Denk daran, schaff Vorrat an!

Manfred Idler über Notvorräte
|    Ausgabe vom 26. August 2016

„Die Bevölkerung wird angehalten, einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen vorzuhalten“, zitiert die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ aus der „Konzeption zivile Verteidigung“ des Bundesinnenministeriums. Der Ahne erbleicht, die Ahnin desgleichen, ziehen Enkelin und Enkel aufs Knie und raunen ihnen Geschichten aus alten Zeiten ins Ohr.
Bei ihnen schlägt die Meldung einen Funken der Erinnerung an finstere Zeiten des kalten Krieges, als das Bewusstsein allgemein war, dass der Russe danach trachtete seine Pferde im Rhein saufen zu lassen. Damals, Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, erging ein ähnlicher Aufruf an die Bevölkerung, und die Idee für die „Aktion Eichhörnchen“ getaufte Kampagne hatte kein Geringerer als der skurrilste der skurrilen obersten Repräsentanten des „richtigen“ deutschen Staats erfunden: Heinrich Lübke.
Damals war im Volk noch eine konkrete Vorstellung davon vorhanden, dass Kriege dazu neigen dorthin zurückzukehren, wo sie begonnen oder angezettelt worden sind. „Der Russe“ ist als Feindbild haltbar und findet derzeit Wiederverwendung als Hauptmacht der Finsternis. Doch scheint das Bewusstsein jüngerer Generationen für die Bedrohung nicht ausgeprägt genug, um ein Konjunkturprogramm für den Discounthandel herzugeben. Womöglich denken die Jungen bei Bevorratung auch nicht in erster Linie an Reis, Plattenfett und Fischkonserven, sondern eher an einen Kasten Bier im Keller und ein Päckchen Präservative im Nachtkasten. Allenfalls mag in der hedonistischen Jugend noch über den Erwerb eines Notstromaggregats zur allfälligen Speisung des Smartphones nachgedacht werden. Überhaupt ist Militarisierung der Gesellschaft – und der Text des Innenministeriums ist ein Teil davon – noch in breiten Kreisen ungemein unpopulär. Und so wird die Warnung der Ahnen wohl von den meisten in den Wind geschlagen werden.
Damit das nicht so bleibt, haben die Täter der „vierten Gewalt“, der staatsfrommen Medien, wohl noch ein weites Feld zu beackern.


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