50 Jahre UZ

50 Jahre durch Felsenriffe

Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 24. Mai 2019

Rolf Becker kneift die Augen zusammen, schaut nach oben und rezitiert, wie der Schiffer in Heinrich Heines Loreley-Gedicht in den Tod steuert: „Er schaut nicht die Felsenriffe/er schaut nur hinauf in die Höh‘“, wo die Schöne ihr verlockendes und tödliches Lied singt. Den Tisch auf der Bühne hat sich der Schauspieler vorher zurechtgerückt, er braucht ihn, um draufzuhauen, wenn er erklärt, was Heines Gedicht auch bedeuten kann: „Das ist das Kapital, das da oben sitzt, die Schiffer im kleinen Kahn sind wir, die Arbeiterklasse, die wir versuchen, durch die Felsenriffe zu steuern, gegen ihren Aufmarsch, gegen die wirtschaftliche Ausplünderung.“

„Du immer mit deinem Karl Kraus“ - „Kraus hat konkrete Beispiele vor Augen geführt, wie sie lügen – top-aktuell aus dem Ersten Weltkrieg“: Jane Zahn (M.) und Erich Schaffner (r.) sprachen über das Machen von Zeitungen und Meinungen, am Klavier Georg Klemp

„Du immer mit deinem Karl Kraus“ - „Kraus hat konkrete Beispiele vor Augen geführt, wie sie lügen – top-aktuell aus dem Ersten Weltkrieg“: Jane Zahn (M.) und Erich Schaffner (r.) sprachen über das Machen von Zeitungen und Meinungen, am Klavier Georg Klemp

( Tom Brenner)

Am vergangenen Sonntag haben Leserinnen und Künstler, Verlag und Redaktion im Zentrum Altenberg, einem ehemaligen Fabrikgebäude in Oberhausen, gefeiert, dass diese Zeitung seit fünfzig Jahren erscheint. Sie feierten es mit einem Programm, das zeigte, wie die Konzernmedien lügen, wie die Journalisten Sätze nach Schablonen stanzen und mit was für einer Zeitung die Kommunisten dem etwas entgegensetzen können.
Seit fünfzig Jahren liefert diese Zeitungen Informationen, Erfahrungen und Analysen, die dabei helfen, durch die Klippen zu steuern, die Angriffe der Unternehmer und Spaltungen im eigenen Lager bilden. Für den Herausgeber der Zeitung, den DKP-Parteivorstand, sprach der Parteivorsitzende Patrik Köbele: „Ihr sichert mit dieser Arbeit ein gutes Stück der kommunistischen Partei – ich sage einfach mal: Danke.“ Danke sagte auch Chefredakteur Lars Mörking – zu Nina Hager, die von 2012 bis 2016 seine Vorgängerin war und bis jetzt als Redakteurin mitgearbeitet hat. Mörking verabschiedete Hager aus der Redaktion, dankte ihr aber auch dafür, dass sie weiter als Autorin an UZ mitarbeiten wird.
„Es ist so süß, so bequem, seine Gedanken fix und fertig aus der Fabrik zu beziehen!“ Das schrieb Ferdinand Lassalle über „die kapitalistische Presse“, die das Lesen leicht macht, weil sie die bürgerlichen Vorurteile bestätigt statt zum Weiterdenken zu zwingen, am vergangenen Sonntag vorgetragen von Erich Schaffner. Im Dialog stellen Schaffner und die Liedermacherin Jane Zahn vor, was Lassalle und Heine, Kurt Tucholsky und Egon Erwin Kisch über die Zeitungen zu sagen haben – und darüber, warum sowohl das Schönschreiben der Verhältnisse als auch die Kritik daran nur ein Teil des Kampfes der Klassen sind. Schaffner, am Klavier begleitet von Georg Klemp, singt ein Lied von Eugène Pottier, dem Dichter der Internationale, geschrieben nach dem Massaker an den Kommunarden von Paris: „Es schwärmten um die Polizei die Journalistenbanden, sie banden um die Schlächterein heroische Girlanden.“
„Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? – Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen“, liest Schaffner – von Karl Kraus, dem „schärfsten Kritiker der Presse“. Zahn antwortet mit Bertolt Brecht, der seinen Herrn Keuner zum Gegner der Zeitungen sagen lässt: „Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen. Ich will andere Zeitungen.“
Eine andere Zeitung wollte auch die DKP, als sie begann, UZ herauszugeben. Mit Tucholsky warnt Schaffner eine solche Zeitung vor „hochtrabenden Fremdwörtern“, die die Artikel „gestopften Würsten“ gleichen lassen, und Zahn erinnert mit Kisch daran, worum es geht: „Die Wahrheit präzis hinzustellen“, „Sichtbarmachung der Arbeit und der Lebensweise“. Und sie lässt Heine sagen, welche Wirkung eine solche Berichterstattung für die revolutionäre Bewegung haben kann. Über seine Berichte aus Frankreich für eine deutsche Zeitung trägt sie vor: „Die Kommunisten, die vereinzelt in allen Landen verbreitet, ohne bestimmte Bewusstheit ihres Wollens, erfuhren durch die Allgemeine Zeitung, dass sie wirklich existierten“, und weil diese Berichte die Verfolgung und die Erfolge der Kommunisten konkret einordneten, zeigten sie den wenigen und damals noch nicht organisierten Kommunisten, „dass ihr Tag noch nicht gekommen, dass aber ruhiges Warten kein Zeitverlust sei für Leute, denen die Zukunft gehört.“

Ein Vorbild zum Geburtstag: Stefan Kühner (r.) schenkte UZ ein Porträt von Ho Chi Minh, das so alt ist wie die Zeitung.

Ein Vorbild zum Geburtstag: Stefan Kühner (r.) schenkte UZ ein Porträt von Ho Chi Minh, das so alt ist wie die Zeitung.

( Tom Brenner)


 

Mal anstoßen

50 Jahre eine legale kommunistische Zeitung • Aus der Rede von Patrik Köbele
„Der Anlass unserer heutigen Feier war schon ein Knaller: Zum ersten Mal nach zwölf Jahren Verbot wieder eine zumindest

Patrik Köbele

Patrik Köbele

( Tom Brenner)

halboffizielle Zeitung der Kommunistischen Partei in der damaligen Bundesrepublik. Zuerst war ja Kurt Bachmann und nicht die Partei der Herausgeber, weil man eben nicht wusste, wie die herrschende Klasse und ihre Justiz reagieren würden. Dass mit der Herausgabe der UZ die längste Phase der Legalität einer Zeitung der kommunistischen Partei in diesem Land eingeleitet wurde, glaubte damals sicher keiner. Gut, das liegt auch daran, dass das ‚Neue Deutschland‘ nach der Konterrevolution 89/90 keine kommunistische Zeitung mehr sein wollte, die entsprechende Partei ja auch nicht. Trotzdem, 50 Jahre legale Zeitung der kommunistischen Partei in der imperialistischen BRD, das ist schon was, darauf ließe sich schon mal anstoßen.
50 Jahre, da ist eine Menge passiert, ich nenne nur einige Stichworte: Der Vietnamkrieg, der Putsch in Chile, die Nelkenrevolution in Portugal, Nicaragua und El Salvador, und in der ‚kleinen‘ BRD der Kampf gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen, eine Friedensbewegung in unserem Land, die Millionen auf die Straßen bringt und in Betrieben und Gewerkschaften wirkt, Letzteres eine großes Verdienst auch der UZ, der Kampf um die 35-Stunden Woche – DKP und UZ verankert in den meisten großen Betrieben des Landes.
Die Partei kann manchmal ein bis zwei Tage schweigen, die Zeitung meistens nicht. Und sie muss ja dann auch noch versuchen, das zu schreiben, was die Partei sagen wird – nicht einfach. Dafür gebührt allen Dank, die über die Jahrzehnte daran mitgewirkt haben.
Beispielhaft nennen will ich Georg Polikeit, Rolli Priemer, Nina Hager und Lucas Zeise. Sie haben vor und nach 1989 das Bild der UZ geprägt. Ich zitiere hier mal einen der vier: ‚Eine der Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit ist es, sie zu erkennen. Wir sollten das mit der Wahrheit also genauer formulieren, der Zweck der UZ ist es, den Imperialismus zu begreifen‘.
In allen Medien, mit aller Massivität, wird für die Europastrategie des deutschen Imperialismus und ihr Herzstück, die EU, geworben. Dagegen schreibt ihr an, das ist nicht einfach, kritisiert werdet ihr gerne, gelobt selten – das ist sicher nicht immer schön. Andersrum: Ihr haltet Woche für Woche das Ergebnis eurer Arbeit in Händen, und nicht nur ihr, sondern wir alle, die ganze Partei und ihr Umfeld. Manchmal sogar ein paar tausend mehr. Ihr sichert damit den kollektiven Agitator, Propagandisten und Organisator der Partei – ihr sichert damit ein gutes Stück der Partei, der kommunistischen. Ich sage einfach mal: Danke.“


 

Alles können

Lars Mörking zum Abschied von Nina Hager – und zu weiterer Zusammenarbeit
„Eine Genossin, die in der DDR Professorin für Philosophie war, stellvertretende DKP-Vorsitzende und Chefredakteurin der UZ – das ist in etwa das, was ich über Nina Hager wusste, als ich in die Redaktion kam. Sie war zu dieser Zeit die einzige Frau in der Redaktion und die einzige, die in der DDR gelebt hatte.
Ich habe mir gleich zu Anfang ein Büro mit Nina geteilt. Dabei konnte ich beobachten, wie sie mit Autorinnen und Autoren umging, wie sie Artikel anfragte und über vorliegende Texte verhandelte, um Zeichenzahlen und Formulierungen rang – immer mit größter Umsicht und Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse und Befürchtungen der Genossinnen und Genossen, die für die UZ schreiben.
Sie bearbeitete die Texte, wählte Bilder dazu aus – ja, sie layoutete das Ganze sogar selbst und mein Eindruck war manchmal, wenn es ihr die Zeit erlaubt hätte, hätte sie am liebsten auch die Endkorrektur gemacht. Eine Chefredakteurin – zumal eine mit akademischen Titeln, Partei- und sonstigen Funktionen – muss alles können und alles auch selber machen – so schien es mir. Nina konnte eine Zeitung zur Not alleine machen – und ich bin mir nicht sicher, ob dies nicht sogar vorgekommen ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir als Leser kaum aufgefallen wäre, wenn es so war.
Die eine oder andere Ausgabe ist – wenn nicht im Alleingang – so doch im Duett mit Werner Sarbok entstanden. Werner besitzt geradezu magische Fähigkeiten im kurzfristigen Auftun von Beiträgen. Oder im Trio mit Manfred Idler, der in beeindruckender Geschwindigkeit übelstes Geschwurbel in Les- und Verstehbares verwandeln kann. Eine leere Seite ‚für Notizen‘ hat es in der UZ trotz aller Ausfälle jedenfalls nie gegeben.
Nina hat die Redaktion der UZ nach turbulenten Zeiten in ruhiges Fahrwasser gelenkt. Damit hat sie einen großen Anteil daran, dass wir heute überhaupt den 50. der UZ feiern können.
Als sie den Posten der Chefredakteurin abgab, um sich stärker ihrer Aufgabe als Oma widmen zu können, konnten wir sie in der Redaktion halten – einen vollständigen Abschied hätten wir nicht verkraftet. Heute verabschieden wir Nina aus der Redaktion. Und wieder haben wir uns etwas abgesichert: Sie bleibt uns als Autorin erhalten. Dass sie uns mit ihrem Rat – und vor allem ihrer Kritik – weiter zur Seite stehen wird, daran habe ich keinen Zweifel. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.“


 

Nicht jammern

Rolf Becker über NATO-Gleichschaltung und was wir tun müssen
Zum Schluss kann Rolf Becker lächeln – als er Bertolt Brechts „Lied von der Moldau“ rezitiert, dass die Nacht nur zwölf Stunden hat, „es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt“. Davor ist der 84-jährige Schauspieler wütend: Er berichtet davon, wie er während des NATO-Krieges gegen Jugoslawien Belgrad besucht hat, wie die Medienpropaganda hier den Krieg gerechtfertigt und ermöglicht hat, von der alten Frau, der Insulin fehlt und deren Müll vor der Tür stinkt, weil er nicht mehr abgeholt werden kann. Und er berichtet, wie die NATO-Bomber dafür gesorgt haben, den Widerspruch zu ihrer Meinungsmache zum Schweigen zu bringen und gezielt den Fernsehsender in Belgrad zerstört haben.
Damals sagte ihm ein Journalist, der für die ARD arbeitete, sich an der Propaganda aber nicht beteiligen wollte: „Ich habe den Eindruck, dass die Gleichschaltung heute ohne Anweisung von oben sogar noch viel besser funktioniert.“
„Dass die herrschende Klasse mit ihren Medien so vorgeht, wie sie vorgeht – darüber gibt es für uns keinen Anlass zu jammern“, stellt Becker fest. „Sie nutzt ihre Mittel aus, sie will ihre Macht erhalten.“ Die Frage sei schließlich: „Was müssen wir dagegen tun?“ Er beantwortet die Frage mit Brecht und beschreibt damit die Aufgabe der Zeitung, zu deren Jubiläum er hier spricht: „Zeigen, wie die aneignende Klasse unablässig den Klassenkampf betreibt, auch da, wo die hervorbringende Klasse zu großen Teilen noch nicht kämpft.“

„Was müssen wir gegen die Medien der herrschenden Klasse tun?“: Rolf Becker erzählte und rezitierte gegen Gleichschaltung und Gleichgültigkeit.

„Was müssen wir gegen die Medien der herrschenden Klasse tun?“: Rolf Becker erzählte und rezitierte gegen Gleichschaltung und Gleichgültigkeit.

( Tom Brenner)


 

Die Ameise und das Gerücht

Von Zeitungskritikern und kritischen Zeitungen – aus dem Programm von Erich Schaffner und Jane Zahn
Jane Zahn: Kommen wir doch mal zur Sache: hier, Heine – aus der Vorrede zu seiner „Lutetia“: „Waren die Republikaner ein bedenkliches Thema für den Correspondenten der Allgemeinen Zeitung, so waren es in noch höherem Grade die Sozialisten, oder um das Schrecknis bei seinem rechten Namen zu nennen, die Kommunisten. Und dennoch gelang es mir, dieses Thema in der Allgemeinen Zeitung zu besprechen. Gar manchen Brief unterdrückte die Redaktion in der wohlmeinenden Furcht, dass man den Teufel nicht an die Wand malen dürfe. Durch die Allgemeine Zeitung erhielten die zerstreuten Kommunistengemeinden authentische Nachrichten über die täglichen Fortschritte ihrer Sache, sie vernahmen zu ihrer Verwunderung, dass sie keineswegs ein schwaches Häuflein, sondern die stärkste aller Parteien, dass ihr Tag noch nicht gekommen, dass aber ruhiges Warten kein Zeitverlust sei für Leute, denen die Zukunft gehört. Dieses Geständnis, dass den Kommunisten die Zukunft gehört, machte ich im Tone der größten Angst und Besorgnis, und ach! diese Tonart war keineswegs eine Maske! In der Tat, nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die Zeit, wo jene dunklen Ikonoklasten zur Herrschaft gelangen werden: Mit ihren rohen Fäusten zerschlagen sie alsdann alle Marmorbilder meiner geliebten Kunstwelt.
Eine unsägliche Betrübnis ergreift mich, wenn ich an den Untergang denke, womit meine Gedichte und die ganze alte Weltordnung von dem Kommunismus bedroht ist – Und dennoch, ich gestehe es freimütig, übt derselbe auf mein Gemüt einen Zauber, dessen ich mich nicht erwehren kann; in meiner Brust sprechen zwei Stimmen zu seinen Gunsten, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen, die vielleicht nur diabolische Einflüsterungen sind – aber ich bin nun einmal davon besessen, und keine exorzierende Gewalt kann sie bezwingen – Denn die erste Stimme ist die Logik – der Teufel ist ein Logiker, sagt Dante –, ein schrecklicher Syllogismus behext mich, und kann ich der Prämisse nicht widersprechen: ‚Dass alle Menschen das Recht haben, zu essen‘, so muss ich mich auch allen Folgerungen fügen.
Und die zweite der beiden zwingenden Stimmen, von welchen ich rede, ist noch gewaltiger als die erste, denn sie ist die des Hasses, des Hasses, den ich jenem gemeinsamen Feinde widme, der den bestimmtesten Gegensatz zu dem Kommunismus bildet; und der sich dem zürnenden Riesen schon bei seinem ersten Auftreten entgegenstellen wird – ich rede von der Partei der sogenannten Vertreter der Nationalität in Deutschland, von jenen falschen Patrioten, deren Vaterlandsliebe nur in einem blödsinnigen Widerwillen gegen das Ausland und die Nachbarvölker besteht und die namentlich gegen Frankreich täglich ihre Galle ausgießen. Aus Hass gegen die Nationalisten könnte ich schier die Kommunisten lieben.

Jane Zahn

Jane Zahn

( Tom Brenner)



Erich Schaffner: Sehr gut, kenn‘ ich, aber weißt du, dass der große Karl Kraus – der schärfste Kritiker der Presse – überhaupt nichts von Heine gehalten hat?

Jane Zahn: Wieso?

Erich Schaffner: „Ohne Heine kein Feuilleton. Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat. Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen; aber diese Locken gefallen dem Publikum besser als eine Löwenmähne der Gedanken. Heine hat der deutschen Sprache das Mieder gelockert.“

Jane Zahn: Na, also ich habe nichts gegen gelockerte Mieder! Und viel für eine Sprache, die alle verstehen können!

Erich Schaffner: „Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Kraus.

Jane Zahn: Tucholsky: An das Publikum.
„O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht ‚Das Publikum will es so!‘
Jeder Filmfritze sagt: ‚Was soll ich
machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen
Sachen!‘
Jeder Verleger zuckt die Achseln und
spricht:
,Gute Bücher gehn eben nicht!‘
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, dass in Zeitungen,
früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest
verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand
verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung droh’n?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte …
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann …
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbreifresser?
Ja, dann …
Ja, dann verdienst du’s nicht besser.

Erich Schaffner: „Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? – Di­plomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen.“

Jane Zahn: Von wem?

Erich Schaffner: Kraus.

Jane Zahn: Du immer mit deinem Karl Kraus!

Erich Schaffner: Mann …

Jane Zahn: Vorsicht! – Ja, ja, schon recht, Brecht hat Kraus ja auch verehrt, aber in seinem Keuner-Text hat er ihn kritisiert: Herr Keuner und die Zeitungen, von Bertolt Brecht.
„Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen. ‚Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen‘, sagte Herr Wirr, ‚ich will keine Zeitungen.‘ Herr Keuner sagte: ‚Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: Ich will andere Zeitungen.‘ – ‚Schreiben Sie mir auf einen Zettel‘, sagte Herr Keuner zu Herrn Wirr, ‚was Sie verlangen, damit Zeitungen erscheinen können.‘“

Erich Schaffner: Kraus hat wunderbar konkrete Beispiele vor Augen geführt, wie sie lügen. Top-aktuell aus dem Ersten Weltkrieg – aus: Die letzten Tage der Menschheit.

Jane Zahn (spielt die Schauspielerin Elfriede Ritter, die soeben aus Russland zurückgekehrt ist): „Meine Herren, ich danke für Ihr teilnahmsvolles Interesse, es ist wirklich rührend, aber ich kann Ihnen beim besten Willen, meine Herren, nichts anderes sagen, als dass es sehr, sehr interessant war, dass mir gar nichts geschehen ist, na was denn noch, dass die Rückfahrt zwar langwierig, aber nicht im mindsten beschwerlich war und (schalkhaft) dass ich mich freue, wieder in meinem lieben Wien zu sein.“

Erich Schaffner (spielt die Reporter, die auf sie eindringen): „Intressant – (schreibend) Aus den Qualen der russischen Gefangenschaft erlöst, am Ziele der langwierigen und beschwerlichen Fahrt endlich angelangt, weinte die Künstlerin Freudentränen bei dem Bewusstsein, wieder in ihrer geliebten Wienerstadt zu sein –

Elfriede Ritter (mit dem Finger drohend): Doktorchen, Doktorchen, das habe ich nicht gesagt, im Gegenteil, ich habe doch gesagt, dass ich mich über nichts, über gar nichts beschweren konnte –

Reporter: Aha! (schreibend) Die Künstlerin blickt heute mit einem gewissen ironischen Gleichmut auf das Überstandene zurück.

Elfriede Ritter: Ja, aber was denn – da muss ich doch sagen – nee, Doktor, ich bin empört –

Reporter (schreibend): Dann aber, wenn der Besucher ihrer Erinnerung nachhilft, packt sie doch wieder Empörung. In bewegten Worten schildert die Ritter, wie ihr jede Möglichkeit, sich über die ihr zuteilgewordene Behandlung zu beschweren, genommen war.“

Jane Zahn: Carl von Ossietzky: „Die ‚Weltbühne‘ hat in langen Jahren für deutsche Angelegenheiten oft die schärfsten und schroffsten Formulierungen gefunden. Sie hat dafür von rechts den Vorwurf der Verräterei, von links den des verantwortungslos krittelnden individualistischen Ästhetentums einstecken müssen. Die ‚Weltbühne‘ wird auch weiterhin das sagen, was sie für nötig befindet, sie wird so unabhängig bleiben wie bisher, sie wird so höflich oder frech sein, wie der jeweilige Gegenstand es erfordert. Sie wird auch in diesem unter dem Elefantentritt des Faschismus zitternden Lande den Mut zur eigenen Meinung behalten.“

Erich Schaffner (singt):
Sie haben Zeitungen und Druckereien
Um uns zu bekämpfen
und mundtot zu machen
(Ihre Staatsmänner zählen wir nicht!)
Sie haben Pfaffen und Professoren
Die viel Geld bekommen und zu allem bereit sind.
Ja, wozu denn?
Müssen sie denn die Wahrheit
so fürchten?
Eh sie verschwinden, und das wird
bald sein
Werden sie gemerkt haben, das ihnen das alles nichts mehr nützt.

Erich Schaffner

Erich Schaffner

( Martina Lennartz)


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »50 Jahre durch Felsenriffe«, UZ vom 24. Mai 2019





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.