Nicht besiegt

Arnold Schölzel zum 9. November 1918
|    Ausgabe vom 8. November 2019

Am 9. November 1918 siegte die Revolution in Berlin. Die Herrschaft der Hohenzollern war beendet, das Ende des Krieges im Westen gekommen. Im Osten hatte der deutsche Imperialismus mit dem Raubfrieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 versucht, die Sowjetmacht tödlich zu treffen. Den Bürgerkrieg der Weißen unterstützte das Kaiserreich. Deutsche und österreichische Truppen standen in der Ukraine und kollaborierten zum Beispiel mit der Don-Republik des Kosaken-Generals Pjotr Krasnow. Der erwies sich später in der Emigration im deutschen Bad Nauheim als glühender Anhänger Hitlers und rief am ersten Tag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 die Kosaken auf, an der Seite der Faschisten zu kämpfen. Dies sei „kein Krieg gegen Russland, sondern gegen Kommunisten, Juden und ihre Schergen, die mit russischem Blut handeln“. Er wurde 1947 in Moskau verurteilt und hingerichtet.
Die Bolschewiki wussten, mit wem sie es auf der Seite der Konterrevolution zu tun hatten. Für sie war die deutsche Revolution auch deswegen von entscheidender Bedeutung. Lenin, der am 30. August das Schusswaffenattentat einer Sozialrevolutionärin knapp überlebt hatte, sah das Ereignis lange kommen. Die herannahende Umwälzung in Deutschland hatte er in seinem Erholungsort Gorki intensiv verfolgt und schon am 1. Oktober 1918 an Swerdlow, den Vorsitzenden des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, geschrieben: „Die Dinge haben in Deutschland solch einen ‚schnellen Lauf’ genommen, dass auch wir nicht zurückbleiben dürfen. (…) Die internationale Revolution ist innerhalb einer Woche so nahe gerückt, dass wir mit ihr als einem Ereignis der nächsten Tage rechnen müssen. (…) Wir alle setzen das Leben dafür ein, um den deutschen Arbeitern zu helfen, die in Deutschland begonnene Revolution voranzutreiben.“ Lenin schlug vor, sofort darüber zu beraten. Die Ärzte verboten ihm aber die Reise nach Moskau.
Dann kamen die Funksprüche aus Kiel und Berlin. In ihren Erinnerungen schrieb Nadeschda Krupskaja: „Am 8., 9., 10. und 11. November sind es die Nachrichten über die Revolution in Deutschland, die Lenin völlig in ihrem Bann halten. (…) Die Oktobertage des Jahres 1918, da die Sowjetmacht ihr einjähriges Jubiläum feiert, gehörten zu den glücklichsten Tagen seines Lebens.“ Die Bolschewiki hielten die Revolution in Westeuropa, vor allem die in Deutschland, für unerlässlich, um den Bürger- und Interventionskrieg zu beenden und um die Rückständigkeit ihres Landes, das durch Weltkrieg und bewaffnete Konterrevolution zerrüttet war, mit internationaler Hilfe zu überwinden. Am 12. Januar 1919 schrieb Lenin in seinem „Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas“, „dass wir uns in einer belagerten Festung befinden, solange uns andere Armeen der internationalen sozialistischen Revolution nicht zur Hilfe kommen.“
Dazu kam es nicht. Dennoch war die deutsche Novemberrevolution von weltgeschichtlicher Bedeutung. Erstmals war in einem hochindustrialisierten Land der Beweis erbracht: Die Kette imperialistischer Kriege kann auch hier durchbrochen werden. Es gelang jedoch nicht, sie endgültig abreißen zu lassen. Dafür sorgten die Krasnows vieler Länder. Der deutsche Imperialismus riss die Menschheit in den Zweiten Weltkrieg, der gegenüber Osteuropa, gegen die Sowjetunion als Kolonialkrieg geführt wurde.
44 Jahre lang war nach dem 8. Mai 1945 die Kette von Kriegen in Europa erneut zerbrochen, am 9. November 1989 wurde sie wieder geschlossen und Krieg von deutschem Boden erneut möglich gemacht. Der 9. November 1918 bedeutet aber noch heute: Das wird nicht das letzte Wort der Geschichte sein. Die Kräfte, die für Frieden – nicht zuletzt mit Russland – eintreten, sind nicht besiegt.


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Leserbrief zu Artikel »Nicht besiegt«, UZ vom 8. November 2019





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