Zeugen der Zeugen

Dritter Band der „Kinder des Widerstandes“ ist erschienen
Von Ulrich Sander
|    Ausgabe vom 31. Mai 2019

28 „Kinder des Widerstandes“ im vorgerückten Alter haben sich in drei kleinen roten Büchern zu Wort gemeldet. Zuerst trauten sich die Frauen – inzwischen ist das Verhältnis 17 Frauen zu elf Männer –, die über ihre Kindheit und Jugend als Nachkommen von Widerstandskämpfern und Opfern des Faschismus berichten oder sich als Freunde dieser Menschen zu Wort meldeten. Viele der Geschilderten waren bisher als Zeitzeugen tätig, nun weilen sie nicht mehr unter uns. Ihre Kinder, Enkel und Freunde werden nun zu Zeugen der Zeugen, damit das Band der Erinnerungen nicht reißt.
Hatten sich im ersten Band zunächst die Gründerinnen des Personenkreises der „Kinder des Widerstandes“ mit der Zusatzbezeichnung „Antifaschismus als Aufgabe“ präsentiert, so kommen in Band 2 älter gewordene Kinder aus dem Bergischen Land und im kürzlich erschienenen Band 3 aus Düsseldorf zu Wort. Der letzte Band hat eine Besonderheit: Christa Bröcher (geb. Lückhardt), Inge Trambowsky (geb. Kutz) und Klara Tuchscherer (geb. Schabrod) stellen sich als „Kinder“ auch von Schauspieler Adam Niewel und seiner Frau Marlies vor. Die Niewels hatten keine Kinder, aber sie waren den Kindern des Widerstandes aus Düsseldorf liebevolle ältere Kameraden. Bei ihnen fanden Laienspieltheater, Kinderfeste statt, wurden Ausflüge mit den Kindern organisiert, viel gesungen – und erzählt.
Aber nur sparsam war Adam mit Auskünften über seine Tätigkeit als „Hochverräter“ und als Opfer. Opfer auch nach 1945. Adam musste die Kürzung seiner Rente hinnehmen, weil er Kinder im Rahmen der „kommunistisch gelenkten Kinderverschickungsaktion in die SBZ“ betreut hatte.
Bereits die Vorworte sind beeindruckend. Florence Hervé schreibt: „Es ist zu hoffen, dass viele weitere Geschichten folgen und die Kinder des Widerstandes Gehör finden.“ Diese Hoffnung hat sich bereits in Auftritten der Autorinnen und Autoren in Schulen teilweise erfüllt.
Den Düsseldorfer Band leitet der legendäre Wagenbauer der Karnevalszüge am Rhein, Jacques Tilly, ein: „Ich danke den Kindern des Widerstandes und der VVN-BdA für ihre unverzichtbare und konsequente politische Arbeit, die sie in diesem Sinne seit vielen Jahren leisten. Dieses Engagement ist gerade in dieser Zeit, in der eine rechtspopulistische bis rechtsradikale Welle um den Globus rast und ein Land nach dem anderen infiziert, einfach unverzichtbar.“
Weniger das Leben der Autoren als das Leben und der Kampf der Eltern und Großeltern der Autorinnen und Autoren stehen im Vordergrund der Darstellungen. Es sind Prominentere wie Unbekanntere darunter. Oft werden ihre Nachkriegsbiographie und der Umgang mit ihren Familien bewegend geschildert. Die manchmal schwierige Wiederannäherung nach der Rückkehr aus jahrelanger Haft, das Mitleiden mit den Eltern, aber auch die Freude des Wiedersehens – all das steht vor dem Leser auf. Sehr wertvoll sind die Fußnoten zur Erklärung der Texte, geschrieben von Renate Hartmann. Dadurch könnten die Texte auch zur Schulliteratur werden.
Und das ist ja der zweite Schwerpunkt der Autoren: in Schulen zu sprechen. Einzelne Beiträge können zur Vorbereitung der Schulstunden dienen – oder auch zur Nachbereitung. Ein Brief an 800 Schulen in Nordrhein-Westfalen ging inzwischen heraus, mit dem diesen der Besuch der Autorinnen und Autoren angeboten wird.
Gleich welcher linken Herkunft sie waren – die Autorinnen und Autoren vertreten eine Minderheit, wie ja auch die Widerstandskämpfer eine kleine Minderheit im Nazi-Reich stellten, geschätzt waren es ein Prozent der Bevölkerung. Eine Gemeinsamkeit gab es zumeist mit der Mehrheitsgesellschaft. Die Eltern und Großeltern breiteten nur zögerlich ihre Vergangenheit, die doch eine gute, vorzeigbare war, vor den Kindern aus. Und wo es anders war, da litten die Kinder bisweilen durchaus. Sie litten auch unter neuer politischer Verfolgung wie dem KPD-Verbot, unter Bespitzelung durch Lehrer (Wer war in der Zone im Urlaub?) und vorher durch die Gestapo. Bekannt war bereits aus anderen Veröffentlichungen, dass Gestapobeamte mit kleinen Jungen durch die Stadtteile zogen, um rauszukriegen, wo die Eltern ihre Besuche machten, da wurden sie in Nazi-Elternhäuser gesteckt, während die Eltern inhaftiert waren.
Die drei kleinen Bände, denen weitere folgen sollen (Band „Essen“ zum Beispiel ist in Arbeit) und denen Bände aus anderen Bundesländern zur Seite gestellt werden können, eignen sich als Vorlagen für Referate und auch für literarische Arbeiten. Und dies bei aller Unterschiedlichkeit. Der Bewegung der „Kinder“, der zweiten und dritten Generation, der Nachkommen, wie es bei den Buchenwaldern heißt, ist Erfolg zu wünschen. Ganz im Sinne des Untertitels ihrer roten Bände: „Antifaschismus als Aufgabe“.


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Leserbrief zu Artikel »Zeugen der Zeugen«, UZ vom 31. Mai 2019





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