Kultur
Themen: Filme

Système K

Kinshasa, offene Bühne
Von Matthias Becker
|    Ausgabe vom 15. Februar 2019
Szene aus dem Film (Foto: Azgart Wenga Itambo)
Szene aus dem Film (Foto: Azgart Wenga Itambo)

Die 69. Ausgabe der „Internationale Filmfestspiele Berlin“ bietet insbesondere abseits des Wettbewerbs wieder einmal die durchaus interessanteren Beiträge. Besonders hervorzuheben ist Renaud Barrets Film „Système K“, der in der Sektion „Panorama Dokumente“ zu sehen ist.
Der Filmemacher lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die in Kinshasa lebenden Straßenkünstler. Die Bevölkerung der Demokratischen Republik Kongo, dem rohstoffreichsten Land Afrikas, lebt unterhalb der Armutsgrenze. Westliche Konzerne lassen dort Kupfer, Nickel und den seltenen Rohstoff Kobalt abbauen. Dieser ist ein Schlüsselelement für die Elektromobilität, ohne welches es die E-Autos nicht geben würde. Die Menschenrechtsverletzungen werden konsequent ignoriert und die Arbeitsbedingungen gleichen moderner Sklaverei. Die Einnahmen landen bei Warlords, die mit dem Geld Waffenkäufe finanzieren. Es gibt weder ausreichend Trinkwasser, noch genug Nahrungsmittel. Barrets Film begleitet neun Künstler, die auf diese katastrophalen Lebensbedingungen im Land, jeder auf unterschiedlichste Weise, aufmerksam machen wollen.
Sie heißen Freddy, Béni Baras, Kongo Astronaute, Yas Ilunga, Flory und Junior, Strombo, Yann Majestik Makanka, Kokoko! und Géraldine Tobe. Mit ihren Skulpturen, Bildern, Auftritten und Interventionen betreten sie den öffentlichen Raum, abseits der Weltöffentlichkeit und abseits des internationalen Kunstmarkts. Ihre Materialien: gebrauchte Patronenhülsen, Plastikmüll, Elektroschrott, Affenschädel, Rauch, Wachs, Blut und ihre eigenen Körper. Der Restmüll aus vergangenen bewaffneten Konflikten.
Ihre Kunst behandelt Themen wie die Ausbeutung ihrer Heimat, die Privatisierung von Wasser, den Einfluss evangelikaler Kirchen, die Massaker im Osten und darüber hinaus weitere soziale und politische Zustände des Landes, die durch den Kapitalismus verursacht wurden. So lassen sie eine lebendige Subkultur entstehen, indem sie Kinshasa als offene Bühne nutzen. In einer Metropole, in der die eigene Bevölkerung keinen Zugang zur Kunst hat.

Der bekannteste unter den kongolesischen Künstlern ist Freddy Tsimba. Er arbeitet als Bildhauer und besitzt sein eigenes Studio. Die Kamera begleitet ihn auch bei der Erstellung und Präsentation einer seiner eindrucksvollsten Arbeiten, welche er mitten auf einer Straßenkreuzung errichten lässt. Ein offenes Haus, erbaut aus den Macheten der Bruderkriege. Es dauert jedoch nicht lange, bis die ersten Helfer von Tsimba von der Polizei verhaftet werden und der Platz geräumt wird. Kurze Zeit später verlässt er die Stadt und taucht sicherheitshalber für eine Weile unter.
Der radikalste unter ihnen ist Majestik. Mit seiner Kunst will er ausschließlich provozieren und die Internationale Staatengemeinschaft und ihr Verhalten direkt angreifen. Bei einem seiner öffentlichen Auftritte lässt er sich in einer Badewanne auf Rädern durch die Straßen der Stadt fahren. Die Wanne ist voll mit Blut, von dem er sogar trinkt. Eine lebensgefährliche und selbstaufopfernde Aktion, und ein offensichtliches Sinnbild für ein Land, das der Westen kolonialisiert und danach hat verbluten  lassen.


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Leserbrief zu Artikel »Système K«, UZ vom 15. Februar 2019





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