Von China nach Syrien

Uigurische Dschihadisten hofften auf Kalifat
Von Manfred Ziegler
|    Ausgabe vom 11. Oktober 2019

Die Islamische Turkestan-Partei (ITP) in Syrien ist eine von vielen ausländischen bewaffneten Gruppen, die im syrischen Idlib kämpfen. Die Führung der Partei befindet sich in Afghanistan und Pakistan, ein Teil auch in China. Ihre Mitglieder sind zum großen Teil Uiguren, Einwohner der autonomen Region Xinjiang im Nordwesten Chinas.
Es ist ein weiter Weg von Xinjiang in China über Südostasien in die Türkei und bis nach Idlib. In der Türkei finden die muslimischen und turksprachigen Uiguren Aufnahme. Tausende Uiguren nutzten diesen Weg und wer nach Syrien in den Dschihad ziehen wollte oder von Anwerbern geködert wurde, fand von türkischer Seite eine offene Grenze vor.
Als die Regierung von Thailand 2015 mehr als hundert Uiguren auf ihrem Weg in die Türkei und weiter aufgriff und nach China überstellte, bezeichnete die chinesische Regierung 13 von ihnen als Terroristen. Ein Sprecher für den in München beheimateten Weltkongress der Uiguren sprach davon, sie suchten Frieden und Freiheit von Unterdrückung.
Doch Schätzungen berichteten für das Jahr 2015 nicht von der Suche nach Frieden, sondern von zirka 1500 Kämpfern der ITP, die vom Islamischen Staat und der Nusra-Front umworben wurden. Dabei gehört die ITP zu den kompromisslosesten Hardlinern unter den dschihadistischen Gruppen. Im Mai 2018 veröffentlichte sie ein Rekrutierungsvideo, das mit einem Aufruf von Osama bin Laden begann. Dagegen hat selbst Hay’at Tahrir asch-Scham (HTS) dem ehemaligen Führer der al-Qaida zumindest offiziell abgeschworen.
Die Kämpfer der ITP waren seit 2015 an vielen Schauplätzen des Krieges in Syrien aktiv, vor allem auch am Kampf um Aleppo. Mittlerweile sind sie wie alle Dschihadisten auf Idlib beschränkt. Dort sind sie im Gebiet um Dschisr asch-Schughur ansässig. Viele werden begleitet von ihren Familien und haben sich in Gebieten niedergelassen, aus denen zuvor Alawiten oder Christen vertreiben wurden. Die syrische Regierung geht davon aus, dass bis zu fünftausend Uiguren in Syrien kämpfen.
Sie haben enge Beziehungen zu Dschihadisten in Afghanistan. „Dogu Türkistan Bülteni“, eine türkischsprachige Website, die regelmäßig über die Aktivitäten der ITP berichtet, beschrieb im Februar 2018 zwei neue Führer der ITP in Syrien. Abu Omar al-Turkistani und Abu Muhammad al-Turkistani, so werden sie genannt, hätten mehr als 10 Jahre Kampferfahrung in Afghanistan gesammelt.
Viele ausländische Dschihadisten in Syrien kommen aus arabischen Ländern und die russische Regierung schätzt, dass aus den früheren Sowjetrepubliken 5 000 bis 7 000 Kämpfer kamen. Die 4 000 bis 5 000 Uiguren sind also nicht die größte Gruppe ausländischer Kämpfer in Syrien. Ihre Brisanz erhalten sie durch ihre Islamische Turkestan-Partei und die Forderung, Xinjiang von China zu lösen und eine „Islamische Republik Ostturkestan“ zu bilden.
Der chinesische Botschafter in Syrien, Qi Qianjin, betonte vor einem Jahr, China werde sich in „irgendeiner Form“ an einer Offensive in Idlib beteiligen. Ähnlich äußerte sich auch der Militärattaché Wong Roy Chang. Doch dabei geht es vor allem um Drohnen und Waffen, Berater und technische Unterstützung. Die chinesische Regierung hält sich mit einer unmittelbaren Beteiligung am Krieg zurück.
Nach vielen Niederlagen der Dschihadisten wird es kein Kalifat in Syrien geben. Der Weg vom Nordwesten Chinas nach Syrien hat sich für die uigurischen Dschihadisten nicht gelohnt.


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