Theorie & Geschichte

Interview

Kein Seminarmarxismus

Herbert Becker im Gespräch mit Hermann Kopp, Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung
Ausgabe vom 8. Februar 2019

UZ: Ende Januar fand in Wuppertal eure Jahresmitgliederversammlung statt. Seid ihr zufrieden mit den Tagungen, Vorträgen und Seminaren oder wo seht ihr für die Zukunft dringenden Handlungsbedarf? Hermann Kopp: Es gab im letzten Jahr 32 Tagungen und Seminare, die von der MES veranstaltet oder mitveranstaltet wurden – mehr als in jedem anderen Jahr seit Gründung der Stiftung in den 1970er Jahren. Und dabei ist das zweitägige MASCH-Programm beim UZ-Pressefest mit seinen neun Einzelvorträgen zu unterschiedlichsten Themen, das von uns organisiert wurde, nur als eine Veranstaltung gezählt. Was die Zahl der Veranstaltungen angeht, können wir demnach mit der Bilanz des Jahres 2017 zufrieden sein. Woran es oft hapert, das ist die Bewerbung unserer Veranstaltungen, vor allem „vor Ort“ – mit der Folge, dass der Besuch zuweilen deutlich hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Da könnte ich mir übrigens gelegentlich etwas mehr Unterstützung durch die Genossen meiner Partei vorstellen, auch wenn sie nicht Mitglied der Stiftung sind. Und woran es auch oft hapert, ist die Berichterstattung über unsere Veranstaltungen oder die Dokumentation wichtiger Referate, auch auf unserer eigenen Website. Was ja mithilft, die Wirkung dessen, was wir machen, zu vergrößern. Da waren wir schon mal besser. UZ: Alle Vorstandsmitglieder sind sicherlich noch in andere politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufgaben eingebunden, geht das überhaupt? Hermann Kopp: Es geht nicht nur, es ist unabdingbar; wir wollen ja keinen bloßen Seminarmarxismus betreiben, brauchen deshalb den Kontakt zu Bewegungen und praxisrelevanten wissenschaftlichen und politischen Diskussionen. Aber natürlich bringt das zeitliche Belastungen mit sich. Meine örtliche Friedensinitiative weiß zum Beispiel, dass ich MES-Vorsitzender bin, außerdem Redakteur der Marxistischen Blätter, und sie akzeptiert, wenn ich deshalb hin und wieder an einer Aktion nicht teilnehme; aber sie weiß auch, dass ich Kommunist bin – und wenn ich „nur schlau daherreden“ würde, wäre ich schnell weg vom Fenster. Aber dieses Problem kennt wohl jede aktive Genossin und jeder Genosse. UZ: Ist der Vorstand denn zufrieden mit dem Mitgliederzuwachs? Hermann Kopp: Wir haben derzeit etwas über 200 Mitglieder; viermal so viele wie im Herbst 2010, als ich die Geschäftsführung übernahm. Das ist natürlich das Resultat unserer gesteigerten Aktivität. Der Zuwachs 2017 war allerdings bescheiden, wir konnten 15 neue Mitglieder gewinnen. Es wären sicher mehr gewesen, wenn zum Beispiel bei der Planung einer Tagung jeweils die Frage mitgestellt würde, wie sie für die Gewinnung von Neumitgliedern genutzt werden kann. Für die Suche nach Referenten, die Planung des Tagungsablaufs und der Verpflegung der Teilnehmer verwenden wir viel Zeit; ob jemand Mitglied wird, haben wir bisher fast völlig dem Zufall überlassen. Aber deine Frage bringt mich drauf: Bei der nächsten Vorstandssitzung werde ich das Thema „Mitgliederwerbung“ auf die Tagesordnung setzen! UZ: Welche Vorhaben aus letzter Zeit sind eurer Einschätzung nach besonders erfolgreich gewesen? Hermann Kopp: Unsere bestbesuchte Veranstaltung letztes Jahr war der Nachmittag in Verbindung mit unserer Mitgliederversammlung zu 200 Jahren Marx, mit Fülberth als Referenten und der Uraufführung von „Frau Kapital und Dr. Marx“. Wir hatten mit 70 Teilnehmern gerechnet, doppelt so viele kamen. Besonders erfreut war ich über die Resonanz, auf die unsere Tagung „Jörg Ratgebs Herrenberger Altar und der Bauernkrieg“ stieß – über 40 Teilnehmer, darunter viele, die erstmals bei einer Veranstaltung der MES waren. UZ: Was habt ihr für die nächste Zeit in Planung? Hermann Kopp: Das meiste wird man auf unserer Website nachlesen können, deshalb hier nur eine Tagung, auf die ich besonders gespannt bin: Am 22. Juni in Leipzig, zum Umgang mit der DDR-Literatur nach 1990. Es ist ein erneuter Versuch, uns als MES in einer ostdeutschen Stadt zu verankern, und darf gerne als unser Beitrag zu 70 Jahre Gründung der DDR verstanden werden – und als unsere vorgezogene ganz unfreundliche Antwort auf die zu erwartenden „30 Jahre Mauerfall“-Festivitäten. UZ: Mittlerweile Tradition ist, dass es am Tag der Jahresmitgliederversammlung ein besonderes Highlight gibt, was war es diesmal? Hermann Kopp: Der Festvortrag von Hans-Otto Dill zum bevorstehenden 250. Geburtstag Alexander von Humboldts. UZ: Kannst Du in wenigen Sätzen zusammenfassen, was Prof. Dill referiert hat? Hermann Kopp: Das trau ich mir auf die Schnelle nicht zu. Ich kann aber sagen, dass alle von Dills Vortrag begeistert waren: Er brachte uns Humboldt als einen Menschen nahe, der vielen seiner Zeitgenossen weit voraus war: was die Unbefangenheit des Blicks, was seine theoretische und praktizierte Gegnerschaft gegen allen Eurozentrismus, gegen alle Formen des Kolonialismus und Rassismus angeht. Das ganze Referat kann im März nachgelesen werden: Wir legen es als Sonderdruck den Marxistischen Blättern 2–19 bei.

Verbindende Klassenpolitik

… ohne antimonopolistische Zuspitzung? – Ein Buch für neue Fragen
Diether Dehm
Ausgabe vom 8. Februar 2019

Bernd Riexingers „Neue Klassenpolitik“ erschien 2018 im VSA-Verlag. Wer Kampferlebnisse in der Vergangenheit des erfolgreichen Stuttgarter Gewerkschaftsvorsitzenden erfahren will, nebst passenden soziologischen Tabellen, hat die 14,80 Euro gut angelegt. Die „Solidarität der Vielen statt …

Begriff mit Konjunktur

Zu Perry Andersons Buch „Hegemonie“ 
Hannes Fellner
Ausgabe vom 8. Februar 2019

Perry Anderson ist ein britischer Historiker marxistischer Prägung. In den 1960er und 1970er Jahren war er einer der wichtigsten englischsprachigen Vertreter der sogenannten „Neuen Linken“. Lange Jahre war er Herausgeber und Redaktionsmitglied der „New Left Review“. Anderson popularisierte den …

Gleiwitz des Balkans

Erst Lügen, dann Bomben – vor 20 Jahren bereitete die NATO ihren Krieg gegen Jugoslawien vor.
Dietrich Kittner
Ausgabe vom 8. Februar 2019

Deutsche Soldaten werfen Bomben auf Belgrad – mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999 zeigten die USA, wie ihre Weltordnung aussehen soll, die Bundesregierung zeigte, dass sie wieder unbefangen in den Kreis der imperialistischen Mächte treten und Truppen in die Welt schicken kann. Den Krieg …