Unsicher und bequem

Christoph Hentschel über Datenklau und Alternativen
|    Ausgabe vom 18. Januar 2019

Ein bisschen Hysterie ist angesagt. Nachdem ein 20-jähriger AfD-Fan Daten von Politikern und „Prominenten“ via Internet geklaut und veröffentlicht hat, haben „die Deutschen“ Angst. Der jüngste „Deutschlandtrend“ auf „tagesschau.de“ behauptet, dass sich 61 Prozent der Befragten vor dem Missbrauch ihrer persönlichen Daten fürchten. Nur 3 Prozent finden die Angabe von persönlichen Daten im Internet demnach unproblematisch. Dagegen gaben 60 Prozent der Befragten an, dass sie so wenig wie möglich angeben, auch wenn sie dann manche Dienste im Internet nicht nützen können. Bei den Diensten handelt es sich vorwiegend um Social-Media-Plattformen wie „Facebook“ und „Instagram“ und Messenger wie „WhatsApp“ und „Telegram“.
Die Umfrage stellt keine Frage zu den Dieben, deren alltägliches Geschäftsgebaren der Datenklau ist. Doch die ruchlosen Gewohnheitstäter sind genau die Dienste, die wir alle tagtäglich nutzen – ohne Angst und Hysterie. Sie nehmen uns sehr viel mehr Daten weg, als alle pubertären „Hacker“ zusammen es je könnten.
Der Wunsch nach Diensten, die nicht als „Datenkraken“ agieren und die gewonnenen Daten an Konzerne verhökern sowie an staatliche Stellen weitergeben, wird laut. Spätestens wenn Facebook wieder mal seine Nutzungsbedingungen aktualisiert, wird das deutlich. Nicht zu Unrecht, denn was geht es Konzerne und BND an, welche Fotos seiner Haustiere man mit seinen Freunden teilt und dass man gerade – mal wieder – nach einer wirksamen Möglichkeit sucht, die überschüssigen Weihnachtspfunde los zu werden. Wäre es nicht toll, wenn wir unsere Daten nicht ständig preisgeben müssten?
Dabei handelt es sich nicht um ein Hirngespinst aus einer fernen Zukunft, sondern um ein Echo aus der Vergangenheit. Technologien, die dezentral arbeiten und nicht ihre Monopolstellung ausnützen können, gibt es schon lange. Im Social-Media-Bereich ist „Diaspora“ die bekannteste und „Mastodon“ die neuste Alternative zu Facebook und Co. Es gibt auch schon seit der Jahrtausendwende Technologien, die eine dezentrale und verschlüsselte Kommunikation ermöglichen. Das bekannteste und auch älteste ist das XMPP-Protokoll, besser bekannt unter „Jabber“. Man nehme dazu die „Off-the-Road“-Verschlüssung (OTR) und braucht nicht mehr abzuwägen, ob man WhatsApp, Telegram oder dem als am sichersten geltenden „Signal“ seine Daten schenkt. Zu jedem „propritären“, sprich privatwirtschaftlich angebotenen Internet-Dienst gibt es heute kostenlose, weitaus sicherere „Open Source“-Alternativen, die auch besser gewappnet sind vor „Hackerangriffen“.
Jetzt fragen sich viele wohl: „Warum benütze ich diese tollen Dienste nicht?“ Das kann man tun und wird enttäuscht sein. Jeder kann sich auf einem dezentralen „Diaspora“- oder „Mastodon“-Server anmelden. Jeder kann sich einen „Jabber“-Client installieren und lostippen. Aber er wird nur selten ein bekanntes Gesicht dort antreffen. Zudem haben alle Dienste, die eine ernstzunehmende Verschlüsselung anbieten, ein Problem. Sie sind unpraktisch, weil sie einem nicht alle vorhandenen Kontakte auslesen. Man muss zuvor mit seinen „Freunden“ die entsprechenden Schlüssel austauschen.
Erfolgreiche Internet-Dienste zeichnen sich nur selten dadurch aus, dass sie besonders „gut“ sind. Sie sind bequem, weil sie einem mit der Datensammelwut auch lästige Arbeit abnehmen. Freunde finden, Daten austauschen? Das macht der Internet-Dienst für dich. Ihre Stärke haben sie dadurch, dass sie es geschafft haben, in ihrem Bereich das zu werden, was jede Dorfdisko zwischen Süderlügum an der deutsch-dänischen und Tittmoning an der deutsch-österreichischen Grenze auch geschafft hat. Obwohl die Musik schlecht ist, die Drinks eklig und die Location grottig, geht man in die Dorfdisko, weil halt alle, die man so kennt, dort auch hingehen. Genauso verhält es sich mit Internet-Diensten. Man ist bei Facebook, weil dort jeder ist, von der Kindergartenliebe bis zum Kollegen. Man benützt WhatsApp, weil jeder zumindest WhatsApp auf seinem Smartphone hat.
Was tun also? Familie, Freunde, Kollegen und Bekannte nerven, irgendeine viel tollere Alternative zu benutzen? Je nachdem, wie charmant man es macht, kann es im Kleinen klappen, bringt nur im Großen nicht wirklich viel. Und dann gibt es noch eine Forderung, die mindestens so alt wie Facebook ist: Weltweit agierende Internet-Dienste zu enteignen und unter UNO-Mandat stellen.


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Leserbrief zu Artikel »Unsicher und bequem«, UZ vom 18. Januar 2019





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