Dialektischer Realismus

Die Kunst in der DDR als „andere Moderne“
Von Martina Dost
|    Ausgabe vom 2. August 2019
Eröffnung der Kunstausstellung „Es geht auch anders“ in der „junge Welt“-Galerie (Foto: Christian Ditsch)
Eröffnung der Kunstausstellung „Es geht auch anders“ in der „junge Welt“-Galerie (Foto: Christian Ditsch)

Zur Eröffnung der Ausstellung „Zeitzeichen – Kunst der DDR“ in Berlin vor wenigen Wochen hielt Martina Dost, Leiterin des Arbeitskreises Kultur und auch im Vorstand der GBM (Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde) ein Referat, das wir hier in Auszügen wiedergeben. Die Ausstellung ist noch bis zum 31. August in der Ladengalerie der „jungen Welt“ zu sehen.
Vor reichlich 25 Jahren, im Dezember 1993, fand in Berlin ein zweitägiges Symposium statt, auf dem beraten wurde, ob man die Kunstwerke aus der DDR, die nicht in Museen hingen, gleich mitsamt den Immobilien „verwertet“ – oder ob man sie aufbewahrt und wofür man sie ideologisch nutzen kann. Es ging um die Werke, die zum Vermögen der Parteien und Massenorganisationen gehörten und in unseren Ferienheimen sowie in Betrieben oder in LPG’s hingen.
Das Symposium hieß „Auf der Suche nach dem verlorenen Staat“. Veranstalter war das Deutsche Historische Museum, unterstützt von der Veruntreuungsanstalt des DDR-Vermögens. Die Linie der Treuhand stand fest: „…schließlich geht es um Kunst eines letztlich unsäglich fehlgeleiteten und fehlgeschlagenen Staates DDR … Denn Kunst der DDR war entweder – und zwar ganz überwiegend – offizielle Auftragskunst im Stile des vom Staat verordneten sozialistischen Realismus, oder es war Nischenkunst“. Deshalb sollte die Erbmasse bewahrt werden, soweit sie nicht schon vernichtet war, „damit immer wieder gezeigt und bezeugt werden kann, … wie skrupellos privilegierte Klassen, herrschende Schichten – und dazu gehören zum großen Teil auch die Künstler mit ihren Auftraggebern – solche Luft- und Lügengebilde produzieren und ihrem Volk als bestehende Realität verkaufen.“
Sieben Rednern aus der BRD standen nur drei aus der DDR gegenüber. Von denen bliesen zwei in das gleiche Horn. Nur Christa-Maria Mosch aus der GBM setzte dem mutig etwas entgegen, indem sie das Wesen und das Ziel der Kunstförderung, vorwiegend des FDGB, ihrer Arbeitsstelle, erläuterte. Ob das jemand verstanden hat? „Vor allem die erste Hälfte der Neunzigerjahre war eine Zeit des gezielten Abbruchs von kulturellen Strukturen, die in der DDR gewachsen waren und dem nicht nur der Palast der Republik, viele Theater, Orchester, Verlage, Bibliotheken und Kulturhäuser zum Opfer fielen, sondern auch kommunale Ausstellungsstätten und Galerien des Kulturbundes. … Doch wir als Menschenrechtsorganisation haben dem etwas entgegengesetzt, … das war nichtkommerziell, war von Solidarität getragen und wurde ehrenamtlich über fast zwei Jahrzehnte verwirklicht. … Der damalige Vorstand mit seinem Vorsitzenden Wolfgang Richter und seinem Stellvertreter Horst Kolodziej eröffnete in unseren schönen, hellen Räumen in der Weitlingstraße in Berlin die GBM-Galerie. Horst Kolodziej war in der DDR 1. Sekretär des Verbandes Bildender Künstler. So war es nur natürlich, dass er in der GBM für einen festen Platz der bildenden und angewandten Künste sorgte und den Arbeitskreis ‚Kultur‘ ins Leben rief. Die Ausstellungen hatten das Ziel, vor allem jenen ein Wirkungsfeld zu bieten, die nach 1989/90 kaum noch Gelegenheit hatten, ihre Werke öffentlich zu zeigen.“ Heidrun Hegewald erklärte auf der Festveranstaltung zum 20. Jahrestag der GBM: „Die GBM hat mir … für mein geistig-künstlerisches Überleben eine Heimat gegeben. Ob mit Bild oder Wort, sie wurde mein Forum und Ihr meine Freunde. Ich konnte mir meiner Würde wieder bewusst werden. In unwürdigen Verhältnissen. Und das betrifft mich nicht allein.“
Viele unserer Künstler leben inzwischen nicht mehr. Solange sie noch bei uns waren, bekamen sie Gelegenheit, ihre Bilder einem wirklich interessierten Publikum vorzustellen. Unsere Ausstellungen waren immer sehr gut besucht. Auch progressive Kunst aus dem Ausland stellten wir aus, und wir versuchten mit der Sommergalerie, an die Traditionen des bildnerischen Volksschaffens in der DDR anzuknüpfen. Bei uns hingen Werke von Ronald Paris und Lea und Hans Grundig, wir zeigten Grafiken von Max Lingner und Leo Haas, der mehrere KZ überlebte, Plakate von Rudolf Grüttner, Fotos von Gabriele Senft, Skulpturen von Gerhard Rommel und Martin Wetzel, Malerei und Grafik aus Kuba, Nikaragua und Mallorca. 87 Ausstellungen in 17 Jahren, dazu Lesungen, Kunstdiskussionen, Filmvorführungen und andere Veranstaltungen, alles ehrenamtlich organisiert, das ist unsere Erfolgsbilanz. In kaum einem Verein, der sich nach 1990 gründete, spielt die Kunst eine so große Rolle wie in der GBM, in den meisten Vereinen kommt sie gar nicht vor. Aber Kampf um Menschenrechte heißt auch, Kunst und Kultur zu bewahren und der Massenverdummung etwas entgegenzusetzen. Unsere Räume in der Weitlingstraße mussten wir aus ökonomischen Gründen Ende 2016 aufgeben, die neue Unterkunft im ND-Gebäude erlaubt uns keine Ausstellungen originaler Kunst mehr.
Wenn wir jetzt den bevorstehenden 70. Gründungstag der DDR feiern und die anderen 30 Jahre „Freiheit“ bejubeln, dann werden uns zum großen Teil die gängigen Vorurteile und Verunglimpfungen begleiten. Allerdings gibt es inzwischen auch andere Töne: Das Barberini-Museum Potsdam zeigte die Gemälde aus dem Palast der Republik und viele andere Werke der DDR, wenn auch meist mit dümmlichen Texten versehen. Die Kunsthalle Rostock stellt regelmäßig Kunst aus der DDR aus und trotzt dabei jenen Ewig-Gestrigen, die das verbieten wollen. In Halle im Kunstmuseum Moritzburg gibt es eine Dauerausstellung, in der DDR-Kunstwerke als selbstverständlicher Teil der „anderen Moderne“ präsentiert werden. Das Kunstarchiv Beeskow sammelte gleich nach 1990 Werke aus FDGB-Heimen, Kombinaten und anderen Einrichtungen. Auch manche Betriebe haben ihre Galerie noch – wie die Leuna-Werke und die Maxhütte –, allerdings sind die Werke nicht immer öffentlich zugänglich. Und nicht zu vergessen: die „junge Welt“, die in ihren Räumen unermüdlich Werke fortschrittlicher Künstler zeigt.
Aus dem Zusammenspiel vieler individueller Sicht- und Schaffensweisen ergibt sich das Ganze in seiner Vielfalt, so wie es auch typisch für die bildenden und angewandten Künste in der DDR war. Man unterstellt ja, das sei ein sozialistisch-realistischer Einheitsbrei gewesen. Der Kunstwissenschaftler Lothar Lang, ebenfalls eng mit der GBM verbunden, erkannte schon 1976/77 anlässlich der VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden eine weit gefächerte Stiltypologie unserer Kunst. Sie reiche von sensualistisch-realistischen Verfahrensweisen über expressiv-realistische Deutungen, veristische Interpretationen und sinnbildhafte Visionen bis zur Integration konstruktivistischer und scheinbar surrealer Formationen. Peter H. Feist nutzte später zur Kennzeichnung von Hauptlinien der Kunst in der DDR den Begriff „dialektischer Realismus“ und führte voller Stolz für sie den Terminus „die andere Moderne“ ein.


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Leserbrief zu Artikel »Dialektischer Realismus«, UZ vom 2. August 2019





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