Berliner Luft zu dünn?

Christian Sprenger zur Deutschen Wohnen
|    Ausgabe vom 23. August 2019

Die in der vergangenen Woche bekannt gewordene Verlautbarung der Deutsche Wohnen AG, knapp 10 000 Wohnungen verkaufen zu wollen, davon 3 000 in Berlin, veranlasste einige zu verhaltenem Jubel. Ein Vertreter der Kampagne „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ behauptete, dass in Berlin die Luft für das Immobilienunternehmen immer dünner werde, was auch als Erfolg der Kampagne verbucht werden könne.
Tatsächlich besteht für die Mieter der Stadt kein Anlass zu Optimismus. Denn die jüngst veröffentlichten Zahlen des ersten Halbjahrs 2019 weisen nach wie vor satte Gewinne für Wohnungskonzerne aus. Gut 600 Mio. Euro waren es bei der Deutsche Wohnen, nur etwas weniger als im Vorjahr. Und zwar bei deutlich gestiegenen Mieteinnahmen: Im Durchschnitt zahlen Mieter der Deutschen Wohnen mittlerweile 6,73 Euro kalt/qm, in Berlin sind es 6,82 Euro. Sie mussten damit in der ersten Jahreshälfte 2019 um 3,3 Prozent höhere Mieten zahlen, in Berlin sogar 3,6 Prozent mehr. Und gleichzeitig mit den Verkaufsabsichten des Konzerns wurde bekannt gegeben, sich künftig stärker auf den Bereich „Pflegeimmobilien“ konzentrieren zu wollen. Sieht die Deutsche Wohnen im Aufkauf von Altenheimen neue Profitquellen sprudeln? Die Konzernstrategie jedenfalls, so der Vorstandschef Michael Zahn, bleibe unverändert.
An dieser ändern auch die zuletzt kräftigen Börsenwert-Einbrüche sämtlicher Immobilien-AGs von insgesamt 8,2 Mrd. Euro in nur zwei Wochen nichts. Dabei führt die Deutsche Wohnen, die den Großteil ihrer Wohnungen in Berlin besitzt und die im Juni einen besonders großen Aktienkursverlust verzeichnete: Von 42,11 Euro auf 32,16 Euro, ein Rückgang um gut 23 Prozent oder 3,55 Mrd. Euro Marktkapital. Das Phänomen ist wohl mit dem „Berliner Mietendeckel“ aus demselben Monat zu erklären, der die Mieten in Berlin für fünf Jahre einfrieren soll. Zur Beruhigung der Mieter und um sein schlechtes Image aufzupolieren, kündigte der Konzern damals medienwirksam einen eigenen Mietendeckel an. Vonovia zog später nach und verkündete ebenfalls den vorläufigen Verzicht auf Mieterhöhungen. So etwas verunsichert einige Anleger.
Die Ankündigung von Wohnungsverkäufen jedoch, ob sie nun durchgezogen werden oder nicht, ist kein Anzeichen für ein wackelndes Unternehmen, ebenso wenig wie das derzeit unter Beschuss geratene Vorkaufsrecht der Bezirke auch nur einen Immobilienspekulanten in Bedrängnis bringen würde. So hat die Deutsche Wohnen in diesem Jahr rund 4 000 Wohnungen gekauft. Es sind übliche Immobiliendeals, die der Profitmaximierung dienen. Die Immobilien-AGs und andere Spekulanten kaufen Wohnraum billig und verkaufen ihn, wenn der Profit stimmt. Aktuell werden in der Hauptstadt Höchstpreise für Immobilien erzielt. An alldem ändert auch das beste Vorkaufsrecht nichts – im Gegenteil. Business as usual eben.


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