Robert De Niro brilliert in einer Serie über die Folgen einer Cyberattacke

Und es ward dunkel

Zapp, und es war duster: In den USA fällt der Strom aus – für eine Minute. Mit ihm sämtliche Kommunikations-, GPS- und Radaranlagen, Ampeln, Weichen und Schranken. Tausende Tote sind die Folge. Sie sterben bei Flugzeugabstürzen, Autounfällen, U-Bahn-Entgleisungen und in Krankenhäusern, als sich die Beatmungsmaschinen abschalten. Als der Strom wieder da ist, blinkt auf sämtlichen Handys und Computern eine Botschaft: „Das wird wieder passieren.“

Die Netflix-Serie „Zero Day“ spielt eine Option dessen durch, von dem hierzulande stets geraunt wird. Nein, kein Angriff der „russischen Schattenflotte“, sondern eine „Cyberattacke“. Die Drohung macht klar, dass es sich nicht um ein technisches Versagen handeln kann. Und so schreit sie los, die Politik, ist doch das „Land of the free“ angegriffen worden – schlimmer als am 11. September. Und jede Sekunde kann es von vorne losgehen.

Die US-Präsidentin Evelyn Mitchell (Angela Bassett) will nicht mitten in der Schusslinie von aufgebrachter Bevölkerung und freidrehendem Senat stehen. So gründet sie kurzerhand die „Zero Day Commission“, der der Ex-Präsident George Mullen (Robert De Niro) vorstehen soll. Dabei hat der eigentlich ganz eigene Probleme und möchte seine Zeit lieber mit Joggen mit dem Hund und seinen Erinnerungen verbringen.

In „Zero Day“ wird die Sicherheitskrise schnell zur Verfassungskrise: Die Kommission von Mullen hat weitreichende Berechtigungen, Grundrechte sind null und nichtig. Der Ex-Präsident, der zu Beginn die weitreichenden Befugnisse noch ablehnt, lässt sich immer mehr in den Strudel der Ermittlungen ziehen und schreckt irgendwann auch vor Folter nicht mehr zurück. Die Autoren der Serie, die Emmy-Gewinner Eric Newman und Noah Oppenheim sowie der Washingtoner „New York Times“-Korrespondent Michael Schmidt, haben George Mullen eine mentale Schlagseite verpasst, die ihn anfällig machen für die Intrigen seiner Umgebung. Er sieht seinen toten Sohn, macht unsinnige Notizen, hat Erinnerungslücken. Ist er Opfer von Angriffen, die ihn neurologisch außer Gefecht setzen sollen, oder leidet er an einer beginnenden Demenzerkrankung?

Angereichert wird die Geschichte mit einer Frau, die ein skrupelloser Tech-Mogul mit großer Social-Media-Präsenz ist, einem Star der Fake-News-Szene, Milliardären mit eindeutigen Interessen und einem Oppositionsführer im Senat, der geradezu fanatisch seine eigenen Interessen verfolgt. Zudem hat die Familie Mullen eine Absprache getroffen, die durch den Kommissionsvorsitz des Ex-Präsidenten ins Wanken gerät. Denn eigentlich sind jetzt die Frauen dran. Mullens Tochter (Lizzy Caplan) arbeitet als Senatorin an ihrer eigenen Politkarriere und stellt sich öffentlich gegen den Vater, Mullens Frau (Joan Allen) ist gerade dabei, sich um ein höchstes Richteramt zu bewerben.

Die Kritik feiert die vor drei Jahren geschriebene Serie als quasi prophetische Darstellung der USA in den Zeiten von Trump II. Das ist sie mit Sicherheit nicht. Die politischen Figuren in „Zero Day“ sind austauschbar – und dass in dieser Zeit Tech-Milliardäre eine große Rolle spielen, brauchte keine prophetische Einsicht.

Warum sollte man die Serie trotzdem ansehen? Wegen Robert De Niro. Und wegen seines Charakters George Mullen. Der 82-jährige De Niro spielt den Ex-Präsidenten mit absoluter Verve und ruft in seiner ersten Serien-Hauptrolle sein ganzes schauspielerisches Können ab. Besonders schön (für die, die im englischen Original gucken): wenn Mullen wütend wird, lässt De Niro ihn in einen zutiefst rotzigen New-Yorker Akzent verfallen. Eines Ex-Präsidenten völlig unangemessen und daher für die Dynamik der Serie überaus belebend. Und George Mullen? Der macht so ungewohnt klingende Vorschläge wie: Man möge doch einfach nur dann sagen, dass es der Russe war, wenn man auch wisse, dass es der Russe war. In diesen Zeiten durchaus erfrischend.

Zero Day
6 Folgen
Abrufbar auf Netflix

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"Und es ward dunkel", UZ vom 4. April 2025



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