„Leseland ist abgebrannt“

Eine Tagung zur DDR-Literatur und was daraus wurde
Von Martin Zilke
|    Ausgabe vom 28. Juni 2019
Berlin 1979: Wer wegen des schlechten Wetters nicht in Freibad Pankow gehen kann, sollte vielleicht einmal der Bücherei im Pankower Bürgerpark einen Besuch abstatten. Die Auswahl an Büchern ist gut. Stühle stehen gleich nebenan im Grünen zur Verfügung. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-U0721-0007 / CC-BY-SA 3.0)
Berlin 1979: Wer wegen des schlechten Wetters nicht in Freibad Pankow gehen kann, sollte vielleicht einmal der Bücherei im Pankower Bürgerpark einen Besuch abstatten. Die Auswahl an Büchern ist gut. Stühle stehen gleich nebenan im Grünen zur Verfügung. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-U0721-0007 / CC-BY-SA 3.0)

Im Leipziger Bachviertel gelegen, eingebettet zwischen einer großen Baustelle und dem Elstermühlgraben, befindet sich die Villa Davignon. Hier fanden sich am 22. Juni knapp 90 Personen ein, um Beiträge zur DDR-Literatur und den Umgang mit ihr nach 1990 zu hören und zu diskutieren. Insgesamt standen fünf Beiträge zur Debatte.
Den Anfang machte Norbert Marohn, der aus seinem Werk „Die Angst vor dem Anderen“ las. Darin spiegelt er die Auseinandersetzung in der DDR mit der eigenen Literatur wider. Wie grenzte man sich gegenüber der West-Literatur ab? Inwiefern zur Vergangenheit? Zwei weitere Teile waren ein Bericht über das Engagement Franz Fühmanns für das Werk Georg Trakls in der DDR sowie das zeitkritische Buch „Rummelplatz“. 1967 wurde es geschrieben, aber erst 2007 veröffentlicht. Aus dem Publikum kam die Frage nach der Stellung der SchriftstellerInnen im Sozialismus, dabei vor allem die Rolle eines individuell Schaffenden innerhalb einer kollektiv ausgerichteten Gesellschaft.
Das zweite Referat wurde von Sabine Kebir über Elfriede Brüning gehalten. Von der Hans-Böckler- Stiftung erhielt sie ein Wissenschaftsstipendium zur Erforschung ihres Werkes. Im Vordergrund ihres Schaffens standen arbeitende Frauen. 1930 wurde sie Mitglied im Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller. Nach 1933 lebte sie vom Schreiben von Unterhaltungsliteratur. In der DDR der 50er Jahre hatte sie Probleme, Werke zu veröffentlichen. Sie machte klar, dass die Vereinbarkeit von Arbeit und Haushalt nicht so einfach zu bewältigen war, wie offiziell dargestellt. Probleme wie „Asozialität“ in Familien, Jugendkriminalität und Heimerziehung wurden von ihr beschrieben. Sie war die einzige Autorin, die ein Buch zu den Jugendwerkhöfen schrieb. Insgesamt wurden in der DDR 1,5 Mio. Bücher von Brüning verkauft.
Matthias Oehme, Literaturwissenschaftler und Mitarbeiter des Eulenspiegel-Verlages, las einen Text von Uwe Kant, „Mit Dank zurück“. Er führte die These aus, dass die DDR-Literatur nach 1990 weiterbestand, auch getragen von vorher eher mittelrangigen SchriftstellerInnen. Der Eulenspiegel Verlag verlegt auch vieles, was Rang und Namen hat(te), wie Neutsch, Brezan, Renn, Brecht, insgesamt ca. 3 000 bis 4 000 Titel. Unbeeindruckt von der Abwertung als „Nostalgie-Verlag“, werden Jahr für Jahr 70 bis 80 Titel neu herausgegeben. So beklagens- wie nachdenkenswert war die Aussage Oehmes zur letzten Büchervernichtung: Als die 78 DDR-Verlage nach 1990 zu Schleuderpreisen übernommen wurden und es nun kaum noch Käufer für diese Bücher gab, hätten diese gelagert werden müssen (wohl bis zur Zersetzung). Also die „kulturlose, aber ökonomisch notwendige“ Vernichtung.
Kai Köhler referierte dazu, wie DDR-Literatur in Lexika behandelt wird, indem er die Veränderung von Artikeln über SchriftstellerInnen und deren Werke über die letzten Jahrzehnte nachzeichnete. Dabei waren vor allem AutorInnen Thema, die schon vor 1990 im Westen rezipiert wurden. Viele Beschreibungen zeigen scharf die ideologische Motivation der ArtikelschreiberInnen. So hat es ein Autor tatsächlich geschafft, in einem Artikel den Sozialistischen Realismus mit der preußischen Kulturpolitik zu vergleichen.
Arnold Schölzel referierte zum Thema „DDR-Kultur im bundesdeutschen Rückblick“ und rezipierte in seinen Thesen vor allem Peter Hacks. So zum Beispiel die Charakterisierung des Kalten Kriegs als „Seelenkrieg“ um die Köpfe. So manche Aussage bleibt diskussionswürdig: dass die „Medienwelt … der letzte US-Exportartikel“ sein soll. Dass die Internationalisierung auch der DDR-Architektur als „Kitsch“ abgetan wird. Oder dass der Begriff Imperialismus aus der Forschung „verschwand“. Er führte weiter aus, wie die Diskreditierung vieler namhaften DDR-Kulturschaffender als „Handlanger“ der SED Usus in der bundesdeutschen Forschung ist. Damit in Zusammenhang zu stellen ist die massenhafte Zerstörung kultureller Einrichtungen nach 1990 im Osten Deutschlands: Von den 18 118 Bibliotheken und 848 Klubhäusern wurde die Mehrheit geschlossen, sodass nur noch ungefähr 4 000 Bibliotheken und rund 350 Klubhäuser übrig blieben.
Was bleibt nun also von der Literatur dieses vor 30 Jahren untergegangenen Staates? Wer die DDR verstehen will, muss ihre Literatur lesen. Wer die Zukunft sozialistisch gestalten will, kommt ebenso schlecht um sie herum. Und was bleibt von dieser Konferenz? Oder um eine Frage Schölzels aufzugreifen: Was bleibt von DDR-Literatur in Zeiten von Internet und social media? Es muss deutlich gesagt werden: Die Nachwendegeborenen im Publikum konnte man an einer Hand abzählen. Wie sollen zukünftige Generationen an das Thema DDR-Literatur herangeführt werden? Wie können wir dem bürgerlichen Konsens in der öffentlichen Betrachtung besser begegnen? Soll eine progressive Forschung – wie im Zusammenhang mit dieser Konferenz – ihr Nischendasein verlassen, müssen neue Fragen formuliert und alte Antworten überdacht werden.


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Leserbrief zu Artikel »„Leseland ist abgebrannt“«, UZ vom 28. Juni 2019





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