Alarmierend

Ein Fünftel der Viertklässler kann nicht richtig lesen
Von Klaus Stein
|    Ausgabe vom 15. Dezember 2017

Kinder lesen, weil sie was wissen wollen, aus Spaß an den Geschichten und um sich mit Freunden oder in der Familie über das Gelesene auszutauschen. Dazu benötigen sie Fähigkeiten, die die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) als Lesekompetenz versteht. Es wurde untersucht, ob die Grundschulen ihre Aufgabe erfüllen, Schülerinnen und Schüler mit dieser Lesekompetenz auszustatten. Denn sie sollen „gute Leserinnen und Leser werden, damit sie sich Welten aus Texten erschließen, Phantasien entfalten und am gesellschaftlichen Leben aktiv teilnehmen können.“ (IGLU 2016).
Ein Ergebnis der Untersuchung: Der Anteil der Viertklässler, die nicht richtig lesen können, ist seit 2001 um 2 Prozentpunkte auf 18,9 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Kaum vorstellbar, aber jedes fünfte Kind kann nicht richtig lesen.
Die IGLU-Studie von 2011 hatte der Bundesrepublik noch „ein Leistungsniveau im oberen Drittel der Rangreihe“ bescheinigt „und eine international gesehen relativ geringe Streuung der Leistungen von besonders guten und besonders schwachen Leserinnen und Lesern.“ Davon kann bei IGLU 2016 nicht mehr die Rede sein. Nun sind die Leistungen im zweiten Drittel angesiedelt, im EU-Vergleich schneiden sogar etwa drei Viertel der Teilnehmerstaaten besser ab. Seit 2001 ist der Anteil der Kinder, die gerne lesen, um 5 Prozentpunkte auf rund 70 Prozent gesunken. Aber gestiegen ist die soziale Spaltung bei den Bildungschancen. „Die Leistungsunterschiede im Lesetest zwischen Kindern aus günstigen und ungünstigen sozialen Lagen liegen bei etwa einem Lernjahr. Allerdings ist die Richtung der Veränderungen fast durchweg negativ“ (IGLU 2016). 2001 war die Chance auf eine Gymnasialempfehlung für Kinder aus oberen Schichten 2,6 Mal so hoch wie bei einem Arbeiterkind. 2016 war diese Chance 3,4 Mal so hoch. (Kölnische Rundschau 5.12.17)
Ilka Hoffmann, im GEW-Hauptvorstand für die Grundschule zuständig, hält es für „alarmierend, wenn die Grundschule ihrem Anspruch, eine Schule für alle Kinder zu sein und Bildungsungerechtigkeiten abzubauen, immer weniger gerecht werden kann“. Im EU-Durchschnitt investiere Deutschland besonders wenig Mittel in die Leseförderung. Dies führe dazu, dass die Lesemotivation der Kinder sinke und damit die Leseleistungen immer schlechter werden. Der Fokus sei zu einseitig auf das Thema neue Medien gelegt worden. Hier haben Denkfabriken wie die Bertelsmann-Stiftung ihren gehörigen Anteil, denn in deren Studien wird Lesekompetenz durch Medienkompetenz ersetzt.
„Wir brauchen dringend ausreichend gut aus- und fortgebildete Lehrkräfte, die auf das Lehren unter schwierigen sozialen Bedingungen vorbereitet sind und mit heterogenen Lerngruppen arbeiten können. Konzepte der Leseförderung müssen einen festen Platz in der Ausbildung von Lehrkräften bekommen“, unterstrich Hoffmann. Die netten Aktivitäten, die die Stiftung Lesen oder der Börsenverein für den Deutschen Buchhandel seit Jahren betreiben, sind nur Augenwischerei und dienen eher als Beruhigungspille für Eltern und Politik.
Aber just an der Grundschule wird gespart, in der Lehrerausbildung, an den Planstellen und an der Qualität. An den Grundschulen tummelt sich die Mehrzahl der Seiteneinsteiger anstelle von ausgebildeten Lehrkräften. In Berlin fehlt an jeder fünften Grundschule der Rektor oder der Konrektor. In NRW hatten 2016 von 2787 Grundschulen 345 keine Schulleiter und 670 keinen Stellvertreter. Bedeutet in der Praxis der Schule, dass Konzepte fehlen oder nicht umgesetzt werden können.


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