Metaphysik contra dialektischer Materialismus?

Von Klaus Weber, Stuttgart
|    Ausgabe vom 20. Mai 2016

In „Eine gefährliche Illusion“ (UZ 18/2016) beschreibt Nina Hager, wie die Katastrophe von Tschernobyl die DKP von „Erkenntnisoptimismus“ und „Technikeuphorie“ weg zur Einsicht gebracht habe, dass „die einzige Lösung“ des Risikos der Kernenergetik „der Verzicht auf diese Technologie“ sei. Trotz des angeführten Verweises auf Lenin, dass „die Welt … nie restlos … erkannt werden“ könne, halte ich Hagers Schlussfolgerung für metaphysisch. 

Denn „Hände weg!“ von der Kernenergetik bestreitet schlussendlich, dass menschliche Erkenntnis jemals so weit kommen kann, auch diese Produktivkraft zu beherrschen. 

Hat sich die DKP wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandergesetzt? Mir ist nichts bekannt. Vielmehr wurde die Position der „Grünen“ übernommen, die mit ihrer „Small is beautiful“-Ideologie nicht nur Kernenergetik ablehnen, sondern jegliche Forschung auf diesem Gebiet – die Kernfusionsforschung eingeschlossen. Die Tabuisierung des menschlichen Erkenntnisstrebens, auch bei einer problematischen Produktivkraft wie der Kernenergetik, widerspricht dem dialektischen Materialismus. 

Leider wurden auch andere „grüne“ Positionen zur Energiewirtschaft übernommen – und allenfalls mit einem „roten Schwänzchen“ grundsätzlicher Kapitalismuskritik versehen. Der alte „Erkenntnisoptimismus“ und die alte „Technikeuphorie“ erscheinen nun in neuem Gewand: Die Energieversorgung der Welt von morgen mit schon heute mehr als sieben Milliarden Menschen durch fluktuierende Energiequellen geringer Intensität (Wind, Sonne), unterstützt von bislang sehr beschränkten Speichertechnologien – kein Problem! Zahlreiche UZ-Artikel sind Zeugnis dieses blinden Anbiederns an den „grünen“ Zeitgeist. Die Begründung der „Energiewende“, dieses deutschen Sonderwegs zur Rettung der Welt, ist nicht weniger metaphysisch: Der Welt ein Beispiel geben, um so der erneuerbaren Energiewirtschaft zum Durchbruch zu helfen. Also im Kleinen „Gutes“ tun, damit das Große gut wird. Der dialektische Materialismus, der Gesetzmäßigkeiten erkennen und nutzbar machen möchte, ist hier Wunschdenken gewichen. Schade!


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Leserbrief zu Artikel »Metaphysik contra dialektischer Materialismus?«, UZ vom 20. Mai 2016





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