Leipziger Linkspartei cancelt Buchlesung mit Diether Dehm

Toleranz geht anders

Auf in die Kneipe! Diesem Ruf folgt mancher gern. So war es auch am 27. März anlässlich einer Lesung im Rahmen der Buchmesse in Leipzig, zu der der Eulenspiegel-Verlag eingeladen hatte. Allerdings handelte es sich hier um einen Schlachtruf, eine Trotzreaktion. Denn alles war anders geplant. Der Liedermacher und Autor Diether Dehm wollte seinen neuen Roman „Rebecca“ im Geburtshaus von Karl Liebknecht vorstellen, dessen Eigentümer die Partei „Die Linke“ ist. „Rebecca“ ist der erste Teil einer Trilogie zur eigenen Familiengeschichte mit dem Titel „Aufstieg und Niedertracht“. Völlig unerwartet kam einen Tag vor der vereinbarten Lesung das Veto des neu gewählten Stadtvorstandes der Linkspartei. Mit fünf gegen drei Stimmen wurde der zugesagte Raum kurzerhand abgesagt. Begründung: Dehm sei mit seinen politischen Ansichten allgemein und seinem konkreten Handeln unter anderem gegen „Die Linke“ inhaltlich nicht mit deren Zielen kompatibel. Bekannt gewordener Anlass: Dehm habe laut „junge Welt“ vom 24. März eine „Fusion“ von BSW und AfD gefordert. Diese Behauptung ist falsch und musste von der Redaktion von „junge Welt“ zurückgenommen werden. Dennoch blieb es bei der Absage.

Dehm wäre nicht Dehm, wenn er das einfach stehen gelassen hätte. Die Lesung sollte stattfinden – unter freiem Himmel direkt vor dem Liebknecht-Haus. Da ertönte der Ruf: Auf in die Kneipe. Die fand sich schnell. 30 Personen passten gerade so in den zur Verfügung gestellten Raum und 30 waren es. Einigen Gästen, die nichts mit der Buchlesung zu tun hatten, wurde damit ein Erlebnis besonderer Art geboten.

Man kann die Rede von Diether Dehm beim Kasseler Demokratiefest, die für das Auftrittsverbot im Liebknecht-Haus herhalten musste, auf YouTube nachhören. Dehm mag auf manche Fragen zu schnell antworten, zumal er gern vereinfacht, aber hier ging es darum, den Friedenskampf nicht an falschen Fronten scheitern zu lassen. Dazu gehört, gegen die Begriffsverwirrung aufzutreten und sich die Instrumente, die das Grundgesetz hergibt, um die Bevölkerung demokratisch zu organisieren, nicht aus der Hand schlagen zu lassen. Deutlich wurde bei Dehm, dass die Brandmauer gegen den Krieg nötig ist. Wir müssen mehr werden, so sein Appell. Dehms Wortwahl in Kassel, so kritisch sie an einigen Stellen auch betrachtet werden muss, sollte populär und bildhaft sein. „Rechte Patrioten“ und „linke Patrioten“, diese Ausdrücke hat er auf der Lesung selbst ganz unterschwellig behandelt beziehungsweise bewertet und nicht etwa in den Rang von Kategorien erhoben. Nie war die Rede von einer „Fusion“ von AfD und BSW. Kritisiert hat er beide und die Partei „Die Linke“.

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Es bleibt ein Skandal, dass der Stadtvorstand der Partei „Die Linke“ in Leipzig die gebuchten Räumlichkeiten absagt hat. Die Gruppe der Linken hatte – mit zwei Ausnahmen – keine Probleme, am 18. März in der Überrumpelungssitzung eines abgewählten Bundestages gegen einen Antrag des BSW zur Verurteilung der Politik der Kriegstüchtigkeit zu stimmen. Sie tat dies gemeinsam mit der AfD, die ebenfalls dagegen stimmte, indem die Beschlussempfehlung auf „Ablehnung“ des entsprechenden Ausschusses angenommen wurde. Da wird man sofort an die Toleranzempfehlung erinnert, die Gregor Gysi in seiner Rede als Alterspräsident am 25. März im Bundestag verkündete. Kriegstreiber soll man nicht mehr Kriegstreiber nennen, da sie auf ihre Art Frieden schaffen wollen.

Für die Partei „Die Linke“ in Leipzig war der 27. März ein Tiefpunkt ihrer Entwicklung. Nichts da mit einer gewissen Sonderstellung im Sinne „Leipzig bleibt rot“, wenn dem Vorstand die politischen Fronten in diesem Land aus dem Blick geraten. Schön mittig bleiben – ganz so wie Gregor Gysi in der „größten“ Rede seines Lebens.

Diether Dehm
Aufstieg und Niedertracht I: Rebecca
Trilogie einer sozialdemokratischen Fußballerfamilie über drei Generationen vom Kriegsende bis zum Jahr 1996
Neues Leben Berlin, 640 Seiten, 28 Euro

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"Toleranz geht anders", UZ vom 4. April 2025



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