Klassenkampf mit Service-Zentrum?

Von Herbert Schedlbauer
|    Ausgabe vom 18. Januar 2019
Beschäftigte im Handel demonstrieren mit ihrer Gewerkschaft ver.di, Mai 2015 in Essen. (Foto: Thomas Brenner)
Beschäftigte im Handel demonstrieren mit ihrer Gewerkschaft ver.di, Mai 2015 in Essen. (Foto: Thomas Brenner)

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di baut ihre Organisation um und zieht sich damit aus der Fläche zurück. Der Bundesvorstand verspricht sich davon Einsparungen und effizientere Verwaltung, Kritiker befürchten, dass aktive Belegschaften und Kollegen in Zukunft schlechter betreut werden. Die Umstrukturierung läuft unter dem Namen „Perspektive 2015 – ver.di wächst“ und soll bis zum ver.di-Bundeskongress im Herbst abgeschlossen sein. Zukünftig wird sich mit weniger Hauptamtlichen die Arbeit der Fachbereichssekretäre gravierend verändern. Nicht nur deren Betreuungsbereiche werden größer. Schon in vorausgegangen Testphasen zeigte sich, dass die Förderung und Betreuung der ehrenamtlichen Gremienarbeit schwerer wird. Weitere Wege durch längere Fahrzeiten zu den einzelnen Bezirken sind durch die Strukturänderungen vorgegeben. Gleiches gilt für die Unterstützung der Betriebsräte. Durch die Zusammenlegung der Bezirke steigt das Risiko, dass die Betreuung durch die Hauptamtlichen schwieriger wird und sich bisher bestehende Strukturen auflösen. Bislang aktive Kolleginnen und Kollegen werden sich in dem „Vereinigungsprozess“ nicht wiederfinden. Auf ähnliche Weise hatte sich vor fünf Jahren bereits der DGB aus der Fläche zurückgezogen.
Durch die Neuausrichtung von kollektiver Betriebsarbeit und individueller Gewerkschaftsarbeit, gemeint ist die Mitgliederbetreuung, soll gleichzeitig die Erreichbarkeit von ver.di verbessert werden. Mitglieder, die vor Ort ihren bisherigen Gewerkschaftssekretär per Telefon erreichen wollen, landen allerdings erst mal bei ver.di in der Hotline, einem sogenannten Service-Zentrum. Kurze Wege für Betriebs- oder Personalräte werden damit schwerer, wenn nicht ganz unmöglich. Trotzdem werben die Unterstützer der „Reform“, dass mit den Veränderungen die Qualität der Individualberatung steige. Außerdem betonen sie, dass durch die Reform Ressourcen gespart werden könnten. Nach den Plänen des Bundesvorstandes sollen analoge Post, telefonische Anfragen und E-Mails zunächst in ver.di-Zentren der Landesbezirke landen. Dreiviertel davon soll sofort, der Rest spätestens innerhalb von drei Arbeitstagen erledigt werden. Fachliche Anfragen und komplexe Sachverhalte, dies dürften bei zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit nicht wenige sein, gehen in der zweiten Beratungsstufe an die Teams „Recht und Beratung“. Dort sitzen Innendienstsekretärinnen und -sekretäre mit „Knopf im Ohr“. Einen Großteil ihres Arbeitstages verbringen diese mit Telefondienst. Können sie die Anfragen nicht abarbeiten, sind die Fachsekretäre an der Reihe. Gibt es immer noch kein Ergebnis, wird der gewerkschaftliche Rechtsschutz tätig. Sind Termine vor Ort mit den hilfesuchenden Mitgliedern nötig, wird diesen ein längerer Weg zum ver.di-Bezirk zugemutet. Denn am Ende des Umbaus wird es dutzendfach weniger Bezirke in der Republik geben.
ver.di will so eine Effizienzsteigerung von 30 Prozent im Verwaltungsbereich und beim Personal um 15 Prozent erzielen. Die ersten Erfolgsberichte wurden in diesen Tagen intern dazu verbreitet. Dort findet man einen wichtigen Punkt aber nicht: Ein langfristig zu erreichendes Sparpotential. Ein Hauptziel der Strukturreform, das Befürworter tunlichst vermeiden zu erwähnen.
In der Neuorientierung sehen Kritiker eine Gefahr für die ehrenamtlichen Strukturen auf Landes- und Bezirksebenen. Diese spielen bis jetzt eine wichtige Rolle in der betrieblichen und überbetrieblichen Einbindung von Mitgliedern. Für Hauptamtliche wird eine Arbeitsverdichtung eintreten, die sich auf eine vernünftige Betreuung der ehrenamtlichen Strukturen negativ auswirkt.
Wichtig wird sein, dass die Kolleginnen und Kollegen sich auch zukünftig in der Fachgruppenarbeit wiederfinden. Sonst besteht die Gefahr, dass die Bindung an die Gewerkschaft verloren geht. Hier müssen sich Ehrenamtliche und natürlich die Betriebs- und Personalräte bemerkbar machen und ihre Widersprüche formulieren. Ein nur nach Rechenschiebern ausgerichteter Umbau wird die Gewerkschaft nicht stärker machen.


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