Kultur
Themen: Musik

Geniale Einfachheit

Zum 50. Todestag der US-amerikanischen Folk-Legende Woody Guthrie
Von Eva Petermann
|    Ausgabe vom 29. September 2017

In diesem September hat „Bear‘s Family“, eine Firma, die sich auf Wiederveröffentlichungen spezialisiert hat, anlässlich Woody Guthries 50. Todestag eine umfassende dreiteilige CD-Box herausgebracht mit dem Titel „Woody Guthrie – Tribute Concerts“. Koproduziert von Guthries Tochter Nora Lee Guthrie, finden sich darin neben einer Biografie, Essays von Zeitgenossen, Konzertprogrammheften, Fotos etc. eine Reihe seiner besten Songs wie „So long, it‘s been good to know you“, „This Train is Bound for Glory“, „Deportee“ und natürlich „This Land is your Land“. Viele wurden zu Klassikern, unzählige Male gecovert und neu bearbeitet.
Die Aufnahmen auf den CDs in dieser Neu-Auflage stammen von zwei Gedächtniskonzerten: 1968 in der Carnegie Hall in New York und 1970 in der Hollywood Bowl, einem Freilufttheater nahe Hollywood. Beide wurden organisiert von Guthries Musikagenten und Freund Harold Leventhal, später Mitbegründer der Woody-Guthrie-Stiftung (er starb 2005). Auf diesen Veranstaltungen zu Guthries Ehren traten damals Künstler auf wie z. B. Tom Paxton, Odetta, Judy Collins, Bob Dylan, Woodys Sohn Arlo Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez, Ani di Franco, Bruce Springsteen und andere berühmte Weggefährten bzw. Bewunderer des Balladenschreibers aus Oklahoma.
Der britische Sänger Billy Bragg nannte Guthrie einmal „einen großartigen Vertreter politischer Popmusik, bevor Pop überhaupt erfunden wurde“. Sein überaus bewegtes, riskantes Leben ähnelt einem Road Movie, nachzulesen nicht zuletzt in seiner 1943 veröffentlichten Autobiografie „Bound for Glory“ (deutsch: „Dies Land ist mein Land“). Deren Verfilmung durch Leventhal 1976 wurde mit zwei Oscars preisgekrönt.
Die Themen seiner meist balladesken Songs entnahm Woody Guthrie häufig Zeitungsmeldungen über markante Ereignisse, die er umdichtete in scheinbar schlichte Ohrwurmlieder. Folklegende Pete Seeger, sein Freund, befand: „Kompliziert sein kann jeder Dummkopf. Aber um Einfachheit zu erreichen, braucht man Genie.“
Als Pete Seeger in den 1950ern vor dem Kommunistenjäger-Ausschuss McCarthys antreten musste und nur knapp dem Gefängnis entkam, war Woody bereits von seiner Krankheit gezeichnet. Das bewahrte ihn immerhin vor der Vorladung zum Verhör. Doch zehrte die Huntington-Krankheit ihn unerbittlich immer mehr auf.
Bevor er starb, 55 Jahre alt, gab ihm seine zweite Frau Marjorie Gazia Guthrie ein Versprechen: Ihr Leben dem Kampf gegen die damals nahezu unerforschte und bis heute nicht heilbare Erbkrankheit zu widmen. Schon das Leben seiner Mutter (und das Familienleben) waren durch sie zerstört worden und nun waren seine eigenen Kinder davon bedroht. So kam es in den USA zur Gründung der Gesellschaft zur Bekämpfung der Huntington-Krankheit.
Seine turbulente Reise durchs Leben hatte Woodrow Wilson Guthrie 1912 in Okemah, Oklahoma, begonnen. Sie endete am 3. Oktober 1967 in einer Klinik in New York.
Kurz vorher hatte Marjorie ihm noch das Debütalbum ihres gemeinsamen Sohnes Arlo mitgebracht. Mit „Alices Restaurant“ wurde Arlo Guthrie weltberühmt.
Was genau haben die Lieder des schmächtigen Sängers mit der dünnen Stimme an sich, dass sie ganze Generationen in ihren Bann ziehen und inspirieren konnten, jenseits von politischer Aussage und Musikstil?
Abgesehen von einem schier unerschöpflichen verschmitzten Humor, ist es wohl die Mischung aus scheinbarer Naivität und kompromissloser, nicht zur Anpassung bereiter Direktheit, die ihre Zeitlosigkeit ausmacht.
Nach dem Kriegseintritt der USA 1941 beschriftete Woody Guthrie seine Gitarre mit schwarzen Lettern: „This machine kills fascists.“ Und er schrieb ein Loblied auf die zielsichere Scharfschützin der Roten Armee „Miss Pavlichenko“: „Die ganze Welt wird dich noch lange lieben, denn 300 Nazis starben durch dein Gewehr.“


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Leserbrief zu »Geniale Einfachheit«, UZ vom 29. September 2017





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