aber nie unser Gesicht zeigen durften.
Ich war und bin natürlich vollkommen überzeugt davon, dass es unglaublich wichtig ist, eine geschlossene, programmatisch klare kommunistische Partei in einem Land zu haben, die überall verwurzelt, verankert ist und so ihren Einfluss geltend machen kann und richtige Orientierungen vermitteln kann.
Das ist es nämlich: In all den großen Bewegungen die richtigen Orientierungen vermitteln, also so verwurzelt sein, in denen die eigene, mit wissenschaftlichem Anspruch oder Bemühen getroffene Analyse sich verbreiten und durchsetzen kann. Das war das, wo ich dachte, endlich, endlich kann man Gesicht zeigen. Was für mich persönlich auch eine ganz besondere Bedeutung hatte.
Wir hatten ja in den 60ern immer so ein paar „Sitzkommunisten“ – das war Galgenhumor. Sitzkommunisten waren die, die sich öffentlich äußern konnten, sagen konnten, dass sie Kommunisten sind, weil sie dafür bereits im Knast gesessen haben. Man hat dann gesagt, bei dir kommt es nicht mehr darauf an, dich können sie nicht so schnell wieder einsperren, bei dir wissen sie das ja eh.
Unsere KPD-Gruppe war sehr, sehr vielschichtig, also ganz tolle soziale Zusammensetzung, alles Gewerkschafter, Studenten, Künstler, eine unglaublich tolle Mischung. Also fast repräsentativ für die Bevölkerung war das. Und die waren alle verankert, konnten diskutieren über alle möglichen Dinge, und da konnte der eine oder andere denken: Mann, das ist aber sehr links oder ist das vielleicht ein Kommunist? Sie durften aber nie sagen, dass sie Kommunisten sind. Keiner von ihnen konnte sagen, es gibt die Kommunistische Partei, die KP lebt, sie existiert. Und keiner durfte sagen, schaut mich an, ich lebe. Und ich bin Mitglied. Und du kannst auch eins werden, wenn du willst. War alles nicht möglich. Und bei mir kam dann eben dazu, dass ich das ganz besonders nicht durfte, weil die Partei wohl geschätzt hat, was ich da auf den Bühnen trieb in dieser Zeit, und da wäre sicher vieles den Bach runtergegangen, wenn man gewusst hätte, dass ich ein organisierter Kommunist bin.

UZ: Was wäre denn den Bach runtergegangen, wenn du dich offen als Kommunist zu erkennen gegeben hättest?

Hannes Stütz: Einmal war ich Liedermacher und bin natürlich auf hundert Bühnen aufgetreten, auf den ganzen Ostermarsch-Großveranstaltungen, bei Streikveranstaltungen in der Rhein-Main-Halle vor 3 000 Betriebsräten. Dann habe ich viel Bildungsarbeit bei der IG Metall gemacht.
Insofern war das auch für mich eine Befreiung zu sagen – auch meinen ganzen Gewerkschaftskollegen der IG Metall in Frankfurt – „Leute, hier bin ich, hier stehe ich, da ist mein Name.“ Da war natürlich dann alles ganz schnell aus.

UZ: Wie hast du es empfunden, dass der Name KPD aufgegeben wurde?

Hannes Stütz: Das war meine erste Kritik an meiner neuen Partei, also mit dem Buchstaben vorne. Dass der Kampf um die Wiederzulassung der KPD zwar geführt wurde, aber auf zu kleiner Flamme. Und das hat mir überhaupt nicht gepasst. Das hatte ich mir völlig anders vorgestellt. Aber es war so.

UZ: Und in deinem Umfeld? Wie haben die die Neukonstituierung der DKP bewertet?

Hannes Stütz: Die meisten haben gesagt, das war gut. Aber zu meinem Erstaunen gab es auch Kritik. Also auch von mir nahen Genossen, die gesagt haben, dass das so ein großer und bedeutender Schritt ist, dass ihnen nicht gepasst hat, dass sie nicht mitreden konnten. Und da habe ich dann nur das Argument von vorhin gesagt: Leute, es ist tatsächlich ungewöhnlich, aber ihr müsst doch kapieren, wenn so etwas sich überhaupt durchsetzen kann in der Führung, dann geht es nur auf diesem Wege. Wenn die Neukonstituierung vorher breitgetreten worden wäre, wäre die Sache erledigt gewesen von vornherein.
Es gab diese Kritik – nicht massenhaft, aber zu meinem Erstaunen doch in einzelnen Fällen. Es jedoch war nicht so, dass die deshalb gesagt hätten: „Ich mach nicht mit.“


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Mit dem Buchstaben vorn«, UZ vom 22. Dezember 2017





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.