Versteckter Arbeitskampf?

Manfred Dietenberger zur Erkrankungswelle bei TUIfly
|    Ausgabe vom 28. Oktober 2016

Beginnend am 3. Oktober 2016, also ausgerechnet am das Wochenende verlängernden Nationalfeiertag und zu Beginn der Herbstferien in NRW, erfasste eine geheimnisvolle Erkrankungswelle insgesamt mindestens 450 Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal des Urlaubsfliegers TUIfly. Innerhalb nur einer Woche kamen so 2 000 Krankheitstage in der Belegschaft zusammen. Dies hatte fast die komplette Einstellung des Flugverkehrs der Linie zur Folge. Diese bis dahin unter deutschen Beschäftigten eher unbekannte Erkrankung breitete sich epidemieartig aus, zuerst vom Flughafen Hannover-Langenhagen, dann weiter über Frankfurt, Stuttgart, Berlin-Tegel und Hamburg.

Die Krankmeldungen bei der Fluggesellschaft TUIfly haben bei Bösmeinenden den Verdacht aufkommen lassen, es handele sich dabei um „wilde Streiks“. Doch die Krankheit, die bei deutschen Beschäftigten am weitesten verbreitet ist, heißt Präsentismus. Sie ist immer dann akut, wenn ein Kollege zur Arbeit kommt, obwohl er krank ist. Mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmer schleppen sich an wenigstens einem Tag krank zur Arbeit. Das ist wahrlich krank. Wenn sich aber das Bordpersonal, das für die Sicherheit im Flugzeug verantwortlich ist, nicht fit genug fühlt, diese Verantwortung zu tragen und sich daher krank meldet, ist das verantwortungsbewusst. Und die Betreffenden verhalten sich obendrein noch vorschriftsmäßig.

Der Hauptgeschäftsführer der niedersächsischen Metall“arbeitgeber“ sieht das anders und spricht von einer „Form des versteckten Arbeitskampfes“. Die Wirtschafts-Woche fragte ihre Leser: „Sind kollektive Krankmeldungen denn tolerierbar?“ 33,9 Prozent meinten nein, das ist illegaler Arbeitskampf. Aber welch’ Überraschung 19,3 Prozent meinten ja, das ist doch eine kreative Art zu streiken, und 2,7 Prozent argumentierten ja, das schont die Streikkasse.

Wie auch immer, letztlich zählt das Ergebnis, und das kann sich sehen lassen: TUIfly versicherte, dass die TUIfly für die Dauer von mindestens drei Jahren eine deutsche Gesellschaft mit Sitz in Hannover bleibt, die heutigen Arbeitsverträge der TUIfly-Mitarbeiter bleiben bestehen. ver.di und VC bleiben weiterhin Tarifpartner, die Betriebsräte und die Personalvertretungen bleiben im Amt, die Betriebsvereinbarungen und Tarifverträge behalten Gültigkeit und es gibt keine Einschnitte bei den Gehältern.

Bald nach Bekanntwerden dieser Zugeständnisse waren die Beschäftigten wieder wohlauf. Und mich beschleicht – ich geb’s zu – nicht geringe Freude.


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