Türkei muss zurückstecken

In Syrien riskiert Ankara den Bruch mit Russland
Von Manfred Ziegler
|    Ausgabe vom 6. September 2019
Fliehende an der türkischen Grenze von Idlib.
Fliehende an der türkischen Grenze von Idlib.

Eiszeit – das beschreibt das Klima zwischen Ankara und Moskau, nachdem 2015 das türkische Militär ein Flugzeug der Russischen Föderation abgeschossen hatte. Es hatte sich nach einem Angriff auf Dschihadisten in der syrischen Provinz Idlib für Sekunden in türkischem Luftraum befunden. Drohte womöglich ein Krieg zwischen Russland und der Türkei? Überraschung: Die beiden Staaten wurden bald wieder beste Freunde – und stehen in Syrien doch auf verschiedenen Seiten.
2015 wähnte sich das türkische Militär mit seinen Verbündeten in Syrien auf dem Weg zum Sieg. Der Abschuss sollte signalisieren, dass die Dschihadisten unter türkischem Kommando in Syrien nicht angegriffen werden dürften. Die Antwort kam schnell: Die russische Regierung überzog die Türkei mit Sanktionen, russische Touristen reisten nicht mehr in die Türkei.
Die türkische Regierung gab klein bei. Erdogan entschuldigte sich für den Abschuss und am 9. August 2016 traf Putin in St. Petersburg seinen türkischen Amtskollegen. Aus Konfrontation wurde Zusammenarbeit. Das Nato-Land Türkei unterzeichnete einen Vertrag zum Kauf von russischen Flugabwehrraketen vom Typ S-400 im Wert von 1,7 Milliarden Euro. Am 22. Mai 2017 waren alle Sanktionen aufgehoben.
Putin lobte „unseren Freund, Präsident Erdogan“. Russland und die Türkei forcierten die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit. Sie verständigten sich – im Rahmen der „Astana-Verhandlungen“ – auf zeitlich befristete Deeskalationszonen in mehreren Gebieten Syriens. Der Iran schloss sich dem Abkommen an. Waffenstillstand, Kontrollposten der Garantiestaaten Russland, Türkei und Iran und Versorgung der Zivilbevölkerung waren die zentralen Punkte des Abkommens. Und es dauerte noch Monate, bis es zu einer Einigung in den Details kam.
Die Dschihadisten der offiziell als terroristisch geltenden Organisation Tahrir al-Sham waren von vornherein von einem Waffenstillstand ausgeschlossen. Doch diese Organisation hatte im Juli 2017 die Kontrolle über die Stadt und weite Teile der Provinz Idlib übernommen, die letzte noch bestehende Deeskalationszone.
Die syrische Armee konzentrierte daher für eine erneute Offensive Truppen im Umfeld der Deeskalationszone und provozierte damit ein mediales Trommelfeuer der westlichen Presse wegen einer drohenden humanitären Katastrophe.
Hauptsächlich wegen der türkischen Vetos wurde die Offensive immer wieder verschoben – die Türkei wollte ihren Einfluss in Idlib und ihre dortigen Militärstützpunkte nicht verlieren.
Schließlich kam es im September 2018 zu einer erweiterten Einigung zwischen der Türkei und Russland: Die Türkei würde ihrer Truppenpräsenz in Idlib verstärken und dafür sorgen, dass die Dschihadisten ihre schweren Waffen aus einer Pufferzone abziehen würden.
Die Truppen wurden verstärkt – doch die Waffen nie abgezogen. Die Dschihadisten sahen die türkischen Beobachtungsposten als Schutz, der ihnen erlaubte, Angriffe zu führen ohne Reaktionen der syrischen Armee befürchten zu müssen. Immer wieder ausgehandelte Waffenstillstandsvereinbarungen interpretierten sie als Schwäche der syrischen Armee. Zu Unrecht.
Im August griff die syrische Armee in ihrer erfolgreichen Offensive um Khan Sheikun einen Hilfskonvoi der türkischen Armee an und schloss einen türkischen Stützpunkt ein. Die türkische Regierung reagierte empört – und wirkungslos. So sehr hat sich das Kräfteverhältnis gegenüber 2015 geändert.
Die Türkei wird ihre Ambitionen in Idlib verringern müssen – oder sie riskiert eine neue Eiszeit, den völligen Bruch mit dem Iran und Russland, mit denen sie nach wie vor beste wirtschaftliche und politische Beziehungen hat.


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