Kultur
Themen: Filme

Sie nannten ihn Amigo

DEFA-Film von Heiner Carow auf der Berlinale
Von Matthias Becker
|    Ausgabe vom 22. Februar 2019
Fred Düren in der Rolle des Pepp (Foto: Hans Bernd Baxmann © DEFA-Stiftung)
Fred Düren in der Rolle des Pepp (Foto: Hans Bernd Baxmann © DEFA-Stiftung)

Berlin 1939. Der 13-jährige Junge Rainer Meister, gespielt von Ernst-Georg Schwill, genannt Amigo, findet im Keller des Hinterhofs einen Mann. Es ist Pepp, gespielt von Fred Düren. Pepp ist ein aus dem KZ geflohener politischer Häftling, erkennbar durch den roten Winkel an seiner Kleidung. Als Sohn einer kommunistischen Arbeiterfamilie weiß Amigo, in welche Gefahr er sich begibt, wenn er dem Mann hilft. Er tut es dennoch und verpflichtet die beiden Mitwisser, seinen jüngeren Bruder Hotta und dessen Freund Sine, zum Schweigen. Sine vertraut sich seinem Vater an. Dieser ist ein selbstzufriedener, feiger Nazi-Mitläufer, der schließlich zum Denunzianten wird. Amigo wird des Diebstahls beschuldigt, denn er hatte für Pepp so einiges „organisiert“. Er nimmt das Schicksal auf sich, selbst ins KZ deportiert zu werden, damit Pepp seine Flucht fortsetzen kann.
Heiner Carows antifaschistischer DEFA-Film „Sie nannten ihn Amigo“ kam 1959 in die Kinos der DDR und hat auch nach über 60 Jahren, aufgrund der heutigen rassistischen Bewegungen in Europa und darüber hinaus, nichts an Aktualität verloren. Bei einer Laufzeit von lediglich knapp über einer Stunde schuf Carow einen auf das Notwendigste konzentrierten, atmosphärisch dichten Film, der insbesondere durch seine Darstellerführung überzeugt.
In einer Zeit, in der moralisch richtiges Denken und Handeln bestraft wurde, erzählt die bewegende Geschichte auch von dem Unterschied zwischen dem, was moralisch vertretbar oder sogar notwendig ist und dem, was überhaupt nicht geht. Die selbstverständliche Frage „Wer möchte nicht im Leben bleiben“, die sich zumindest die allermeisten stellen, wird in diesem Film mit der zweiten Frage verbunden „Wofür lohnt sich der persönliche Einsatz“ und findet eine berührende Antwort. Ein wichtiger Beitrag zur Widerstandsgeschichte des Dritten Reiches aus den Archiven der DDR, es gibt den Film auf DVD.
Die Internationalen Filmfestspiele Berlin, kurz „Berlinale“, haben sich für dieses Jahr dazu durchgerungen, alle Regisseurinnen, die zwischen 1949 und 1992 bei der DEFA tätig waren, vorzustellen. Sie drehten Spiel- und Dokumentarfilme, populärwissenschaftliche- und Trick-Filme oder waren Redakteurinnen bei der Wochenschau. In 63 Porträts werden Lebensläufe nachgezeichnet, ihre individuellen künstlerischen Handschriften werden sichtbar.
Die in Berlin ansässige DEFA-Stiftung verleiht seit 2013 während der Internationalen Filmfestspiele Berlin den neu geschaffenen „Heiner-Carow-Preis“. Ausgezeichnet wird ein deutscher Spiel-, Dokumentar- oder Essayfilm aus der Sektion Panorama. Der Preis ist mit 5 000 Euro dotiert. Über die Vergabe entscheidet eine dreiköpfige Jury. In diesem Jahr erhielt ihn Annekatrin Hendel für ihren Film „Schönheit und Vergänglichkeit“ mit Sven Marquardt, Dominique (Dome) Hollenstein, Robert Paris. Mit dem Preis erinnert die DEFA-Stiftung an den Filmregisseur Heiner Carow (1929 –1997), der in den Babelsberger DEFA-Studios unter anderem Filme wie „Sie nannten ihn Amigo“ (1959), „Die Russen kommen“ (1968), „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), „Ikarus“ (1976), „Bis dass der Tod euch scheidet“ (1979) und „Coming out“ (1989) inszenierte. Für diesen Film erhielt er im Februar 1990 den Silbernen Bären im Berlinale-Wettbewerb.


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Leserbrief zu Artikel »Sie nannten ihn Amigo«, UZ vom 22. Februar 2019





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