Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 25. Januar 2019

Verschleppung
Seit Jahrzehnten ist ungeklärt, ob es sich bei Picassos Porträt der „Madame Soler“ von 1903 um Raubkunst der deutschen Faschisten handelt oder nicht. Bis in die 1930er Jahre zählte das Gemälde zum Besitz des jüdischen Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy, seit 1964 hängt es in der Neuen Pinakothek in München. Um Rückgabe oder Klärung der Eigentumsverhältnisse gab es immer wieder Kontroversen – bislang ohne Einigung. Für solch strittige Fälle haben Bund und Länder die so genannte „Limbach-Kommission“ – benannt nach ihrer ersten Vorsitzenden, der Verfassungsrechtlerin Jutta Limbach – eingerichtet. Sie kann aber nur angerufen werden, wenn dem beide Streitparteien zustimmen. Im Fall des Picasso-Gemäldes ist das bisher nicht geschehen. Im letzten Jahr kündigte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) an, dass auch einseitige Anrufungen der Kommission, besonders von den Erben jüdischer Eigentümer, möglich sein sollen. Dagegen wehrt sich nun die Bayerische Staatsgemäldesammlung, zu der auch die Neue Pinakothek gehört, sie will vorher geklärt wissen, dass die Entscheidung der Kommission rechtsverbindlich sein müsse und danach nicht noch weitere juristische Schritte möglich seien. Soviel zum Umgang mit möglicher Raubkunst.

Interesse
Erfreuliches meldet der „Evangelische Pressedienst“: Im vergangenen Jahr haben mehr als 2,5 Millionen Menschen die ehemaligen Konzentrationslager in Deutschland besucht. Fast alle Einrichtungen verzeichneten steigende oder gleichbleibende Besucherzahlen. Erste Zahlen gehen allein für die KZ-Gedenkstätte Dachau nordwestlich von München von mehr als 900 000 Besuchern aus. Die Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin meldete einen Zuwachs auf über 700 000 Besucher. Derweil verzeichnete die Gedenkstätte Buchenwald so viele Besucher, dass die Einrichtung laut einem Sprecher inzwischen an den Rand ihrer Kapazitäten kommt: Geschätzt besuchten weit über 500 000 Menschen im vergangenen Jahr das ehemalige KZ bei Weimar. In Deutschland gibt es Dutzende KZ-Gedenkstätten, hinzu kommen viele weitere Erinnerungsstätten für die Verbrechen der Nazis. Die von der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ mit viel Aufwand und Getöse betriebenen „Gedenkorte“ klagen erfreulicherweise über rückläufige Besucherzahlen und haben mit Geldmangel und personellen Querelen, man denke nur an den unsäglichen Hubertus Knabe, zu kämpfen.

Drittmittel
Soviel Dreistigkeit gibt es nicht alle Tage: Das allseits geschätzte Unternehmen „Facebook“ will die Erforschung ethischer Fragen rund um „Künstliche Intelligenz“ in München mit 7,5 Millionen Dollar unterstützen. Das Geld soll über einen Zeitraum von fünf Jahren an das neue unabhängige „Institut für Ethik in künstlicher Intelligenz“ in einer Partnerschaft mit der Technischen Universität München fließen, wie Facebook am Sonntag ankündigte. Das Institut wolle diverse Aspekte künstlicher Intelligenz wie Fairness, Transparenz und Sicherheit untersuchen, hieß es am Rande der Innovationskonferenz DLD in München. Von Facebook kommt die Anschubfinanzierung, das Institut will sich aber auch um Geld von weiteren Partnern bemühen. Das Institut wird von Professor Christoph Lütge von der TU München geleitet. Das Bekenntnis zur Kultur der wertebezogenen Technologien, auch so eine Nebelkerze, führte zum „Munich Center for Technology in Society“ (MCTS) im Rahmen der Exzellenzinitiative 2012, einer Missgeburt deutscher Bildungspolitik. Man will nun mit Hilfe von Facebook „gesellschaftsrelevante Innovationskreisläufe“ untersuchen und selbstverständlich nimmt Facebook keinen Einfluss auf Forschung und Forschungsergebnisse.


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