Gefährliche verkehrte Welt

Uli Brockmeyer zum Gedenken am Weltfriedenstag
|    Ausgabe vom 6. September 2019

Zunächst sei festgehalten, dass es völlig richtig ist, am Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges Gedenkveranstaltungen abzuhalten. Richtig ist auch, dass solche Veranstaltungen in Wielun und in Warschau stattfanden. Wielun ist die Stadt, die am 1. September 1939 erstes Opfer eines barbarischen Bombenangriffs der deutschen Faschisten in diesem Krieg wurde – nachdem die deutsche Luftwaffe bereits im Spanischen Krieg an der Seite der spanischen und italienischen Faschisten Bombenangriffe auf spanische Städte „geübt“ hatte; die Zerstörung der Stadt Guernica steht symbolisch für die Kriegsverbrechen der deutschen Faschisten bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Und Warschau ist eine der Großstädte Europas, die am meisten unter dem Krieg zu leiden hatten.
Festgehalten sei aber vor allem, dass mit diesem feierlichen Gedenken am vergangenen Wochenende nicht nur eine neue Stufe der Geschichtsverfälschung erreicht, sondern auch, dass hier in ganz gefährlicher Weise Kriegshetze betrieben wurde. Allein die Tatsache, dass Repräsentanten aller NATO-Länder nach Warschau eingeladen waren, nicht jedoch Vertreter des Nachfolgestaates der Sowjetunion, spricht Bände. Waren es doch die Streitkräfte der Sowjetunion, die Seite an Seite mit der 1. Polnischen Armee im Januar 1945 die polnische Hauptstadt von der Besatzung und dem Terror der deutschen Faschisten befreiten. Und waren es nicht die Rote Armee und die Völker der gesamten Sowjetunion, die die Hauptlast des Krieges zu tragen, die weitaus meisten Opfer zu beklagen hatten und zudem die weitaus größten Leistungen bei der Befreiung Europas von den Faschisten erbrachten?
Da war es nur „folgerichtig“, dass die historische Befreiungstat in den Warschauer Reden am Sonntag keine Rolle spielte. Nicht genug damit – der Hauptredner der Veranstaltung, der Präsident des EU- und NATO-Landes Polen, Andrzej Duda, verstieg sich in seiner Rede zu einem Vergleich des faschistischen Aggressors von 1939 mit dem heutigen Russland und unterstellte Russland „imperialistische Tendenzen“.
Und Frank-Walter Steinmeier, der höchste Repräsentant des Nachfolgestaates Nazideutschlands, der Bundesrepublik Deutschland, machte das Ganze noch schlimmer. Man blicke „mit Dankbarkeit auf Amerika“, sagte Steinmeier. Die Macht der Armeen „Amerikas“ habe gemeinsam mit Verbündeten „den Nationalsozialismus niedergerungen“. Nicht einmal an dieser Stelle nimmt ein deutscher Sozialdemokrat den korrekten Begriff „Faschismus“ in den Mund!
Die Tatsache, dass sich der Bundespräsident dazu durchringen konnte, das polnische Volk „um Vergebung zu bitten“, wurde in den Medien als großes Ereignis hochgejubelt – obwohl die höchsten Repräsentanten der Deutschen Demokratischen Republik und selbst der westdeutsche Kanzler Brandt das schon vor Jahrzehnten getan hatten. Und dann legte Steinmeier noch nach und betonte die „Rolle Deutschlands“, das „zu neuer Stärke in Europa wachsen durfte“.
Damit liegt er ganz auf der Linie des polnischen Präsidenten, der die Anwesenheit von US-Vizepräsident Pence dafür nutzte, die Forderung der reaktionären Kräfte in Polen – und in der EU – nach einer heiß ersehnten Stationierung weiterer USA-Truppen in Polen zu wiederholen. Eine wirklich gefährliche verkehrte Welt!


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Leserbrief zu Artikel »Gefährliche verkehrte Welt«, UZ vom 6. September 2019





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