Interview

Unverhofft Gemeinderätin

Christoph Hentschel im Gespräch mit Birgit Hoberg:
|    Ausgabe vom 7. Juni 2019

In Tübingen konnte Birgit Hoberg (DKP) unerwartet bei den Gemeinderatswahlen einen Sitz erringen. Nachdem Gerhard Bialas 2004 nach über 30 Jahren im Gemeinderat sein Mandat aus Altersgründen abgegeben hatte, unterstützte die DKP weiter die Wählervereinigung „Tübinger Linke“, die gemeinsam mit der Partei „Die Linke“ im Gemeinde- und Kreistag vertreten ist. Da es in Baden-Württemberg möglich ist, dass durch Panaschieren und Kumulieren einzelne Kandidaten auf der Kandidatenliste höher steigen, wurde Birgit Hoberg von Platz 13 auf Platz 4 hochgewählt. Sie ist nun eine der vier Gemeinderätinnen, die für die „Tübinger Linke/Die Linke“ in den kommenden fünf Jahren im Gemeinderat sitzt.

UZ: Wie erklärst du dir, dass man dich um neuen Plätze nach oben gewählt hat?

Birgit Hoberg

Birgit Hoberg

( Tübinger Linke)

Birgit Hoberg: Ich hatte es nicht erwartet. Ich bin bei den vergangenen Jahren immer etwas hochgewählt worden. Es hängt vielleicht damit zusammen, dass ich seit 1981 am Uniklinikum arbeite und viele Jahre im Personalrat und in der Betriebsgruppe aktiv war. Seit ich in Rente bin, arbeite ich noch 10 Prozent am Uniklinikum, auch um als ver.di-Tarifberaterin aktiv für gute Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Im Übrigen hatte ich 1984 ein Berufsverbotsverfahren wegen meiner DKP-Zugehörigkeit. Ich wurde dann weiter beschäftigt, aber unter dem Vorbehalt, dass man mich, wenn neue Erkenntnisse vorlägen, fristlos kündigen würde.
Zudem bin ich im Tübinger Bündnis „Bürger für mehr Pflege“ aktiv und habe mich als einzige der Kandidaten im Wahlkampf zum Thema Gesundheit geäußert.

UZ: Was macht ihr bei „Bürger für mehr Pflege“?

Birgit Hoberg: Das Bündnis macht immer wieder Aktionen am Klinikum, unter anderem mit dem „Olympischen Brief“. Wir haben im ganzen Klinikum und auch in der Stadt viele Unterschriften gesammelt. Wir haben auch Veranstaltungen und Filmvorführungen gemacht. Zudem gab es eine Demonstration für mehr Pflege.

UZ: Wie sah euer Wahlkampf aus?

Birgit Hoberg: Wir haben von der DKP aus Infostände gemacht. Da haben wir neben den EU-Wahlmaterialien auch den Wahlkampfflyer der „Tübinger Linken“ verteilt. Das haben wir verbunden mit dem Aufruf „Abrüsten statt Aufrüsten“ und konnten viele Unterschriften sammeln. Außerdem haben wir den Wahlkampf-Flyer massenweise in Briefkästen gesteckt. Ich habe ihn auch in der Südstadt, wo ich wohne und mich viele Leute kennen, verteilt.
Zudem gab es eine gut besuchte Veranstaltung zur „Tübinger Linken“, die dieses Jahr 25 Jahre alt wird. Gerhard Bialas hatte sie 1994 gegründet, nachdem wir keine eigene DKP-Liste mehr zusammengebracht haben. Der Historiker Bernd-Jürgen Warneken hielt einen geschichtlichen Abriss über die Revolution 1848/49 in Tübingen und Gerhard Bialas sprach über die Entstehung der „Tübinger Linken“. Außerdem spielte die Marbacher Songgruppe.

UZ: Was steht jetzt an im Gemeinderat?

Birgit Hoberg: Ich bin jetzt mit drei anderen Frauen im Gemeinderat. Wir sind noch nicht als Fraktion zusammengetreten. Gerlinde Strasdeit und Gitta Rosenkranz von der Partei „Die Linke“ waren schon im alten Gemeinderat. Evelyn Ellwart, vormals bei den Grünen aktiv, war auf Platz 7 und wurde auf Platz 3 hochgewählt. Ich denke, wir werden uns verständigen können. Sie machen ja schon fortschrittliche Politik hier in Tübingen.
Für mich ist natürlich das Gesundheitswesen wichtig. Das Uniklinikum ist mit über 10000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in Tübingen. Es ist nicht nur Uni-, sondern auch gleichzeitig kommunales Krankenhaus. Das Klinikum weitet sich sehr stark aus auf dem Steinenberg. Da gibt es immer wieder Auseinandersetzungen, weil sie auch Naturschutzflächen bebauen wollen. Dazu gab es schon im Gemeinderat Debatten.
Daneben planen die Grünen eine Regionalstadtbahn, die über die Neckarbrücke und die Mühlstraße führen soll. Dazu soll die historische Neckarbrücke abgerissen werden und neu aufgebaut werden. Die Mühlstraße ist ein Nadelöhr in Tübingen zwischen Neckar und Universität. Sie kann nicht verbreitert werden. Zum einen wäre die Straße jahrelang gesperrt, zum anderen hätten dann Fahrradfahrer und Fußgänger überhaupt keinen Platz mehr. Zudem würde der Busverkehr eingeschränkt werden. Das Bauvorhaben wäre überdies nach Stuttgart 21 und Berliner Flughafen das nächste Steuergeldgrab in Deutschland. Natürlich ist die Anbindung aus dem Umland bis zum Tübinger Bahnhof wichtig. Da gibt es einigen Nachholbedarf.
Die „Tübinger Linke“ fordert 50 Prozent Sozialwohnungen bei Neubauten. Zur Zeit sind es 30 Prozent. Ein Genosse arbeitet im Tübinger Wohnbündnis mit.

UZ: Freust du dich auf dein Mandat?

Birgit Hoberg: Das ist schon zweischneidig. Gerhard Bialas hat die Messlatte sehr hoch angelegt. Ich hoffe, dass ich da nicht wahnsinnig weit darunter bleibe. Es ist natürlich eine Chance für uns als DKP und Gerhard hat mir gleich gesagt, dass er mich unterstützen wird. Zum Glück bin ich in Rente, da habe ich dann auch genug Zeit, mich darum zu kümmern. Ich freue mich auf der einen Seite, auf der anderen muss ich schauen, dass ich das gut hinkriege.


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Leserbrief zu Artikel »Unverhofft Gemeinderätin«, UZ vom 7. Juni 2019





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