Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 26. April 2019

Heilige Johanna
Am 30. April 1959, also drei Jahre nach dem Tod von Bertolt Brecht, wurde das Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt. Gustaf Gründgens inszenierte auf eine Art, die die Intention von Brecht nicht unbedingt wiedergab. Während es BB um die unmenschlichen Arbeitsbedingungen ging, die nicht nur in US-amerikanischen Schlachthöfen herrschten, wollte diese bürgerliche Aufführung davon nichts wissen, sondern die religiösen Wirrnisse in den Köpfen der Protagonisten in den Vordergrund stellen. Brecht selbst meinte, dass die Johanna „keineswegs über Gott spricht, sondern über das Reden über Gott. […] Der Glaube, der hier anempfohlen wird, ist ein folgenloser, was die Umwelt betrifft, und ihn anzuempfehlen nennt die Johanna ein soziales Verbrechen.“ Erst zwei Jahre später führte das Theater Dresden das Stück erstmals in der DDR auf, es gab Vorbehalte, da die Rolle der Arbeiter diffus bleibe, es ihnen daran fehle, die Konflikte als Klassenauseinandersetzung wahrzunehmen. Dabei ist gerade das Stück von Brecht geeignet, die marxistische Krisentheorie zu begreifen. 1963 nahm sich das „Berliner Ensemble“ den Text vor, seitdem ist es immer mal wieder auf den deutschsprachigen Bühnen im Programm.

Ruinendiskussion
Nach dem Brand der Kathedrale Notre Dame in Paris soll ein Architektenwettbewerb für den Wiederaufbau ausgeschrieben werden. Nach dem verheerenden Feuer ist die Kirche eine Ruine, noch ist unklar, wie groß die Schäden sind. Nicht nur das Feuer, sondern auch die Mengen an Löschwasser können dem Kalksteingemäuer geschadet haben. Erst Statiker können sagen, was die Pfeiler und das Gewölbe aushalten können oder ob auch hier umfangreich restauriert werden muss. Der selbsternannte „Experte“ Emmanuel Macron weiß aber schon, dass die Kirche trotz der Spendengelder nicht mehr so schön sein könne wie bisher. Die große Debatte unter den Fachleuten geht jetzt erst los, baut man wieder „historisierend“ auf, mit all den Künstlichkeiten, oder entwickelt man eine Lösung, die die Ruine sichtbar lässt, und setzt einen völlig anderen Dachstuhl auf den Bau. Die einen würden ein „Metall- oder Glasdach“ als Verlust empfinden, andere finden eine solche Gestaltung als eher angemessen. Nicht einfach wird die Suche nach den Handwerkern, die noch mit alten Hölzern eine historische Rekonstruktion leisten könnten.

Geld muss her
Eine weltweite Debatte ist über das sogenannte Kultursponsoring im Gange. Hintergrund ist in allen Fällen, dass der jeweilige Staat immer weniger Geld für die Förderung von Einrichtungen und Initiativen bereitstellt, die Haushaltsetats zum Teil massiv gekürzt werden. Also sollen und müssen Konzerne und die wirklich Reichen ran, in Russland zum Beispiel finanziert sich das Bolschoi-Theater zu gut einem Drittel aus Geldern, die die Credit Suisse, BMW oder der Milliardär Roman Abramowitsch hergeben. In Italien gab und gibt es eine heftige Debatte darüber, dass die Mailänder Scala aus ihrer Not heraus beträchtliches Sponsorengeld aus Saudi-Arabien annehmen wollte. Wer in der Türkei erfolgreich Kunst machen will, hat am besten gute Verbindungen in die Wirtschaft. Denn es sind die großen Familienkonzerne, die die Kunstszene finanzieren. Die Istanbuler Biennale oder die Filmfestspiele werden vor allem vom Pharmazie- und Baukonzern Eczacibasi bezahlt. Und das berühmte Pera-Museum oder das Kunsthaus ARTER in Istanbul gehören der Koc-Familie, deren gleichnamiger Mischkonzern das reichste Unternehmen im Land ist. Überall gilt ein schöner Satz von Theodore Roosevelt: „Keine Summe an gespendetem Vermögen kann dafür entschädigen, wie es erworben wurde.“


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