Langer Marsch und Seltene Erden

Der ökonomische Krieg gegen China geht in die nächste Runde
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 7. Juni 2019
Bald vorbei?: Chinesische Lieferung im Hafen von San Pedero, Kalifornien (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/michaelrperry/6044277113] Michael R Perry[/url])
Bald vorbei?: Chinesische Lieferung im Hafen von San Pedero, Kalifornien (Foto: Michael R Perry / Lizenz: CC BY 2.0)

Wir sind dabei, uns wieder auf einen neuen Langen Marsch zu machen“, sagte Chinas Präsident Xi Jinping in der letzten Woche, das Land müsse „sich bewusst sein über die lange Dauer und die komplexe Natur der vielfältigen ungünstigen Faktoren zu Hause und im Ausland“. Man müsse sorgfältig vorbereitet sein auf „die verschiedenen schwierigen Situationen“.
Angesichts der zunehmend konfrontativen Verschärfung des Wirtschafts- und Technologie-Krieges durch die Trump-Regierung beschwor Chinas Präsident eines der großen identitätsstiftenden Ereignisse in der Geschichte der Kommunistischen Partei des Landes. 1934 bis 1935 suchten die verbliebenen Kräfte der chinesische Roten Armee, die Vorläuferin der Volksbefreiungsarmee, durch einen rund 10000 km langen Marsch zuerst in den Westen und dann in den Norden des Landes, der Vernichtung durch Chiang Kai-sheks Kuomintang zu entgehen. Die Führung um Mao Zedong verlor auf dem rund ein Jahr währenden Marsch etwa 90 Prozent ihrer Truppen. Xi Jinping sprach in Jiangxi, dort, wo Maos Getreue 1934 zu ihrem Langen Marsch aufbrachen.
Xis Bemerkungen sind mehr als nur Revolutionsrhetorik. Dem chinesischen Führer ist ganz offensichtlich, wie dem „Großen Steuermann“ damals, die Dimension der Auseinandersetzung klar. Es geht um weit mehr als um ein paar Zölle und den Erfolg eines IT-Unternehmens. Die Trump-Regierung ist angetreten, die aufstrebende asiatische Macht strategisch so zu schwächen, dass sie dem Imperium nicht gefährlich werden kann.
Das allerdings dürfte nicht so leicht werden. Peking hat bislang auf Trumps Zollpolitik recht verhalten reagiert. Ebenso auf die Verhaftung des Huawei-Finanz-Vorstands Meng Wanzhou. Nun aber hat Washington Huawei frontal angegriffen, den IT-Riesen, ebenso wie beispielsweise die Überwachungsfirma Hikvision, auf eine „Schwarze Liste“ gesetzt, von Zulieferungen ausgeschlossen und versucht, einen weitgehenden Ausschluss Huaweis von „westlichen“ Märkten zu erzwingen. Nun sieht sich Peking doch genötigt darauf hinzuweisen, dass man durchaus über Optionen verfügt.
Seit Xi Jinping eine Mine für Seltene Erden in Ganzhou besuchte, reißen die Spekulationen nicht ab, dass dieser Besuch ein diskreter Hinweis auf die Möglichkeiten Chinas in Bezug auf diese „strategische Ressource“, wie Xi sie bezeichnete, sein könnte. Von offizieller Seite wurde der Besuch heruntergespielt, aber in den chinesischen Medien umso breiter debattiert.
Die sogenannten „Seltenen Erden“ sind keine „Erden“, sondern Metalle. Die Seltenerdmetalle, wie sie korrekt heißen, sind eine Gruppe von 17 Elementen des Periodensystems. Sie sind nicht wirklich selten, die Vorkommen, die wirtschaftlich ausbeutbar sind, allerdings schon. Die größten bekannten Vorkommen liegen in China (44 Mio. Tonnen). In Brasilien (22 Mio. t), Vietnam (22 Mio. t), Russland (18 Mio. t) gibt es zwar ebenfalls große Vorkommen. Die DVRK (Nordkorea) soll sogar über 216 Mio. Tonnen verfügen. Die Gewinnungsverfahren sind allerdings aufwendig und teuer. Die VR China hat aktuell einen Anteil von rund 95 Prozent an der Weltproduktion, ist also praktisch ein Monopolist. Die USA beziehen etwa 80 Prozent ihres Bedarfs aus chinesischer Produktion. Eine eigene relevante Produktion ist nicht vorhanden. Sie wurde im Zuge der „Globalisierung“ nach China exportiert.
Die besonderen physikalischen Eigenschaften der Seltenerdmetalle machen sie für die meisten heutigen High-Tech-Produktionen wichtig bis unverzichtbar. Für Bildschirme, Smartphones, Akkumulatoren, Elektromotoren, Flugzeug-Turbinen, Windkraftanlagen, überall kommen Seltenerdmetalle zum Einsatz. Insbesondere auch in der Rüstungsindustrie. Allein beim neuesten US-Jet, F35, sollen etwa 500 kg des Materials verbaut sein. Pro Stück. Das macht die existentielle Abhängigkeit von diesen Materialien deutlich.
Der Lange Marsch 1934 legte die Basis für den Sieg über Chiang Kai-shek 1949. Was Xi klarmachen will: Wir können auf lange Sicht gewinnen, wenn wir ausdauernd, geduldig, geschickt und opferbereit unsere Ziele verfolgen. Nicht wie ein amerikanischer Elefant im Porzellanladen, sondern strategisch zurückhaltend, manchmal auch zurückgehend, auch den nächsten und die übernächsten Schritte denkend. In diesem Kontext dürfte auch der „freundliche“ Hinweis auf die Seltenerdmetalle zu verstehen sein.


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Leserbrief zu Artikel »Langer Marsch und Seltene Erden«, UZ vom 7. Juni 2019





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