Die Traumschifffabrik

Kolumne von Lars Mörking
|    Ausgabe vom 25. Dezember 2015

„Wir werden weiterhin daran arbeiten, dass Ibrahim Ergin nicht im Betrieb bleibt“, so der Geschäftsführer der Meyer Werft in Papenburg, Lambert Kruse gegenüber dem NDR. Ergin ist dort Betriebsratsvorsitzender. Ihm wird vorgeworfen, 2011 und 2012 Auszubildende zum Eintritt in die Gewerkschaft „genötigt“ zu haben.

Die Traumschifffabrik, die auch Vorreiter in Sachen „Industrie 4.0“ sein will, ist in den letzten Jahren neben inszenierten Stapelläufen schwimmender Kleinstädte vor allem durch den Tod von zwei rumänischen Kollegen in die Schlagzeilen geraten. Diese waren als Leiharbeiter für Schweißarbeiten in der Werft eingesetzt und bei einem Brand in der ihnen zugewiesenen Massenunterkunft ums Leben gekommen. Das bedeutet aber nicht, dass das Unternehmen ein besonders schlechter „Arbeitgeber“ wäre, eher ein normal schlechter, bisher sogar eher überdurchschnittlich gut. Man könnte sich sogar dazu verleiten lassen zu behaupten, ein besserer regionaler Arbeitgeber finde sich erst im gut 70 Kilometer entfernten Lingen, wo das Atomkraftwerk „sichere“ Arbeitsplätze bietet.

Die Meyer Werft ist nun einmal ein traditionelles, 1795 gegründetes Unternehmen mit ebenso traditionellen Werten – und seit sieben Generationen im Besitz der ehrwürdigen Familie Meyer. Die lässt sich nicht gerne reinreden von Betriebsrat und Gewerkschaft, schon gar nicht von engagierten Gewerkschaftern, die in den Betriebsrat gewählt wurden. Wie sie ihren Laden zu führen haben, wie sie „ihre“ Beschäftigten behandeln ist höchstens Gegenstand werbewirksam verabschiedeter Selbstverpflichtungen wie der „Sozialcharta“ der Meyer Werft, die diesen März verabschiedet wurde.

Es war ein sehr fadenscheiniger, anonymer „Offener Brief“, welchen die Geschäftsführung der Meyer Werft zum Anlass für die fristlose Kündigung des Betriebsratsvorsitzenden nahm. Von einer Zumutung war die Rede, sollte das Arbeitsgericht Lingen diese nicht absegnen.

Das hat das Arbeitsgericht aber nicht getan. Zum Vorwurf, Ergin habe Auszubildende in die IG Metall gedrängt, äußerte sich das Arbeitsgericht Lingen aber leider nicht. Die Verweigerung der sogenannten Ersatzzustimmung zur Kündigung wurde vielmehr damit begründet, dass der Betriebsrat nicht rechtzeitig informiert worden sei.

Die Auseinandersetzung wird also weitergehen. Dabei kann Ergin auf die Solidarität seiner Kollegen aus dem Betrieb – 200 waren zur Unterstützung zu seiner Gerichtsverhandlung gekommen – und seiner Gewerkschaft bauen. Auch dass er den Konflikt öffentlich austrägt, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass er durchhalten kann. Zu viele werden still und heimlich fertiggemacht.

Ibrahim Ergin wird einen langen Atem brauchen. In der IG Metall Leer-Papenburg wurde bereits vermutet, dass es sich bei der Kündigung Ergins um eine Kampagne à la Rechtsanwalt Naujoks handelt. Helmut Naujoks wirbt damit, dass er Unternehmen bei der „Kündigung der Unkündbaren“ helfen könne. Hält sich der „Arbeitgeber“ an dessen Drehbuch, dann wird dieser versuchen, einen Keil zwischen Betriebsrat und Gewerkschaft zu treiben, weil sonst keine „vertrauensvolle“ Zusammenarbeit möglich sei. Außerdem kann Ergin sich darauf einstellen, dass man versuchen wird, ihm weitere Vergehen anzuhängen. Auch wenn das vor Gericht häufig keine Aussicht auf Erfolg hat, kostet es die Betroffenen Kraft und Nerven. Wer sich aktiv wehrt, hält dem vielleicht sogar stand.


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