Eine Wende im Krieg im Sudan ist es allemal, vielleicht sogar eine entscheidende: In der vergangenen Woche ist es den offiziellen Streitkräften gelungen, die Milizionäre der Rapid Support Forces (RSF), gegen die sie seit fast zwei Jahren Krieg führen, aus der Hauptstadt Khartum zu vertreiben. Seit Jahresbeginn waren ihnen nach einem langen militärischen Patt eine Reihe militärischer Erfolge gelungen: Sie konnten eine wichtige Ölraffinerie nördlich von Khartum zurückerobern und damit die Treibstoffversorgung der RSF schwächen. Dann brachten sie erst Omdurman unter ihre Kontrolle, die Zwillingsstadt von Khartum am westlichen Ufer des Nils, beendeten die Belagerung des Armeehauptquartiers und schließlich nahmen sie den Präsidentenpalast, den Flughafen sowie die Innenstadt von Khartum ein. Für die verbliebene Zivilbevölkerung in der Hauptstadt und der näheren Umgebung bedeutet das zumindest vorläufige Ende der Kampfhandlungen und der Abzug der bei vielen verhassten RSF ein wenig Erleichterung – und die Hoffnung, dass der Krieg vielleicht doch zu Ende geht.
Letzteres ist jedoch alles andere als gewiss. Die RSF mögen die Schlacht um Khartum verloren haben, aber sie sind noch lange nicht besiegt. Khartum mussten sie aufgeben, weil sie ihre Kräfte wohl stark überdehnt hatten. Sie kontrollierten große Teile des Landes ohne nennenswerte lokale Unterstützung, weil sie sich mit ihrem brutalen Vorgehen gegen Zivilisten bei der örtlichen Bevölkerung verhasst gemacht hatten. Zudem waren sie auf lange Versorgungswege aus der weit im Westen gelegenen Provinz Darfur angewiesen. Dadurch war ihr Nachschub immer wieder gefährdet. Darfur ist allerdings weiterhin fest in ihrer Hand – bis auf einen Teil Nord-Darfurs, vor allem dessen Hauptstadt al-Faschir, die sie umzingelt haben. Die Führung der RSF und viele ihrer Kämpfer stammen von dort und sind entsprechend verankert. Sollten sich die Milizionäre nach Darfur zurückziehen, fürchten manche erneute Massaker an der schwarzafrikanischen Bevölkerung. Solche hatte es bereits kurz nach Beginn des Krieges in Süd-Darfur gegeben, ganz ähnlich übrigens den Massakern, die die Dschandschawid-Milizen in den Jahren ab 2003 verübt hatten. Aus den Dschandschawid gingen vor mehr als zehn Jahren die RSF hervor.
Sollten sich die RSF nach Darfur zurückziehen, wäre eine Teilung des Sudan durchaus denkbar. Allerdings könnten die RSF von dort aus jederzeit neue Feldzüge in Richtung Niltal starten. Zudem wäre damit zu rechnen, dass die regulären Streitkräfte auch Darfur unter ihre Kontrolle bringen wollen. Dann könnte sich der Krieg sogar noch ausweiten, denn die offiziellen Streitkräfte, die unter anderem von Ägypten, Saudi-Arabien sowie mittlerweile auch von Russland unterstützt werden, drohen neuerdings damit, gegen ausländische Unterstützer der RSF vorzugehen, und das heißt zunächst: gegen den Tschad. Dieser stellt in seinem Osten, nahe Darfur, Flugplätze zur Verfügung, um die RSF mit Nachschub zu versorgen. Hauptquelle dafür sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Man behalte sich vor, die tschadischen Flugplätze zu bombardieren, die zur Versorgung der RSF genutzt würden, erklärte kürzlich ein Sprecher von Sudans Streitkräften. Die Frage ist, ob die Emirate bereit sind, die Unterstützung der RSF einzustellen. Das könnte den Krieg beenden. Allerdings verdienen die Emirate viel Geld an dem Gold, das die RSF ihnen aus Darfur liefern.
Unterdessen leidet die Zivilbevölkerung weiter. Einig Hilfsorganisationen bezeichnen die Lage im Sudan als die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart. Millionen Menschen hungern; mindestens zwölf Millionen sind auf der Flucht; Zehntausende, womöglich bis zu 150.000 sind durch Kriegshandlungen und Kriegsfolgen umgekommen. Am 24. März bombardierten die Streitkräfte einen großen Markt in Tora nahe al-Faschir, möglicherweise um den Nachschub der RSF zu treffen. Dabei töteten sie hunderte Zivilisten. Durch die Vernichtung der dort gelagerten Lebensmittel wird die Hungersnot in Darfur zudem noch verschärft.