Du willst es doch auch

Manfred Idler über ein Treffen, das nicht stattgefunden habe
|    Ausgabe vom 6. Oktober 2017

Hübsch gemacht haben sie sich jedenfalls schon für die künftige Regierungskoalition, sowohl die FDP wie die Grünen, die beiden Blinddärme der Kapitalistischen Einheitspartei Deutschlands. Blinddärme deshalb, weil sie im Grunde so unnötig sind wie das so bezeichnete Organ.
Haben sie nun oder haben sie nicht? Pressemeldungen der vergangenen Woche zufolge zirkuliert in beiden Parteien ein Papier, demzufolge ein informelles Treffen stattgefunden haben soll: von der Seite der FDP Christian Lindner, Generalsekretärin Nicola Beer und Vize-Parteivorsitzender Wolfgang Kubicki, von den Grünen Cem Özdemir, Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck. Die quotierte Klüngelrunde habe „Ressortzuschnitte“ – für den Normalleser: Ministerpöstchen – „andiskutiert“ – wie geht das? –, heißt es verschämt in dem Papier. Ich Auswärtiges, du Finanzen, ich Entwicklung, du Bildung, ich Umwelt, du Justiz. Wie beim Quartettspielen, Klartext: Die Beute wird schon mal verteilt, bevor die offiziellen Sondierungsgespräche mit CDU und CSU beginnen, wobei vor allem von Letzterer Widerstand gegen grüne und freidemokratische Begehrlichkeiten zu erwarten sind. Gemeinsam ist die Verhandlungsposition natürlich stärker.
Die Spitzen von Gelben und Grünen dementierten heftig, dass ein solch trauliches Treffen stattgefunden habe. Das kann als Bestätigung verstanden werden. Was ihnen daran peinlich ist, dass das Diskussionspapier geleakt wurde, ist nicht nachvollziehbar. Prinzipienfreiheit gilt dagegen nicht als peinlich: „Niemand sollte Maximalforderungen aufstellen, die schon im Vornherein als Ausschlusskriterien verstanden werden können“ spricht der Vorsitzende Özdemir. Nur eine „nicht verhandelbare“ Bedingung nennt er: „Eine Obergrenze kann es nicht geben.“ Man stellt sich dazu den Dackelblick nach oben bei gesenktem Kopf vor und hat ein gelungenes Beispiel für schwäbisch-pietistische Bigotterie vor sich.
Die FDP-Generalsekretärin weiß schon, wie über die Hürde zu kommen wäre: „Über eine Grenze der Integrationskraft unseres Landes müssen wir reden.“ Wie könnten die Grünen solcher Wortkosmetik widerstehen? Fragt sich nur noch, ob sich auch die Verhandler der bayrischen Betonkopfpartei auf den Austausch der Begriffe einlassen werden. Am Ende wird die Meisterin der Leerformeln die Richtlinien bestimmen.


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