Diskriminierung

Auch im Frauenfußball das alte Spiel
Von Gretchen Kallenberg
|    Ausgabe vom 15. Februar 2019

In vier Monaten beginnt die Frauen-Fußballweltmeisterschaft in Frankreich (7. Juni 2019). Die Marketingabteilung der FIFA hat bereits jetzt eine erste Kampagne gestartet. Stars wie Nadine Keßler oder Lotta Schelin („Lotta Lightning“) werden darin zu Comic-Superheldinnen und wirbeln in den kommenden Monaten durch die sozialen Netzwerke. Macarena Sanchez wird nicht mit von der Partie sein, dabei wäre die Fußballerin aus Buenos Aires als Superheldin viel besser geeignet, denn sie nimmt es gerade mit sehr mächtigen Gegnern auf: mit den Funktionären ihres Klubs und des argentinischen Verbandes AFA. Und mit dem weit verbreiteten Machismo im Land.

Macarena Sanchez Jeanney, Spielerin der UAI Urquiza

Macarena Sanchez Jeanney, Spielerin der UAI Urquiza

( www.uaiurquiza.com)

Sanchez‘ Geschichte hat in Argentinien bereits für viel Aufmerksamkeit gesorgt, seit sie sich Mitte Januar mit einer Pressemitteilung über ihre Anwälte an die Öffentlichkeit gewandt hat. Sie hat rechtliche Schritte gegen ihren Klub, den Erstligisten Deportivo UAI Urquiza aus Buenos Aires, eingeleitet. Die 27-Jährige wurde suspendiert, nachdem sie verlangt hatte, als Profi-Fußballerin anerkannt zu werden, mit entsprechender Bezahlung und entsprechenden Rechten. Sanchez spricht in der Mitteilung von „betrügerischen Methoden“, in ihrem Klub und im gesamten argentinischen Profi-Fußball, die vor allem dem Zweck dienen, Spielerinnen den Status als Profisportlerin zu verweigern. „Die Arbeitnehmerrechte von argentinischen Fußballerinnen werden systematisch verletzt - aus dem einzigen Grund, dass sie Frauen sind.“ Macarena Sanchez spielt bei einem Spitzenklub, der auch in der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions-League, antritt. Sanchez bekommt 400 Pesos, umgerechnet 9 Euro im Monat als Zuschuss für Reisekosten. In anderen Erstligaklubs müssen die Spielerinnen Fahrtkosten und Ausrüstung sogar komplett selbst zahlen.
Der Fußballerin geht es nicht nur um bessere Bezahlung und mehr Anerkennung in einem Land, in dem Fußball auch bei Frauen und Mädchen die Sportart Nummer eins ist. Sondern auch um grundlegende Rechte als Profisportlerin: medizinische Versorgung und Versicherung bei Verletzungen, sichere Anreise zu Spielen, Aufnahme in die Spielergewerkschaft. Weil ihr Klub Urquiza ihre Forderungen bislang ignoriert, ist Sanchez auf die Tribüne verbannt - und bleibt es noch mindestens bis zum Sommer, weil sie auch mitten in der Saison aufgrund der Regularien nicht zu einem anderen Verein wechseln darf. Sie will auch den argentinischen Verband rechtlich belangen, sollte er nicht die - auch in den FIFA-Regularien verankerten - Rechte zur Gleichstellung und gegen Diskriminierung umsetzen. Niemand soll glauben, hierzulande sei das alles viel besser geregelt. Klar erkennbar erhalten die Kickerinnen wesentlich weniger Aufmerksamkeit als ihre männlichen Kollegen. Und im Herrenfußball steckt entsprechend mehr Geld. Fernsehgelder, Sponsoringverträge und Kartenverkäufe – bei keiner dieser Einnahmequellen kann der Frauenfußball mit dem der Männer mithalten. Und mit dieser Sichtweise wird begründet, dass die Frauen auch in ihren deutschen/europäischen Vereinen weniger einnehmen. Als Spitzenverdienerin gilt Dzsenifer Marozsán, Spielführerin der DFB-Elf: Bei ihrem französischen Club „Olympique Lyon“ soll Marozsán mehr als 10 000 Euro im Monat verdienen. Damit liegt das Gehalt einer der bestbezahlten Fußballerinnen Europas allerdings noch ein gutes Stück unterhalb dessen, was männliche Drittligaspieler in Deutschland verdienen.
Die meisten Fußballerinnen können von einem Einkommen wie Dzsenifer Marozsán nur träumen. Im Schnitt sind es weniger als 1 000 Euro im Monat, was die Bundesliga-Spielerinnen in Deutschland verdienen. Ein zweites Standbein ist daher wesentlich wichtiger als bei den Männern, die mit gut bezahlten Profi-Verträgen nach ihrer Fußball-Karriere schon ausgesorgt haben können. Und so studiert Torhüterin Almuth Schult an der Deutschen Sporthochschule in Köln, um nach der aktiven Laufbahn nicht mit leeren Händen dazustehen. Kolleginnen wie Verteidigerin Babett Peter oder Mittelfeldspielerin Lena Goeßling (ausgebildete Einzelhandelskauffrau) beziehen Sold bei der Bundeswehr, sie dienen als Soldatinnen in der Sportfördergruppe. Die USA waren das erste Land, in dem der Frauenfußball professionalisiert wurde. Allerdings sind bislang zwei Versuche gescheitert, Berufsfußball für Frauen dauerhaft zu etablieren. Die derzeitige Profi-Liga „National Women’s Soccer League“ existiert seit 2013, und besonders bemerkenswert: Während die US-Herrenfußballer nur im Mittelfeld der FIFA-Weltrangliste stehen, belegen die Fußballerinnen Platz 1 – und verdienen dennoch bedeutend weniger als die Männer. Sogar ein Streik der Frauenfußballerinnen stand zur Debatte, denn der US-Verband verdient durch den Frauenfußball mehr als durch den Männerfußball. In den USA greift die europäische Marketing-Begründung also nicht, die Diskriminierung, getragen von strukturellen Phänomenen der Unterdrückung der Frauen, führt zu den Gehaltsunterschieden zwischen den Geschlechtern. Es gibt ein weltweites Problem – nicht zuletzt im professionellen Sport. Und wenn dann noch der Machismo, den es nicht nur in Lateinamerika gibt, dazu kommt, wird es richtig ärgerlich.


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Leserbrief zu Artikel »Diskriminierung«, UZ vom 15. Februar 2019





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