Interview

Tampons und Binden kostenlos!

Christoph Hentschel im Gespräch mit Sophia Jokisch
|    Ausgabe vom 8. März 2019

Sophia Jokisch (DKP) sitzt für die „Linke Liste“ im Rat der oberbayrischen Stadt Wasserburg am Inn. Sie kämpft dafür, dass in allen öffentlichen Einrichtungen der Stadt Frauen kostenlos Hygieneprodukte zur Verfügung stehen. Am Internationalen Frauentag will sie den Antrag einreichen.

UZ: Was forderst du in dem Antrag?

Sophia Jokisch

Sophia Jokisch

Sophia Jokisch: Der Antrag besteht aus drei Punkten. Es sollen probeweise jeweils Damenhygiene-Artikel, wie Tampons und Binden, in den Damentoiletten der öffentlich genutzten städtischen Gebäuden, der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen und der Verwaltungsgebäude kostenlos zur Verfügung stehen.

UZ: Was willst du mit dem Antrag erreichen?

Sophia Jokisch: Mein Hauptaugenmerk liegt auf den Schulen. Gerade dort ist es so, dass man sehr viele verschiedene junge Frauen aus verschiedenen kulturellen Hintergründen erreichen kann. Bis jetzt ist es so, dass es in den städtischen Schulen ein Notrepertoire an Damenhygiene-Artikeln im Sekretariat gibt. Die Mädels müssen in das Sekretariat gehen und fragen. Oft ist da dann ein männlicher Angestellter. Das machen sie nur, wenn es wirklich nicht anders geht.
Normalerweise ist es so, dass sich die Mädels dann untereinander aushelfen. Ich kann mich noch an meine Schulzeit erinnern, da wurden die Tampons wie harte Drogen gedealt, damit es keiner sieht. Es ist eigentlich ein ganz natürlicher Prozess, wird aber nicht offen kommuniziert – auch von den Schulen nicht – und so ist es schambehaftet. Das sollte nicht sein.

UZ: Welche Folgen hat das für die Mädchen?

Sophia Jokisch: Man nennt es „Periodenarmut“. Es ist tatsächlich so, dass weltweit, aber auch in Deutschland junge Frauen wegen ihrer Monatsblutung die Schule verpassen. Sie können sich keine Schmerzmittel oder Damenhygiene-Produkte leisten und gehen dann an den Tagen nicht in die Schule. Genau da fängt der Teufelskreis an: Durch die fehlenden Schultage fehlt ihnen Wissen, sie schneiden schlechter ab, bekommen eine schlechtere Ausbildung und so weiter. Viele rutschen schließlich in die Armut ab.

UZ: Wie kann es sein, dass sich in Deutschland jemand keine Hygieneartikel leisten kann?

Sophia Jokisch: Zum Beispiel bei den Hartz-IV-Sätzen wird nicht zwischen Mann und Frau unterschieden. Ein Mädchen bis 14 Jahre hat nicht einmal 10 Euro für Hygieneprodukte zur Verfügung. Aber gerade bei ganz jungen Mädchen ist sie total unregelmäßig und unberechenbar. Man braucht dann die riesigen Binden, die sauteuer sind, um zum Beispiel in der Nacht nicht alles vollzubluten.

UZ: Also ein Armutsproblem?

Sophia Jokisch: Nein, wir haben ja immer noch den Fall, dass Frauen weniger verdienen, aber mehr ausgeben müssen. Zur Arbeit müssen sie ihre Produkte selber mitnehmen und geben somit mehr aus.
Durch den heutigen Umgang mit der Menstruation gibt es eine massive Ungleichheit, weil Frauen mehr zahlen müssen. Damenhygiene-Produkte werden mit 19 Prozent Mehrwertsteuer, also mit der Luxussteuer, besteuert. Es wäre möglich, Damenhygiene-Artikel gar nicht zu besteuern, wie zum Beispiel in Kenia oder Kanada. Das wäre sinnvoll, weil es ein notwendiges Produkt ist. Wie wir uns geeinigt haben, dass wir uns nach dem Toilettengang den Podex abwischen, so haben wir uns darauf geeinigt, dass es sinnvoll wäre, dass Frauen Monatshygiene-Produkte benützen. Daher sind sie notwendig, um ein funktionierendes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein.

UZ: Wie sieht es im Wasserburger Stadtrat aus? Trifft der Antrag auf Gegenliebe?

Sophia Jokisch: Ich werde den Antrag zwar am 8. März einreichen, aber die Sitzung findet erst Ende März statt. Die SPD hat ihn schon gesehen. Sie finden ihn an sich gut, aber die alten Hasen haben gesagt, dass er eher nicht durchgehen wird.

UZ: Was willst du unternehmen, damit der Antrag doch durchgeht?

Sophia Jokisch: Ich tue mich jetzt mit den Schülerinnen zusammen. Ich habe gleich ein Treffen mit den Mädels vom Wasserburger Gymnasium. Es ist super, dass ich die Schülerinnen im Rücken habe. Ich kann dann öffentlichkeitswirksamer den Antrag stellen und sie können während der Stadtratssitzung zu Wort kommen.


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Leserbrief zu Artikel »Tampons und Binden kostenlos!«, UZ vom 8. März 2019





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