Das beste Mittel

Manfred Ziegler über die syrisch-kurdische Einigung
|    Ausgabe vom 18. Oktober 2019

Eine Verständigung zwischen der syrischen Regierung und der kurdischen Führung schien in den letzten Jahren unmöglich. Es hätte lange Verhandlungen und vor allem Kompromisse verlangt – von beiden Seiten. Für die kurdische Seite kam das nicht in Frage.
Da war das Bündnis mit den USA viel einfacher. Keine Kompromisse. „Die Kurden“ bekamen, was sie wollten und noch mehr. Den Schutz durch die USA und Geld aus Saudi-Arabien. Die US-Militärstützpunkte waren das Sahnehäubchen auf dem beiderseitigen Einverständnis. Es war ein breiter Weg zum Erfolg. Und viele Linke frohlockten.
Doch wie es schon in Matthäus 7,14 heißt: „Der Weg ist breit, der zur Verdammnis hinabführt“, ein Highway to Hell.
Auf diesem breiten Weg waren die Vertreter kurdischer Interessen immer nur – im besten Falle – Juniorpartner. Das Sagen hatte die Schutzmacht USA und bestimmend blieben die Interessen der USA. „America First“ gilt für alle Präsidenten, nicht nur für Trump. Mit „den Kurden“, solange es nützt. Die Kontrolle der Region an die Türkei outsourcen, wenn es opportun erscheint.
Für die syrische Regierung ist der Einmarsch der Türkei eine Provokation, die nicht hinnehmbar ist, auch im Widerspruch zur Russischen Föderation. Noch immer war Damaskus offen für Verhandlungen mit den SDF. Und offenbar kam es in letzter Minute unter dem Druck des türkischen Angriffs und vielleicht ausgehend von den unmittelbar betroffenen Orten doch zu einem Meinungsumschwung bei den SDF. Ursache war nicht nur der türkische Angriff. Der Streit um Öl-Einnahmen und um Zwangsrekrutierungen und den Einfluss arabischer Stämme führten zunehmend zu Auseinandersetzungen. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten haben sich überschätzt.
Nach Jahren kam es endlich zu einer zumindest vorübergehenden Einigung. Syrische Armeeinheiten sollen nach Kobani vorrücken, weitere Einheiten sollen im Norden Syriens stationiert werden und später den Schutz der Grenze übernehmen – im Einverständnis mit den SDF. Die Freude vieler Einwohner von Hasaka und anderen Städten über die bevorstehende Rückkehr der Armee spricht Bände.
Eine Verständigung zwischen den SDF und der syrischen Regierung ist das beste Mittel gegen den türkischen Angriff. Die dafür nötigen Kompromisse wären ein Gewinn für ganz Syrien.
Ungewollt haben Erdogan und Trump eine Entwicklung in Gang gesetzt, die einen Meilenstein im Krieg gegen Syrien darstellen kann. Ob zum Guten oder zum offenen Krieg.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Das beste Mittel«, UZ vom 18. Oktober 2019





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.