Kultursplitter

|    Ausgabe vom 22. März 2019

Vom Feinsten
Nur mäßige Beachtung fand in den „Qualitätsmedien“ der 90. Geburtstag von Christa Wolf, es waren ein paar allgemeine Zeilen zu finden, immer und gerne mit dem Hinweis auf ihre „Staatsnähe“ und gleichzeitige Haltung als „Dissidentin“. Wer sich mit den Romanen und Erzählungen beschäftigt, nicht nur den berühmten wie „Der geteilte Himmel“, „Kindheitsmuster“ oder „Kassandra“, sondern auch mit ihren Essays, Aufsätzen und Reden über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren, findet weder das eine noch das andere darin. Vielmehr eine genaue Beobachtung der Lebensverhältnisse, ein empathisches Annähern an Menschen, ein Nachspüren der Geschichte des Landes bis zu den Narben, die Christa Wolf sah und mit poetischer Kraft beschrieb. Dass sie sich nach 1989 gegen Stasivorwürfe wehren musste, bereits gezeichnet von schwerer Krankheit, hielt sie nicht davon ab, ihren USA-Aufenthalt in den 90er Jahren dafür zu nutzen, in „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ kritisch und mutig mit all denen abzurechnen, die sich als Wendehälse gerierten oder die es schon immer besser wussten.

Befürchtungen
Weiterhin Streit um die Reform des EU-Urheberrechts in den Parlamenten, aber auch lautstark in den Medien und bei Demonstrationen. Die SPD hat den Vorschlägen der CDU eine Absage erteilt. Die umstrittene Einigung der EU sieht vor, Plattformen wie Youtube stärker in die Pflicht zu nehmen. Videos sollen vor dem Hochladen überprüft werden. Dies geht nach Auffassung von Kritikern nur über Upload-Filter. Die CDU will nun laut dpa-Informationen bei der nationalen Umsetzung völlig auf den Einsatz dieser Filter verzichten. Stattdessen sollen die Plattformen für geschützte Werke in der Regel Lizenzen erwerben. Unterhalb einer zeitlichen Grenze sollen Uploads von Lizenzgebühren frei sein. Solch eine nationale Lösung geht natürlich an jeglicher Realität vorbei, im EU-Parlament hatte die EVP (der „C-Parteien-Verbund“) noch für die Filter gestimmt. Der wesentliche Kern der Reform, nämlich endlich zu einer Vergütung für die zu kommen, die ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Beiträge einbringen, geht bei dem Streit eher unter. Ob die Filter zu Zensur führen und schnelle Löschungen unliebsamer Beiträge fördern, ist zumindest unklar.

Herbert Becker

Filmempfehlung
In (viel zu wenigen) Programmkinos läuft momentan die Verfilmung des Debütromans „The hate U give“ von Angie Thomas, der 2017 veröffentlicht und 2018 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury ausgezeichnet wurde. Regie führte George Tillmann jr., ein engagierter US-amerikanischer Filmemacher. In Anlehnung an das berühmte Zitat „The hate you give little infants fucks everybody“ (übersetzt soviel wie „Der Hass, der kleinen Kindern entgegengebracht wird, schädigt alle“) von Rapper Tupac erlebt die Hauptdarstellerin Starr Carter als 16-jährige schwarze Schülerin regelmäßig die Auswirkungen von Armut, Drogenkriminalität und strukturellem Rassismus in den USA. Nachdem ihr bester Freund in einer willkürlichen Polizeikontrolle erschossen wird, soll sie als Kronzeugin in einem landesweit beachteten Prozess gegen den Polizisten aussagen, was sie zum Gesicht einer Bewegung gegen Polizeigewalt gegen Schwarze macht, aber auch in Konflikte mit den kriminellen Anführern ihres Wohnviertels bringt. In diesem Dilemma gibt ihr Vater ihr mit vielen inhaltlichen und kulturellen Bezügen zu Malcom X und der Black-Panther-Bewegung Orientierung und ermutigt sie, gegen den Rassismus zu kämpfen und den Teufelskreis der Gewalt durch Armut und Unterdrückung zu benennen und zu durchbrechen. Sehenswert.

Jan von Hagen


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