Zwayerlei Maß

Ein Derby zum Kotzen
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 3. Mai 2019

U., der Mann ohne Zähne, war nicht gekommen, weil das Wetter beschissen war und das Spiel auch in der ARD lief oder weil er das Zeitliche gesegnet hatte, wir waren nicht informiert. Stattdessen waren drei schöne M.s erschienen. Die schöne M., M. mit der dunklen Hautfarbe und M. aus Kreuzberg, die sich „nicht so für Fußball interessiert“. Dafür für lange Gespräche mit Wodka und Mexikaner, einer der möglichen Gründe für mein Kopfweh, wir waren am gestrigen Abend im ‚missing link‘ am Tresen gewesen. Gartenbro A. kam mit einer wirren grauen Stachelfrisur, welches den Sohn der dunklen M., welcher wohl so acht Jahre alt ist, nach langem Zögern und Zaudern in einem Anfall von Mut fragen ließ: „Bist du Albert Einstein?“ Herrlich. Die schönsten Sekunden an diesem Tag, der Rest war eher: Zum Kotzen.
Das Spiel … Ja, wir haben verdient verloren. Weil Dortmund den Kampf nicht angenommen hat. Weil Dortmund das Derby nicht verstanden hat. Weil wir seit Monaten nicht schaffen, relativ einfache Standardsituationen wie Freistöße oder Ecken zu verteidigen. Das ist alles richtig. Auch richtig allerdings, dass Schalke trotz des Sieges unfassbar schlecht spielt. Mit zwei Feldspielern mehr auf dem Platz spielen sie mit zwei defensiven Fünferketten und kassieren tatsächlich noch ein Tor. Wer mal hobbymäßig auf einem großen Platz gekickt hat, weiß ziemlich sicher: mit zwei Mann weniger machst du gar nichts mehr, außer hinterherlaufen. Und auch richtig, dass der Schiedsrichter ein Desaster war. Natürlich war der Elfmeter für Schalke absurd. Das sehen wohl alle Fußballfans außer den Schalkern und Bayern so. Bild titelte an meinem srilankischen Büdchen „Skandal-Elfer!“, oder wie ‚11 Freunde‘ sehr viel vernünftiger schrieb: „Ein Elfmeter, der (…) dem Wortlaut der Regel widerspricht.“ Geschenkt. Was mich deutlich mehr aufgeregt hat, war die Kartenvergabe: Da wurden Dortmunder Spieler brutal weggegrätscht (McKennie gegen Witsel, Serdar gegen Guerreiro, Oczipka gegen Wolf, Caliguri gegen alle), Wrestlinggriffe angewendet (Burgstaller reißt Witsel um), werden taktische Fouls begangen, wird der Schiedsrichter angegangen. Vom teils absurden Zeitspiel mal gar nicht zu reden. Alles „geahndet“ mit Ermahnungen und viel zu wenig gelben Karten. Oczipka, McKennie (und auch später Rudy) sowie Burgstaller, der gefühlt 13 Gelbe hätte bekommen müssen, hätten zwingend mit Gelb-Rot beziehungsweise glatt Rot vom Platz gemusst. Zwingend. Stattdessen kassieren wir zwei rote Karten. Berechtigt, keine Frage. Aber eben unglaublich einseitig. Direkt nach dem Spiel hätte ich geschworen, dass Schiedsrichter Zwayer mehrere Rolex-Uhren neu im Spind hat. Mit schönen Grüßen aus München. Zum Kotzen.
Ähnlich widerlich, wie Schalke Fußball spielt, benehmen sich seine „Fans“: Ein beträchtlicher Teil dieser „Menschen“ sabbert, geifert, prügelt, grölt und pöbelt mit hochrotem Kopf auf den Tribünen, als hätten sie gerade im LSD-Rausch die Leibhaftige nackich von unten gesehen. Dass Dortmund den Elfmeter in Unterzahl bekommt, weil einer dieser „Fans“ Jason Sancho ein Feuerzeug ins Auge schmeißt … passend. Nicht dass ein Teil der Dortmunder Szene besser wäre: Sogenannte „Fans“ zerlegten zeitnah eine Ultra-Kneipe in Gelsenkirchen. Was, um alles in der Welt, habe ich als Dortmunder überhaupt in der verbotenen Stadt verloren?! Nichts. Gar nichts! Einfach nur: Zum Kotzen.
Und sonst? Nichts diesmal. Ich bin zu deprimiert. Gartenbro A., die verschiedenen M.s und alle anderen verstreuten sich übel gelaunt in die Dortmunder Kälte, die Kreuzberger M. begleitete mich noch ein Stück des Weges, aber in meiner Erinnerung hatte ich nicht viel zu sagen. Zu allem Überfluss war ich stocknüchtern, da ich abends mit dem Auto noch nach Münster wollte. Meine (Gefühls-)Lage beschreibt am besten der Hannoveraner Edgar Prib, der über die Tränen nach seinem Comeback im Spiel gegen Mainz von sich gab: „Da kann kein Mensch steif bleiben.“ Eben. Zum Kotzen.


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Leserbrief zu Artikel »Zwayerlei Maß«, UZ vom 3. Mai 2019





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