Interview

Umweltpolitik ist politisch

Werner Sarbok im Gespräch mit Laura Simmer
|    Ausgabe vom 5. April 2019
Tausende Schülerinnen und Schüler gingen in den letzten Monaten auf die Straße und wurden politisiert. (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/161768312@N07/46871949391/]Jörg Farys / Fridays for Future[/url])
Tausende Schülerinnen und Schüler gingen in den letzten Monaten auf die Straße und wurden politisiert. (Foto: Jörg Farys / Fridays for Future / Lizenz: CC BY 2.0)

UZ sprach mit Laura Simmer, Mitglied des Organisationsteams "Fridays for Future" in Essen und Mitglied der SDAJ.


UZ: Warum gehen jetzt die Schülerinnen und Schüler zu Zehntausenden für den Umweltschutz auf die Straße?

Laura Simmer: Ich glaube, dass man das tatsächlich Greta Thunberg zusprechen kann. Sie legte da einen guten Start hin. Sie hat diese mediale Aufmerksamkeit erhalten und eine Riesenwelle der Berichterstattung losgetreten. Damit nahm sie einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Bewegung. Ihre Art, den Menschen zu verdeutlichen, was Sache ist, hinterließ bei vielen Schülerinnen und Schülern einen großen Eindruck. So wurde die Bewegung zu einem Selbstläufer und hat sich nach dem Schneeballprinzip verbreitet.
Durch die Medien haben sich immer mehr junge Menschen mit dem Umweltschutz beschäftigt und sensibilisiert. Der Vorwurf, dass die vorherigen Generationen es einfach versäumt haben, hat dieses Pflichtbewusstsein geweckt. Der Zeitdruck für eine bessere Umweltpolitik wurde noch verstärkt, weil die Ziele der Bewegung von einer großen Anzahl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützt worden sind.

UZ: Wie ist die SDAJ in der Bewegung „Fridays for Future“ verankert?

Laura Simmer: Wir sind im Organisationsteam in Essen vertreten und haben uns ein gutes Standing erarbeitet, da wir sehr aktiv waren, die Bewegung mit aufgebaut haben, viele Koordinierungsaufgaben übernommen haben. Die SDAJlerinnen und SDAJler sind anerkannt in der Bewegung. Die SDAJ hat sich im Vergleich zu anderen politischen Organisationen positiv hervorgetan, obwohl es am Anfang sehr schwierig war. Auf Bundesebene der Bewegung wird die Linie gefahren, dass politisches Material und politische Organisationen bei den Aktionen nicht gewünscht sind.

UZ: Wie wurde das begründet?

Laura Simmer: Es war wohl so, dass auf einer Großveranstaltung von „Fridays for Future“ in Berlin viele Partei- und Organisationsfahnen zu sehen waren und es so aussah, als sei die Bewegung beispielsweise von „Solid“ oder „Greenpeace“ gekapert worden. Auch in Essen versuchten viele Organisationen, ihre Flyer und Magazine zu verteilen. Die SDAJ hingegen hat mit ihrer Umweltbroschüre weniger Eigenwerbung gemacht und mehr inhaltliche Positionen eingebracht. So wurde das SDAJ-Material in der Bewegung als Paradebeispiel für akzeptable Flyer genannt.
Wir hatten viel damit zu kämpfen, dass uns gesagt worden ist, dass die linken Gruppierungen die Bewegung schlucken wollen und dass sie die Außenwirkung und den Welpenbonus, den „Fridays for Future“ hat, gefährden. Dem sind wir entgegengetreten und haben durch gute Arbeit erreicht, dass die Arbeit der SDAJ als wertvoll für die Gruppe in Essen gesehen wird.

UZ: Woher stammen die Vorbehalte gegen politische Organisationen bei den Schülerinnen und Schüler?

Laura Simmer: Ich glaube, dass viele von den organisierteren oder politisierteren Jugendlichen eine Gefahr darin sehen, dass es ähnlich wird wie bei den Protesten im Hambacher Forst. Dort wurde die Bewegung quasi von NGOs gekapert. Diese stellen sich dann hin, als hätten sie jahrelang eine gute Arbeit geleistet. Die, die schon jahrelang dort präsent sind, werden dann einfach nicht beachtet. Viele befürchten zudem, dass der überparteiliche Charakter der Bewegung verloren gehen könnte und dass es von dem Umweltthema und von den Zielen, die Greta Thunberg aufgezeigt hat, weggerückt und „zu politisch“ wird.
Das Argument habe ich oft gehört, aber es ist absurd, weil sich die Umweltpolitik nicht vom politischen Geschehen loslösen lässt. Der Zusammenhang von Klimawandel, Umweltschutz und Kapitalismus wird noch nicht ausreichend erkannt.

UZ: Das bedeutet, dass sich „Fridays for Future“ als unpolitische Bewegung begreift?

Laura Simmer: Das ist tatsächlich so. Ich höre häufig, dass sich die Schülerinnen und Schüler als überparteilich und unpolitisch verstehen. Aber wie soll Umweltpolitik ohne Politik funktionieren?

UZ: Wie bewertest du die letzten Aktionstage?

Laura Simmer: Wir hatten noch kein Treffen des Orga-Teams für eine gemeinsame Auswertung des globalen Streiktages, aber alle Beteiligten, mit denen ich bisher gesprochen habe, haben das als sehr großen Erfolg wahrgenommen. Wir hatten von Essen aus nach Düsseldorf mobilisiert, die Teilnehmerzahl und das allgemeine Auftreten war hervorragend.

UZ: Wie sind eure weiteren Planungen?

Laura Simmer: Wir haben in Essen vor, die Kontakte in den Stadtrat weiter auszubauen. Wir wollen mehr Schulen als bisher einbeziehen, auch um die Kontakte zu anderen Schülervertretungen weiterzuentwickeln. Die SDAJ will zukünftig einmal im Monat eine Veranstaltung für „Fridays for Future“-Teilnehmer anbieten.
Es soll jetzt erst mal jeden Freitag weitergehen, aber wir spielen auch mit dem Gedanken, auf zweiwöchentlich zu reduzieren, damit wir die hohe Beteiligung halten können.

UZ: Gibt es Repressionen gegenüber Schulstreikenden?

Laura Simmer: Es gibt in diversen Bundesländern Briefe der Schulministerien, die an die Schulleitungen gegangen sind, in denen aufgefordert wurde, harte Maßnahmen gegen streikende Schülerinnen und Schüler zu ergreifen, zum Beispiel Bußgelder zu verhängen. Aber bisher hat dies keine Auswirkungen auf die Lehrer- und Schülerschaft.


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Leserbrief zu Artikel »Umweltpolitik ist politisch«, UZ vom 5. April 2019





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