Kultur
Themen: Filme

Die hilflosen Helfer

Fernando Leon de Aranoas Film „A Perfect Day“
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 23. Oktober 2015
 (Foto: x-verleih)
(Foto: x-verleih)

Eigentlich hat dieser Film alles was ein Action-Kassenknüller braucht: Verfolgungsjagden, jede Menge Kriegsgerät und grimmige Uniformierte, wilde Kriegsschauplätze, Männer mit Affären, ein Kind zwischen den Fronten. Dazu temporeiche Inszenierung mit schnellen Szenenwechseln und eine hochkarätige Hollywood-Besetzung. Eines fehlt ihm: ein Regisseur, der alles das zu sattsam bekanntem Popcornkino zusammenrührt. Zum Glück. Denn der spanische Regisseur Fernando Leon de Aranoa – man erinnert sich seiner herrlichen Straßenstrich-Komödie „Princesas“ (2005) – weiß die Mainstream-Zutaten souverän für Substanzielleres zu nutzen. Mit „A Perfect Day“, seinem ersten in Englisch gedrehten Film, bewegt er sich gleich im doppelten Sinne auf vermintem Gelände. Seine Protagonisten, vier Mitarbeiter einer NGO-Hilfsorganisation, müssen im Bosnienkrieg ständig auf der Hut sein vor Sprengfallen, die unter toten Kühen auf ihrem Weg lauern könnten, gerade so wie seine bitterböse Kriegssatire den schmalen Grat zwischen Geschmacklosigkeiten und falschem Pathos finden muss.

Vor solchem politisch brisanten Hintergrund ist schon der Filmtitel zwangsläufig der pure Sarkasmus. Eine aufgeschwemmte Leiche in einem Brunnen, mit der den Dorfbewohnern das Trinkwasser vergiftet werden soll, und dann ringsum Ablehnung und Schulterzucken auf die Frage nach einem Ersatzseil, mit dem man den feuchten Fettwanst wieder herausziehen will – so beginnt dieser „perfekte“ Tag für Mambrú (Benicio del Toro), den Sicherheitschef eines multinationalen Hilfstrupps der NGO „Aid Across Borders“. Sein Partner B (Tim Robbins) hat sich aus dem Frust seines Jobs in privates Herumphilosophieren geflüchtet, und die junge Assistentin Sophie (Mélanie Thierry) erlebt schon bei ihrem ersten Einsatz, wie rasch ihre naiven Vorstellungen von humanitärer Hilfe an der rauhen Wirklichkeit abprallen. Probleme über Probleme also für das Trio, das schon mit der Schlichtung des Streits um einen geklauten Fußball völlig überfordert ist; was kann Mambrús Appell an die Moral schon ausrichten, wenn der Halbwüchsige, der dem kleinen Nicola den Ball geklaut hat, eine geladene Pistole zückt? Und zu allem Unglück taucht auch noch Mambrús Exgeliebte Katja (Olga Kurylenko) am Schauplatz auf – mit dem Auftrag, die Arbeit der drei zu „evaluieren“, was sie auch Mambrús daheimgebliebener Frau triumphierend mitgeteilt hat …

Aranoas Film weckt Erinnerungen an Robert Altmans brillante Kriegslazarett-Groteske „M. A. S. H.“ von 1970, aber der 1968 in Madrid geborene Regisseur und Koautor geht in seiner politischen Klarheit deutlich über sie hinaus, indem er in kleinen, nur scheinbar marginalen Szenen auch die Adressaten solcher Hilfsaktionen in das Geschehen einbezieht. Mit wenigen Strichen skizziert er die Absurdität der am NGO-Schreibtisch ersonnenen Hilfsmaßnahmen: Eine alte Bäuerin vertraut auf ihrem Weg durch das verminte Gelände dem Spürsinn ihrer Kühe – und zeigt so nebenbei Mambrús Trupp den sicheren Weg. In den verkohlten Trümmern von Nicolas Dorf finden sie zwar das gesuchte Seil, aber daran hängt noch ein angriffswütiger Hund, während sich der Zyniker B in die Phantasie einer „Welt-Hauptstadt der Seile“ steigert. Und wenn das tapfere NGO-Trio am Ende seinen Kampf um den Brunnen nicht gegen die störrischen oder geschäftstüchtigen Dörfler, sondern gegen UN-Diplomaten und ihre Blauhelm-Offiziere verliert, bringt ausgerechnet eine Naturkatastrophe die schlichte Lösung.

Nein, Mambrú und seine Leute sind keine arroganten Besatzer, die wie Herrenmenschen die Einheimischen um jeden Preis mit ihrer „freedom & democracy“ beglücken wollen. Sie sind nur deren willige Helfer, die um ihre Hilflosigkeit wissen und dennoch „funktionieren“ wollen. Sophie wird bei einer Unterrichtung im Hauptquartier mit ihrem Beharren auf die Rechtslage vom leitenden Offizier barsch abgekanzelt – und kuscht. Mambrú hindert seine alte Affäre mit Katja daran, resoluter gegen deren Einschüchterungsversuche aufzutreten, und B fordert von ihm gar, er soll Katja „vögeln für das bosnische Volk“. Über allem Tun der Helfer schwebt zudem – neben der alltäglichen Lebensgefahr durch Sprengminen – stets das Risiko, ein Umschwung der politischen Großwetterlage könnte über ihre Köpfe hinweg die Zielvorgaben ins Gegenteil verkehren.

In solchem Klima gedeihen keine Helden, wie sie das Actionkino liebt. Aranoas Figuren sind Musterbeispiele für das so oft beschworene „einfache Volk“, das sich, wenn auch widerstrebend, damit abgefunden hat, als Manövriermasse höherer Interessen zu dienen, auch wenn es später oft genug die Niedrigkeit solcher Interessen hat erkennen müssen. Zugleich sind sie geprägt von einer Weltsicht, in der die Ökonomie in allen Lebensbereichen regiert und Fragen von Recht und Moral zweitrangig macht. Auf ihrer Hilfsmission – welch ein herrlich verräterischer Begriff! – begegnen sie Menschen, die ihrer Hilfe in dieser Form nicht bedürfen, weil sie sich im alltäglichen Kampf ums Überleben nüchternen Pragmatismus und archaische Moral bewahrt haben. Mambrús Helferstolz scheint sichtlich geknickt, als der clevere Nicola den gerade erst zurückerkämpften Fußball für schnöde zehn Dollar weiterverscherbelt, und doch fällt ihm am Ende wiederum nur eine Dollarlösung ein, um Nicola vor einem Trauma zu bewahren. Ein geradezu subversiver Schluss für einen hochpolitischen Film – und einmal mehr eine Lektion für Hollywood, das solche Blutzufuhr aus Europa offenbar dringend braucht.


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Leserbrief zu »Die hilflosen Helfer«, UZ vom 23. Oktober 2015





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