Interview

In Kasten gespalten, gegen Faschisten vereint

|    Ausgabe vom 5. Juli 2019
Demonstration der NFIW – ganz vorne: Annie Raja (2. v. l.) (Foto: NFIW)
Demonstration der NFIW – ganz vorne: Annie Raja (2. v. l.) (Foto: NFIW)

Annie Raja ist Mitglied des Zen­tralkomitees der Kommunistischen Partei Indiens (CPI) und Generalsekretärin der Nationalen Föderation Indischer Frauen (NFIW). Sie lebt im Staat Kerala im Südwesten des indischen Subkontinents, wo die Kommunisten seit 2016 wieder die Regierung stellen: Vier der zwanzig Minister sind Mitglied der CPI, zwölf – darunter der „Chief Minister“ – sind Mitglied der Communist Party of India (Marxist).

Das Gespräch mit Annie Raja wurde zuerst in unserer Schweizer Schwesterzeitung „Vorwärts“ veröffentlicht, wir übernehmen es mit freundlicher Genehmigung.

Wie unter der reaktionären indischen Modi-Regierung „Unberührbare“ verfolgt werden – und wie die Unterdrückten ihre Kräfte bündeln.

Fabian Perlini: Die Bharatiya Janata Party (BJP), die indische Volkspartei von Premierminister Narendra Modi, hat die Parlamentswahlen gewonnen. Was ist das für eine Partei, die in Indien an der Macht sitzt?

Annie Raja: Um die BJP verstehen zu können, muss man die Organisation hinter ihr kennen. Die Mitglieder der BJP, auch der Premierminister selbst, stammen aus der RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh, Nationale Freiwilligenorganisation). Dabei handelt es sich um eine fundamentalistische Hindu-Organisation.

Fabian Perlini: Sind das Hindu-Nationalisten?

Annie Raja: Nationalisten kannst du sie nicht nennen. Das sind Fundamentalisten und Faschisten. Ihre Ideologie ist faschistisch, denn ihre Absicht ist es, Indien zu einer reinen Hindu-Nation zu machen, und das tun sie mit Gewalt. Indien müsse eine reine Hindu-Nation sein, so wie Pakistan eine muslimische Nation ist. Darum können wir diese Leute nicht Hindu-Nationalisten nennen, sie sind Hindufaschisten. Und diese nutzen die BJP-Regierung, um ihre Agenda durchzusetzen.

Fabian Perlini: Was sind die Auswirkungen davon, dass die Macht in den Händen dieser Faschisten ist?

Annie Raja: Seit Modi vor fünf Jahren Premierminister wurde, haben die Greueltaten gegen Muslime, Christen und Dalits alle Rekorde gebrochen. Ich spreche von Lynchmorden! Stell dir vor: Ich bin Christin, ich esse Rindfleisch. Würde ich bestimmte Straßen entlang gehen, würden sich die Leute um mich herum versammeln, mich schlagen und töten. Sie würden mich umbringen, und zwar alleine deshalb, weil ich eine Christin, Muslimin oder Dalit bin. Sie tun dies mit der Begründung, dass ich Rindfleisch esse. In den letzten fünf Jahren wurden in Indien aus diesem Grund mehr als 150 Menschen getötet. Sie starben durch die Hand der RSS, dieser faschistischen Vegetarier.

Fabian Perlini: Unter anderem leiden die Dalits unter den Faschisten. Kannst du mehr dazu erzählen?

Annie Raja: Die RSS und die BJP vertreten eine strenge Kastenhierarchie. Ganz unten befinden sich die Dalits, auch „Kastenlose“ oder „Unberührbare“ genannt, die von der Gewalt besonders stark betroffen sind. Viele von ihnen wünschen sich eine gerechte, kommunistische Gesellschaft. Die Mehrheit der Mitglieder unserer Partei kommt aus Gemeinschaften von sogenannten Kastenlosen: Es sind Dalits und Tribals, also indigene Völker. Und selbstverständlich haben wir auch Leute aus den OBCs (Other Backward Classes/Castes). Auch organisieren wir uns gemeinsam mit den Dalit-NGOs. Es gibt in Indien nämlich viele Dalit-Organisationen. Nicht Parteien, sondern NGOs. Und die haben vermehrt begonnen unsere Nähe zu suchen, besonders die der CPI, weil wir im Vergleich zu anderen kommunistischen Parteien deutlich früher damit begonnen haben, das Kastenproblem zu benennen. Wir halten zusammen, um die Säkularisierung und die Demokratie zu verteidigen.

Fabian Perlini: Und was ist mit den Muslimen? Habt ihr Muslime in der Kommunistischen Partei?

Annie Raja: Wir haben Dalits, Christen und Muslime in unserer obersten Führungsebene. Kommunisten sind schließlich säkular. Und auch Muslime sind enormer Gewalt ausgesetzt. Dies ist zwar nichts Neues, aber diese Mobs, die im Namen des Rindfleischessens lynchen, vor allem Muslime, die gab es früher nicht. In den letzten Jahren wurde sogar damit begonnen, Muslime zu töten, weil sie ihre traditionelle
Taqiyah-Kappe trugen.

Fabian Perlini: In Indien gibt es auch mehrere muslimische Parteien. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit diesen?

Annie Raja: Es gibt zwei, drei muslimische Parteien, doch kann man diese nicht als „religiöse“ Parteien bezeichnen. Ihre Mitglieder sind Muslime, die Parteien selbst sind jedoch demokratisch. Wir sind mit der INL (Indian National League) verbündet, einer kleinen, weltlichen und sehr demokratischen Partei. Im Bundesstaat Kerala, wo ich lebe, hat sich diese Partei uns angeschlossen und wir traten bei den letzten Wahlen gemeinsam an.

Fabian Perlini: Bei euch in Kerala sind also Kommunisten, Dalits, Muslime und Christen verbündet, gemeinsam im Kampf gegen die faschistische BJP?

Annie Raja: Ja, und zwar unter kommunistischer Leitung, denn in Kerala sind ja wir Kommunisten an der Macht. Die BJP hat keinen Einfluss bei uns, denn in Kerala sind die Menschen gebildet. Die Bevölkerung kann deshalb nicht so leicht von den Faschisten instrumentalisiert werden. Christen und Muslime gibt es in jedem Bundesstaat. Aber im Falle von Kerala sind Muslime und Christen in der Mehrheit. Es gibt ebenfalls sehr viele Hindus, aber diese gehören nicht einer einzigen religiösen Richtung an, sondern unterscheiden sich hierarchisch. Zuoberst in der Hierarchie befinden sich die Brahmanen. Und zuunterst eben die Dalits. Die Brahmanen und die meisten Dalits sind aber alle Hindus. Wir Kommunisten haben irgendwann realisiert, dass das Kastensystem eine Realität ist, der wir uns zuwenden müssen. Menschen sehen sich nicht bloß aufgrund ihrer sozialen Klasse Grausamkeiten ausgesetzt, sondern auch aufgrund ihrer religiösen Kastenzugehörigkeit.

Fabian Perlini: Erzähle uns mehr vom Einfluss des Kastendenkens auf die Politik.

Annie Raja: Vor allem in den 50ern und 60ern, aber auch noch in den 70er Jahren waren die kommunistischen Parteien eine Macht in Indien. Im Parlament waren wir die größte Opposition. Aber seit den 80er Jahren ist unsere Stärke gesunken. Ein Grund dafür ist, dass sozialistische Parteien immer von „Klassen“, vor allem von der Arbeiterklasse sprachen. Wir haben nie über die Kasten gesprochen. Aber das Kastensystem ist eine indische Realität. Und selbst in der hinduistischen Gemeinschaft ist die oberste Kaste nicht in der Mehrheit, sondern die unteren Kasten. In unserer CPI gibt es Leute aus allen Kasten, aber bei einem Großteil handelt es sich um Menschen aus niedrigen Kasten, wie die Dalits. Doch die Probleme stellen sich diesen Menschen nicht in erster Linie als Mitglieder ihrer Klasse, sondern aufgrund ihrer Kaste.
Aber die kommunistischen Parteien hatte das Kastenproblem damals noch nicht erkannt. Heute ist uns jedoch klar, dass das Kastensystem ein Instrument darstellt, um die Dalits zu unterwerfen und zu diskriminieren. Die Oberschicht benutzt das Kastensystem, um Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen.
Seit den 80er Jahren erstarkte nun also die Kastenideologie. Sogar einige Leute der kommunistischen Parteien begannen, sich davon angezogen zu fühlen. Dabei ist diese geprägt von unvorstellbarer Grausamkeit. Man erlaubt uns – mein Ehemann ist Dalit – mancherorts nicht, mit den anderen auf der Straße zu gehen oder aus einem gemeinsamen Brunnen Wasser zu schöpfen. Und es gibt viele weitere Formen kastenbasierter Diskriminierung und Gewalt. Als nun die kastenbasierte Politik immer mächtiger wurde, konnten die Kommunisten nicht dagegen ankommen. Wir haben erst spät begonnen, der Kastenfrage die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken in unserem Denken und unserer Politik. Dies ist einer der Hauptgründe, warum die Kraft der Linken nachgelassen hat. Aber jetzt haben wir erkannt, dass die Kaste eine Realität Indiens ist und haben begonnen, dies in unsere Politik einzubeziehen.

Fabian Perlini: Die indische Linke ist von Kommunisten dominiert. Und du selbst bist von der CPI (Communist Party of India). Wie ist euer Verhältnis zu den anderen kommunistischen Parteien?

Annie Raja: Wir haben zwei große und eine Reihe kleinerer kommunistischer Parteien. In Kerala haben wir die CPI, der ich angehöre. Das ist die „gewöhnliche“ kommunistische Partei. Und dann gibt es noch die CPI(M) (Communist Party of India, Marxist). Als es Streit gab zwischen China und Russland spaltete sich auch in Indien die kommunistische Bewegung. Von der CPI spaltete sich die (traditionell eher chinaorientierte) CPI(M) ab. Diese Partei ist nicht marxistischer als wir es sind, aber sie setzte ein „M“ für „marxistisch“ in Klammern, um sich von uns zu unterscheiden.

Fabian Perlini: Wie ist heute das Verhältnis zwischen diesen beiden großen kommunistischen Parteien?

Annie Raja: Sehr gut. Einst ging es um den ideologischen Unterschied zwischen „Nationaler Demokratie“ und „Volksdemokratie“. Doch das ist lange her, die Situation hat sich geändert. Diese Dogmen funktionieren heute nicht mehr. Wenn du dich an ein altes Dogma hältst, wirst du untergehen. Man muss erkennen, dass sich die Situation geändert hat. So arbeiten wir längst intensiv zusammen, sowohl im Parlament von Kerala als auch auf nationaler Ebene. Wir haben einen gemeinsamen Koordinierungsausschuss.

Fabian Perlini: Und neben deinem Amt in der CPI bist du auch Leiterin einer großen Frauenbewegung.

Annie Raja: Ich leite eine Organisation namens „The National Federation of Indian Women“ (NFIW). Es ist die erste Frauenmassenorganisation in unserem Land. Sie wurde 1954 gegründet. Aber bevor sie sich als nationale Organisation gebildet hat, hatten wir bereits Abteilungen in verschiedenen Bundesstaaten. Und die nationale Organisation wurde 1954 gegründet. Heute bin ich die Generalsekretärin dieser Organisation.

Fabian Perlini: Zu Beginn des Jahres habt ihr einen sehr beeindruckenden Frauenstreik organisiert.

Annie Raja: Ja, in Kerala. 5,6 Millionen Frauen nahmen teil. Am nördlichsten Punkt des Staates begannen Frauen eine Mauer aus Leibern zu bilden; Schulter an Schulter auf der Nationalstraße von Norden bis Süden durch das ganze Land. Dies wurde von der NFIW organisiert und die Initiative dafür kam von der kommunistischen Regierung Keralas. Auslöser war nämlich ein Vorfall bei einem Hindu-Tempel namens Sabarimala, in den Frauen im Alter zwischen 10 und 50 Jahren keinen Zugang erhielten. Einige Frauen klagten vor Gericht wegen Diskriminierung. Wenn alle Männer den Tempel betreten dürfen, weshalb nicht auch Frauen? Vor 1990 gingen alle erwachsenen Frauen dorthin. Doch dann wurde damit begonnen, Frauen im zeugungsfähigen Alter den Zutritt zu verweigern. Dagegen gingen einige Frauen an den Obersten Gerichtshof, und dieser gab ihnen recht. Frauen den Zugang zu verweigern sei Unsinn. Jeder Frau müsse Zutritt gewährt werden, verkündete das Gericht. Und für die Umsetzung dieses Entscheids ist die Regierung von Kerala zuständig. Als Kommunisten sind wir ohnehin dafür, dass alle den Tempel betreten können. Als Kommunisten schützen wir die Interessen der Menschen, egal ob sie gläubig sind oder Atheisten.
Nun versuchte jedoch die RSS, die Frauen zu mobilisieren. Denn selbst in Kerala sind viele Menschen strenggläubig, nur eine kleine Minderheit ist atheistisch. 99,9 Prozent der Menschen glauben an Gott, ob es nun Allah, der christliche Gott oder was auch immer ist. Also versuchten die Faschisten der RRS, die strenggläubigen Frauen zu mobilisieren, sich ebenfalls gegen das Betreten des Tempels durch Frauen einzusetzen. Und dagegen wehrten sich die kommunistische Regierung und ihre Parteien sowie mehrere Massenorganisationen mit der Teilnahme an diesem riesigen Frauenprotest. Die Teilnahme der 5,6 Millionen Frauen bewies, dass eine riesige Mehrheit der Frauen dafür ist, dass alle den Tempel betreten können.

Fabian Perlini: Gibt es sonst noch etwas, das du uns gerne mitteilen würdest?

Annie Raja: Marx sagte einst: Es gibt nur eine Sache ohne Veränderung, nämlich die Veränderung. Die Situation wird sich ändern und es liegt an unserer Weisheit und unserer Weitsicht, wie wir die sozialistische Theorie in der gegenwärtigen Situation umsetzen können. Wie Lenin die Theorie seinerzeit umsetzte, kann heute nicht erfolgreich sein. Es ist jetzt das 21. Jahrhundert. Wenn du jedoch die Theorie verlässt, dann ist das das Ende.

Fabian Perlini: Welche Bedeutung hat denn Lenin für dich?

Annie Raja: Lenin ist der einzige männliche kommunistische Anführer, der davon sprach, wie Frauen sich abmühen müssen, die eine Familie zu führen haben. Die Männer überlassen die ganze Hausarbeit den Frauen, doch so können diese nicht politisch aktiv werden. Für diese Einsicht respektiere ich Lenin noch mehr als für seine Revolution. Für uns Frauen ist das wichtiger. Er ist der einzige männliche Genosse, der die Bedeutung der gleichberechtigten Beteiligung von Frauen und Männern an politischen Aktivitäten erkannt und darüber gesprochen hat. Und wir müssen uns überlegen, wie wir die Theorie zur Gewährleistung der Gleichstellung der Geschlechter umsetzen können. Wir brauchen auf jeden Fall die Sensibilität für Geschlechterfragen.­

Annie Raja ist Mitglied des Zen­tralkomitees der Kommunistischen Partei Indiens (CPI) und Generalsekretärin der Nationalen Föderation Indischer Frauen (NFIW). Sie lebt im Staat Kerala im Südwesten des indischen Subkontinents, wo die Kommunisten seit 2016 wieder die Regierung stellen: Vier der zwanzig Minister sind Mitglied der CPI, zwölf – darunter der „Chief Minister“ – sind Mitglied der Communist Party of India (Marxist).

Das Gespräch mit Annie Raja wurde zuerst in unserer Schweizer Schwesterzeitung „Vorwärts“ veröffentlicht, wir übernehmen es mit freundlicher Genehmigung.


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