Gibt‘s doch gar nicht.

Der 35. Bundesliga-Spieltag
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 29. März 2019

Der Tag begann angenehm. Aufstehen ohne Husten und Kopfschmerzen, die Sonne lugte durch die Jalousie und der doppelte Espresso mit geschäumter Milch tat sein Übriges. Um 10.23 Uhr, also völlig außerhalb ihres Zeitfensters, schrieb die schöne M.: „Picknick im Park. Hab alles dabei. Hol dich in ner Stunde ab“. Wir tranken dann zu zweit Rotkäppchensekt und futterten Kniften mit Gürkchen mitten auf der

In solcher Bettwäsche gelingen feuchte Fussballträume

In solcher Bettwäsche gelingen feuchte Fussballträume

Wiese, die schöne M. strahlte mit der Sonne um die Wette und redete über Marx, zeitgenössischen Surrealismus, die Neuzugänge in der englischen Premier-Leage und Frauengefühle. Ich kniff mich heimlich, aber es tat nur weh. Uff. Gibt‘s doch gar nicht.
Beiderseits breit grinsend, da auch schon ordentlich angeschickert, enterten wir später die Kneipe. Gartenbro A. war erstaunlicherweise überpünktlich, M. mit dem kaputten Herzen tanzte Tango und U., der Mann ohne Zähne, hatte… äh … neue Zähne? K., Besitzer des Ladens, seinerseits wohl Geburtstag, es gab Freibier. Die schöne M. platzierte sich dicht an mich bei und ließ sich ebenfalls Getränke reichen. Gartenbro A. und ich diskutierten noch kurz das Thema „Sind rechtsdrehende Zucchinisorten im Garten politökologisch akzeptabel?“, welches A. mit einem „Mir kommt von rechts überhaupt nichts in den Garten!“ beendete. Prima. Das Spiel war über 90 Minuten spannend wie der Endkampf zweier Titanen. Die Bayern waren saustark, wir wankten, aber wir fielen nicht. Es wogte hin und her und in der 97. Minute, beim Stand von 6:6, knallte ausgerechnet mein Lieblingsspieler Zagadou den Ball aus 33 Metern in den rechten Winkel, 7:6, Abpfiff, Weltmeister! Der Laden flog aus allen Nähten. Die schöne M. aber bremste und bestellte Espresso und Wasser für uns, „Wir haben ja noch was vor“. Gibt‘s doch gar nicht.
Und sonst? Schalke verlor 0:4 gegen BSG Robotron Sömmerda, der Abstieg in Liga 6 war besiegelt. Der FC Bayern entließ direkt nach dem Spiel Hoeneß, Rummenigge und Thomas Tuchel, Letzteren aus Prinzip mit. Red Bull Leipzig spielte 0:0 und löste aus Frust über das Verpassen der Champions League spontan die Abteilung Fußball auf. Hannovers Präsident Kind kam ins Altenheim, Dietmar Hopp wurde entmündigt und alle Bundesligavereine verkündeten die Unterzeichnung eines Vertrages, nach dem Rassismus verboten wird und kein Neonazi im Leben mehr ein Fußballstadion betreten darf. Gibt‘s doch gar nicht.
Die schöne M. und ich schwebten zu mir nach Hause, als mein Handy klingelte. Das interessierte mich logischerweise gerade so viel wie der 173. Zug von Louis de La Bourdonnais gegen Alexander McDonnell bei der ersten Schachweltmeisterschaft 1834 in London, nur: es hörte einfach nicht auf. Nach entnervenden 10 Minuten klappte ich dann das Ding auf, der Wecker zeigte 9.09 Uhr und ich fiel nicht nur aus allen Wolken, sondern direktemente aus dem Bett. Es regnete und ich hatte Kopfschmerzen. Und Husten. Verdammt, stimmt, dieses Wochenende war ja gar keine Bundesliga wegen der EM-Quali. Kein Sieg, kein Weltmeister, keine schöne M.! Ich ging schweren Schrittes unter die lausig kalte Dusche und dachte dabei an Friedhelm Funkel, der einst klugerweise vorhersagte: „Wer jetzt noch träumt, ist ein Träumer.“ Gibt‘s doch gar nicht.


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Leserbrief zu Artikel »Gibt‘s doch gar nicht.«, UZ vom 29. März 2019





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