Die Dämonisierung des Parvenüs

Michael Moores „Fahrenheit 11/9“ hinterlässt einen ambivalenten Eindruck
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 25. Januar 2019
Donald Trump vor der Conservative Political Action Conference, 2011 (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/gageskidmore/25475724870]Gage Skidmore[/url])
Donald Trump vor der Conservative Political Action Conference, 2011 (Foto: Gage Skidmore / Lizenz: CC BY-SA 2.0)

„Wie zum Teufel konnte das passieren?“, fragt Michael Moore. Großformatig im Bild: Donald Trump anlässlich seiner Wahl zum US-Präsidenten, projiziert auf die Fassade des Empire State Building. Leider liefert Moore die Antwort nur zum Teil. „Fahrenheit 11/9“ personalisiert und führt Trump als Dämon vor. Gleich zu Anfang insinuiert er mit zahlreichen Bildern und Einstellungen ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Tochter Ivanka. Eine ebenso kühne wie überflüssige Spekulation. Natürlich ist Donald Trump ein großmäuliger Blender mit zweifelhaftem moralischem Ruf. Aber davon gibt es reichlich. Das allein macht ihn noch nicht gefährlich.
Michael Moore zeigt Trumps politische Karriere als eine Anhäufung von Zufällen und unverhofftem Zuspruch. Allerdings stellt sich die Frage, warum jubelten die Menschen Trump zu und warum tun sie es noch heute? Und warum hatten viele der arbeitenden Menschen, auf die sich der Filmemacher so gern beruft, von Hillary Clinton die Nase gestrichen voll? Moore räumt ein, er habe Clinton unterstützt. Ausgerechnet Clinton, den Darling der US-Kriegs-, oder sollte man besser sagen: Mordmaschine, Clinton, die noch immer für die härteste, kriegerischste Handlungsoption votierte. Das soll die positive Alternative zu Trump sein?
„Fahrenheit 11/9“ hat seine starken Seiten, wenn der Film reale, engagierte Menschen zeigt. Das andere Amerika. Mutige, kämpferische, starke Persönlichkeiten. Moore macht tolle Interviews. Da ist ein bewunderungswürdiger, solidarischer Lehrerstreik um solch elementare Dinge wie eine Krankenversicherung und eine 5-prozentige Lohnerhöhung. Und, einmal in Bewegung, streiken die Lehrer weiter, auch gegen die eigene kapitulantenhafte Führung, damit auch die Schulbusfahrer die Lohnerhöhung bekommen. Das macht Mut und man hat sofort die Haltung der Co-Manager in den DGB-Gewerkschaftsführungen vor Augen. Oder da sind Rashida Tlaib und Alexandria Ocasio-Cortez, erfrischend mutige, junge Frauen, die neu in den Kongress gewählt wurden und sich, mit vielen anderen, Donald Trump und seinen Securities tapfer entgegen stellen.
Aber da sind auch Hoffnungen im Städtchen Flint. In jener zugrunde gerichteten ehemaligen „Vehicle City“ in Michigan, in der General Motors seine Chevrolets und Buicks baute. Bis der Neoliberalismus in den 1980er-Jahren die blühende US-Industrie in einen Rust-Belt und große Teile von Flint in eine Geisterstadt verwandelte. Moore zeigt das in „Roger & Me“. Wie viele schwarze Communities hatten sie auch in Flint an „Change – we can believe in“, an Barack Obama geglaubt. Es geht um Wasser. Das unverzichtbare Lebensmittel, für das der Neoliberalismus schon immer eine „Schwäche“ hatte. Hier winken satte Profite fast zum Nulltarif. In Flint wurde 2014 unter Führung von Governor Rick Snyder die hochwertige Wasserversorgung aus dem Huron-See eingestellt und stattdessen wurde der verseuchte, aber deutlich billigere Flint-River angezapft. Ergebnis: Die Einwohner wurden mit verdrecktem, mit Blei kontaminiertem Wasser „versorgt“, eine Legionellenwelle breitete sich aus. Moore zeigt, wie Obama die Krise zur eigenen PR nutzt. Er lässt sich demonstrativ ein Glas Flint-Wasser bringen und tut als ob. Er hält das Glas an den Mund, aber er trinkt nicht. Der Hoffnungsträger bringt keine Hoffnung. Die Dekonstruktion der mächtigen Demokraten und Republikaner ist Moores großes Verdienst – aber wie kann man da auf Hillary Clinton hoffen.
Trump hingegen wird durch Moore zu einem quasi-allmächtigen Dämon, zu einem Hitler, der eine ganze Kulturnation in die Barbarei zu stürzen vermochte. Moore zeigt beispielsweise einen Ausschnitt aus „Triumph des Willens“, in dem Leni Riefenstahl Adolf Hitler bei seiner Rede auf dem Nürnberger Parteitag gekonnt in Szene setzt. Allerdings kommt der Ton hier nicht von Adolf Hitler, sondern von Donald Trump. Diese fragwürdige filmische Verschmelzung setzt beide Männer nahezu unterschiedslos in eins. Mehr Dämonisierung geht nicht. Der historisch-gesellschaftliche, sozio-ökonomischen Kontext fehlt völlig. Ja, fast wird Trump zu Hitlers Wiedergänger. Natürlich sind die Entdemokratisierungs- und Faschisierungstendenzen in den USA (ebenso wie in der Bundesrepublik) nicht zu übersehen. Der „Tiefe Staat“, die Schattenregierung, die Notstandsgesetze, die Bürgerkriegspolizei, der „Heimatschutz“, die auch heute für die wahren Herren des Imperiums agieren. Nur – das ist nicht Trump. Dieser Prozess hat alte Traditionen und wurde von den Neokonservativen wie Cheney und Rumsfeld in radikalisierter Form vor und nach 9/11 vorangetrieben.
Trump habe gewonnen, weil er Clinton im Wahlkampf links überholt habe, bemerkt Moore. Nun, dazu gehört nicht viel. Er hat einige Wahrheiten ausgesprochen, die für die US-Kriegsmaschine, Big Oil, Big Money, die „liberalen“ Medien sowie das Polit-Establishment streng tabu sind. Dass die Kriege der letzten 40 Jahre eine einzige Katastrophe waren und sind, dass die US-Infrastruktur am Boden liegt, dass der Neoliberalismus die USA deindustrialisiert hat, dass es sinnvoll ist, sich mit Russland zu verständigen und die US-Wirtschaft wieder aufzubauen. Mit anderen Worten, dass der bisherige Kurs die Kräfte der USA überdehnt habe und eine Stabilisierung der Kräfte und Reduzierung der Anforderungen dringend erforderlich sei, wenn man denn überhaupt noch etwas vom US-Imperium erhalten möchte. Aus der Benennung der Probleme allein entsteht noch kein tragfähiger Lösungsansatz. Trump, wie gesagt ganz der neureiche, großmäulige Parvenü, hat allenfalls bürgerlich-nationalistisch-bornierte Ansätze im Köcher. Damit gibt er den idealen Watschenmann ab für jene, die alles so weiterlaufen lassen wollen wie gehabt. „Russia-Gate“, an Absurdität und Gefährlichkeit nur mit McCarthy vergleichbar, verknüpft sehr erfolgreich die Dämonisierung Trumps mit der Konstruktion des russischen Feindbildes. Und in der Tat geht vieles so weiter, für die Kriegshändler in Washington, aber auch in Europa.
Wie konnte es soweit kommen? Will man diese Frage beantworten, reicht die Verteufelung Trumps nicht aus, man muss schon die Namen Ronald Reagan und Margret Thatcher nennen, dazu Milton Friedman und Friedrich Hayek, aber auch die parteiübergreifende Kriegs-Mafia, von John Forster Dulles bis John McCain. Die Verarmungsprogramme der Neoliberalen und die Verwüstungen der US-Kriegsmaschine, alles ausnahmslos auf skrupellose Lügen gegründet. Die Gründe heißen Profitgier, Antikommunismus, ökologische Ignoranz und imperiale Hybris. Komme, was da wolle und nach uns die Sintflut. Nachdem auch ihre letzte Hoffnung, Bernie Sanders, von der skrupellosen Clinton-Führung weggeschossen wurde, und der betrogene und gedemütigte Sanders zur Wahl von Clinton aufrief,


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Leserbrief zu Artikel »Die Dämonisierung des Parvenüs«, UZ vom 25. Januar 2019





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