Also, was soll’s.

Die schöne M., ein Mehlsack-Museum und das Ende
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 31. Mai 2019
 (Foto: Gustavo Tabosa, Pexels)
(Foto: Gustavo Tabosa, Pexels)

Erst einmal: Nein, U., der Mann ohne Zähne, arbeitet nicht im Verlag und die schöne M. ist mitnichten eine Anspielung auf eine Redakteurin. Und nein, keine dieser Figuren und keines meiner Erlebnisse ist erfunden. Den Laden gibt es wirklich, Willi ist wirklich der wildeste Taxifahrer des Westens und Gartenbro A. ist der beste Kumpel der Welt. Die schöne M. ist wunderschön, Basslehrerin S. wunderschön und lesbisch, Chuck hat ’ne Glatze und der dunkelhäutige Schürrle rief mir noch gestern beim Radeln „Hey Schürrle“ hinterher. Und: Die Jagd nach dem Herzen der schönen M. ist genauso echt. Allerdings: Ich merke selber, dass sich die Geschichte nicht endlos schreiben lässt, auch wenn sie in der Realität möglicherweise noch ein paar Monate andauern wird. Ich bin schließlich hartnäckig und lernresistent. Aber als Story dünnt sie sich doch langsam aus. Also, was soll’s.
Und dann habe ich mir fest, fest, fest vorgenommen, nicht mehr jeden meiner raren Samstage dem Fußball und dem Bier zu opfern. Mein Plan für die nächste Saison lautet: Gehe nur noch zum Fußball, wenn du nichts Besseres zu tun hast. Spazieren im Wald, ein Buch im Garten, eine Demo gegen die Scheiß Nazis, Rad fahren, diskutieren mit Freundinnen und Freunden, mal wieder ein paar coole Ausstellungen ansehen. So etwas. Und wenn dann nichts ist und es regnet, könnte ich ja auch mal wieder … Nun gut, die schöne M. weiß noch nichts von diesen Plänen und wenn sie es dann weiß, hat sich die Frage nach dem Herzen selbiger wahrscheinlich endgültig erledigt. Aber die Wahrscheinlichkeit, im Mehlsack-Museum in 19243 Wittenberg mit einer wundervollen Frau X ins Gespräch über den erstmals kulturwissenschaftlich untersuchten Mehlsack zu kommen, ist nun auch nicht unwahrscheinlicher als dass die schöne M. mal den Abschiedsspruch in „Ich dachte, du kommst noch mit hoch?!“ ändert. Also, was soll’s.
Der Fußball an sich, also der Profifußball, ist ein weiteres Problem. Ja, wir haben jetzt Nico Schulz, Julian Brandt und Thorgan Hazard „gekauft“, und das sind alles schon richtig gute Jungs. Das kann eine spannende Mannschaft werden. Aber bei „gekauft“ geht es ja schon los. Und dazu: 25 Millionen. Pro Spieler! Ein Spieler zum Beispiel wie Ömer Toprak, der nun wirklich nicht besonders kicken kann, verdient bei Borussia Dortmund 6,25 Millionen Euro. Im Jahr. Dafür müsste ich geschätzt 2657 Jahre arbeiten gehen. Die Wochenenden aber durch, sonst schaffe ich es nicht. Während der Spiele kann ich diese absurde Schere, die da zwischen kleinem Fan und „großem“ Spieler immer weiter auseinander geht, noch so halbwegs abschalten. Davor und danach aber kotzt mich das immer mehr an. Brot und Spiele für die Deppen. Muss ich das weiterhin unterstützen? Von den Millionären wird keiner merken, wenn der kleine Karl nicht mehr regelmäßig zuguckt. Also, was soll’s.
Diese Kolumne wird es also so nicht mehr geben. Hat mich gefreut, dass es der einen oder dem anderen Spaß gemacht hat (wie ich hörte). Vielleicht kommt nach der Sommerpause was anderes. Zum Beispiel die wundersamen samstäglichen Freizeitbeschäftigungen des kleinen Karl, mit eingebauten Spötteleien über die Bundesliga, die er beispielsweise rauchend auf der Santa Monika (Hallo? Ein Schiff!) auf WDR 2 verfolgt hat. Oder so. Und überhaupt: „Diese Ruuudi-Ruuudi“-Rufe hat es vorher nur für Uwe Seeler gegeben“ (Gerd Rubenbauer). Also: was soll’s.


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Leserbrief zu Artikel »Also, was soll’s.«, UZ vom 31. Mai 2019





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